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Praktikum auf dem Schlachthof: "Ich will das nicht mehr essen"

Foto: Mara Braun

Tiermedizin-Studenten auf dem Schlachthof Nur die Augen bleiben übrig

Wer Tieren helfen will, muss auch dabei sein, wenn sie getötet werden: Ein Praktikum auf dem Schlachthof gehört zum Tiermedizinstudium. Der erste Arbeitstag von zwei Studentinnen - zwischen Schweinen, Blutlachen und Vegetarismus-Diskussionen.
Von Mara Pfeiffer

Der Transporter rollt im frühen Morgengrauen auf den Hof des Fleischversorgungszentrums, kurz: des Schlachthofs. Neugierig schnuppern die Schweine zwischen den Stangen des Fahrzeugs hervor. Tierärztin Ursula Strecker lässt sich das Fahrtenbuch aushändigen und erklärt, wonach sie schaut: Fahrzeit, Pausen, Zustand des Fahrzeugs, Wohlergehen der Tiere. "Manchmal kommen die dehydriert an, oder der Fahrer schlägt sie beim Abladen, weil es ihm nicht schnell genug geht. Das darf nicht sein, sie müssen anständig behandelt werden."

Katja Schwarzmeier und Michelle Molkenthin nicken. Sie studieren Tiermedizin, es ist der erste Praxistag ihres Schlachthofpraktikums - ein Pflichtbestandteil des Studiums. "Ich habe vergangene Nacht nicht geschlafen", gesteht Katja nervös, Michelle nimmt derweil gespannt alles auf, was Ursula Strecker erzählt. Vor dem Praktikum ist ihr nicht bange, der Praxisteil innerhalb des Studiums ist aus ihrer Sicht ohnehin zu gering.

Strecker geht voran in die Stallungen. Die Schweine in den Boxen sind etwa ein halbes Jahr alt, die meisten dösen, andere kommen angetrabt, als sie die Menschen wahrnehmen. "Schweine sind sehr intelligent", sagt Strecker und lässt sich von einem die Hand abschlecken, einem anderen streicht sie flüchtig über den Kopf, dann kontrolliert sie die Tränke in einer der Boxen. "Es ist wichtig, die Tiere gut zu behandeln", sagt sie abermals und nickt einem jungen Mann zu, der eine Gruppe Schweine aus den Stallungen begleitet. Es ist ihr letzter Gang - an dessen Ende werden sie in einer Anlage betäubt, dann beginnt der Schlachtprozess.

Katja, Michelle und die Tierärztin tragen Schutzkleidung, auch Helme gehören dazu. In der Halle ist es laut, Feuer zischt aus einem Teil der Anlage, in dem die Schweine abgeflammt werden, an anderer Stelle werden sie abgebrüht, und es riecht plötzlich wie in einer Metzgerei. Die Tiere hängen an Haken, werden wie an einem Förderband in der Luft bewegt. Immer wieder ducken die Frauen sich unter den Schweinen hindurch, aus denen Blut tropft. Ein Arbeiter schneidet aus den Köpfen der Tiere die Augen heraus, sie werden nicht verwertet. Plötzlich spritzt ein Schwall Blut auf die Gruppe: Hinter ihnen am Band teilt ein Mann die Schweine mit einer Art Säge in zwei Hälften.

Tiermediziner werden oft mies bezahlt

In der Pause können die Studentinnen der Tierärztin ihre Fragen stellen. Zwei unterschiedliche Überzeugungen treffen in der Teeküche aufeinander: Einige Ärzte, Fleischereifachangestellte und Metzger haben mit ihrem Job hier dem Fleischkonsum abgeschworen, andere genießen weiter ihr Wurstbrot. "Ich will das nicht mehr essen", sagt Katja, die noch mit der Info kämpft, dass Leberwurst oft mit Hirn gestreckt wird. Michelles Ansatz ist pragmatischer: "Wenn die Tiere schon sterben, finde ich es sinnvoll, auch alles davon zu nutzen." Eine der Ärztinnen bringt auf den Punkt, was viele der Kollegen hier denken: "Die Leute wollen alle Fleisch, aber dann tun sie entsetzt, dass dafür Tiere sterben müssen. Das ist scheinheilig."

Etwa 35 Studenten absolvieren jährlich ihr Praktikum hier im Fleischversorgungszentrum in Mannheim, rechnet Walter Haag, Leiter des Veterinärdienstes, vor. Den Wunsch, später auf einem Schlachthof zu arbeiten, höre er dabei jedoch so gut wie nie, sagt er lächelnd. "Aber es ist ein guter Job. Und wir erfüllen eine wichtige Aufgabe." Auch Ursula Strecker ist eher zufällig hier gelandet. "Die Arbeit als Tierarzt wird einfach immer schlechter bezahlt - und von irgendwas musst du ja leben", erklärt sie.

Zurück in der Halle werden Katja und Michelle am Band eingeteilt. Hier werden sie während des dreiwöchigen Praktikums die meiste Zeit verbringen, um zu lernen, wie man den Zustand der Organe bei den Tieren beurteilt, also zum Beispiel krankhafte Veränderungen zu erkennen - oder wo sie wie das Messer ansetzen müssen, um Innereien sauber herauszutrennen. Die Kollegen am Band sind die Anwesenheit der Studenten gewöhnt. Ein Metzger spritzt sich auf dem Weg in seine Pause die Plastikschürze mit einem Wasserstrahl ab, das verdünnte Blut bildet auf dem Boden eine große, rote Lache.

"Da denkt man nicht mehr an Lebewesen"

Rund um das Förderband stehen Bottiche, in denen Blut schwimmt und aussortierte Organe entsorgt werden. Ein Mediziner schleift sein Messer am Block nach, Katja versenkt ihres in einem halbierten Schwein. "Wenn die Tiere erst einmal hängen, wirkt es sehr abstrakt, da denkt man nicht mehr an Lebewesen", sagt Michelle am Ende des ersten Tages. Katja ist überrascht, wie körperlich anstrengend die Arbeit am Band ist. "Noch dazu bin ich Linkshänderin, für mich hängen die Tiere immer erst mal falsch herum."

Eine junge Tierärztin in der Teeküche ermutigt die beiden: "Die Zeit hier ist ein andauernder Lernprozess. Das Praktikum ist echt wichtig." Michelle nickt zustimmend und schält sich aus der blutigen Schutzkleidung, Katja findet: "Spannend ist es, ja. Aber ich bin froh, dass ich gerade bei meiner Mama wohne und mich abends ein bisschen ausheulen kann."

Damit, so resümieren die beiden, reiht sich das Praktikum nahtlos in die vergangenen Jahre ein: "Es ist schon ein Studium, das einem alles abverlangt, sowohl zeitlich als vor allem auch emotional."

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Foto: Patrick Seeger/ dpa

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