Beliebter Vortragsredner Richter Rock 'n' Roll

Thomas Fischer ist 63 Jahre alt, arbeitet als Bundesrichter - und wird von Studenten gefeiert wie ein Popstar. Sein Lieblingsthema: das Recht auf Rausch.

Richter und Autor Thomas Fischer
Foto: Intertopics, Illustration: Frank Höhne/UNI SPIEGEL

Richter und Autor Thomas Fischer


Kürzlich sah es so aus, als träte an der Bucerius Law School in Hamburg eine angesagte Rockband auf. Vorm Eingang standen junge Leute und hofften auf Restkarten, drinnen kämpften die Besucher um jeden Quadratmeter Platz. Doch es waren keine Musiker, die die Bühne betraten, es war kein Poetry-Slammer, keine coole Schriftstellerin, kein umschwärmter Philosoph aus Frankreich oder den USA. Es war ein fast kahlköpfiger und kurz vor der Pensionierung stehender Bundesrichter namens Thomas Fischer, der auf dem Podium Platz nahm. Ein Typ, der gerade zu einer Art Popstar und Erklärbär für Studenten und andere junge Menschen wird.

Alles begann damit, dass der mittlerweile 63 Jahre alte Jurist im Januar 2015 eine Kolumne auf "Zeit Online" bekam. Darin sollte es eigentlich um Fragen des Strafrechts gehen, doch Fischer erweiterte sein Themenspektrum um alles, was ihn interessiert. Er schrieb über die AfD, über Flüchtlinge, über die Silvesternacht in Köln. Er kommentierte, was das Land gerade so beschäftigte, und das in einfachen, klaren, oft brutal ehrlichen und provokanten Sätzen.

Als er während der Veranstaltung an der Bucerius Law School gefragt wurde, warum er beim Thema "Drogen-Legalisierung" so leidenschaftlich sei, antwortete er trocken: "Weil ich jungen Leuten ermöglichen will, ab und zu mal einen Joint durchzuziehen, ohne sich fürchten zu müssen." Klar, dass so etwas ankommt bei jungen Menschen, auch bei denen an der Bucerius Law School. Das Publikum applaudierte, jubelte und wollte den Mann nur ungern gehen lassen. Am Ende kam noch ein junger Journalist auf Fischer zu, um ein Video-Interview mit dem iPhone zu machen. Dem Juristen steckte ein langer Tag in den Knochen, andererseits wollte er den jungen Mann nicht enttäuschen - und vereinbarte ein Treffen am folgenden Tag.

"Eine Alternative zum Üblichen und Gewöhnlichen"

Fischer tritt regelmäßig auf Podien auf, doch seine wichtigste Bühne sind soziale Netzwerke. Dort verbreiten sich seine Texte rasant, sie werden geteilt, kommentiert, diskutiert. Der Bundesrichter, der vor seiner zweiten Karriere als Kolumnist allenfalls Jurastudenten wegen seines Kommentars zum Strafgesetzbuch bekannt war, wird mittlerweile auch von Menschen geliebt, die nichts mit Rechtswissenschaft anfangen können. Übrigens auch von Jan Böhmermann, der Fischers Beiträge fleißig bewirbt und sie damit noch populärer macht.

Wie denkt der Angehimmelte über den Hype? Oder anders gefragt: Hätten Sie sich selbst cool gefunden, als Sie noch jung waren, Herr Fischer? "Möglicherweise", sagt der Bundesrichter in seinem vollgestopften Büro in Baden-Baden, einem Raum, in dem sogar der Boden voller Ordner, Bücher und Papiere liegt. "Ich glaube, ich hätte mich ganz gut gefunden." Warum? "Weil ich eine Alternative zum Üblichen und Gewöhnlichen darstelle."

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Der Kolumnist schreibt seine Texte wie Redemanuskripte. "Ich stelle mir das Auditorium vor. Überlege, wie die Stimmung ist, was das Publikum erwartet. Und dann mache ich das Gegenteil." Fischer knallt seinen Lesern oft Unerwartetes vor den Latz. Mal macht er sich für das Recht auf Rausch stark, dann erklärt er, dass manche Terroristen mutig sind und die Lügenpresse keine Erfindung von Pegida und AfD ist, sondern manchmal auch Realität. Das alles hat ein bisschen was von Rock 'n' Roll, dem Reiz des Verbotenen. Das finden die Leute gut. "Manche haben den Eindruck, dass ich Dinge verbalisiere, die sie selber denken", sagt er, "oder die sie selber fast gedacht hätten."

Vom Paketzusteller zum Richter

Fischer will ein bisschen Ärger machen, provozieren, aber nicht zu doll. Nicht wie Thilo Sarrazin, auch nicht wie sein Bewunderer Jan Böhmermann. Es missfällt ihm ein wenig, dass es so "ein enormes Harmoniebedürfnis in der Gesellschaft" gibt. Deswegen wundert es ihn auch nicht, dass er neben seinen Fans auch scharfe Kritiker hat. Menschen, die regelmäßig die Frage aufwerfen, ob ein Bundesrichter sich überhaupt äußern dürfe. Einfach seine Meinung kundtun, und das vor einem Millionenpublikum. Hat so ein Staatsbeamter nicht einfach seine Akten abzuarbeiten und still zu sein?

Die jungen Leute, die ihn so mögen, bemitleidet er ein wenig. "Weil ihnen eingeredet wird, dass man sich spätestens mit zwölf Jahren auf den ersten Job vorbereiten muss", sagt Fischer. Neulich habe er in einem Juraseminar gefragt, was die Studierenden so vorhätten nach ihrem Abschluss und was sie anstrebten. "Da wurden mir Einstiegsgehälter von Großkanzleien genannt", empört er sich. "Diese Karrierehysterie ist erschreckend."

Fischer darf so etwas sagen. Er selbst hat die Schule abgebrochen, er wollte auch gar kein Jurist werden, erst recht nicht vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof. Er jobbte als Paketzusteller, studierte ein bisschen Germanistik. Erst mit 26 Jahren schrieb er sich für Jura ein. Dass er heute auf Bühnen steht und junge Menschen begeistert, bringt ihn nun ganz unverhofft wieder in die Nähe seines Kindheitstraums: Fischer wollte Rockstar werden.



insgesamt 31 Beiträge
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grain 24.05.2016
1. Verantwortungslos
Das gerade ein Richter sich für die Legalisierung von Drogen einsetzt ist erschreckend. Es hat hier absolut nichts damit zu tun, dass mal einer durchgezogen wird. Drogen bieten immer wieder den Einstieg in eine verheerende Drogenkarriere und dieser Richter sollte sich mal die Mühe machen und aus seiner geschätztem Ecke herauskommen und sich mal in die entsprechende Szene in Hamburg, Frankfurt usw. begeben. Hilfreich wäre auch der täglich Kontakt mit Streetworkern und Sozialämtern. Herr Fischer, Drogen sind kein Spaß und Sie haben die verdammte Pflicht sich um den Schutz der Jugend zu kümmern und nicht diese zu fragwürdigem Konsum zu verleiten. Können Sie das nicht, halten Sie bitte den Mund zu diesem Thema !
dont_think 24.05.2016
2.
Was soll die Lobhudelei auf einen echten Populisten?
AugustQ 24.05.2016
3. Gericht
Ist es richtig, daß das Gericht, dem Herr Fischer vorsteht, die längste Liste mit unbearbeiteten Fällen hat? Dieses Gerücht habe ich mal gehört und möchte nun wissen, ob das Gerücht stimmt.
hapebo 24.05.2016
4. Weitermachen H.Fischer
Ja warum kommt denn dieser Mann bei den Menschen so gut an? Der ist noch geerdet, während seine Amtskollegen in Karlsruhe in ihrem eigenen weltfremden Kosmos leben.Bei denen geht doch das normale Leben völlig an der Realtät vorbei, die Leben auch noch in ihrem eigenen Ghetto.
mam71 24.05.2016
5.
Problem ist: Ein _Recht_ kann ich in Anspruch nehmen oder es lassen. Sobald eine Drogenabhängigkeit vorliegt wird aber das Recht zum Zwang. Und dann, Herr Richter? Es ist schwer genug, den Konsum legaler Suchtmittel einzudämmen. Da muss man nicht ohne Not noch weitere hinzufügen.
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