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16. Juli 2001, 14:11 Uhr

Titelmühlen im Internet

Der große Online-Schwindel

Um zwei Buchstaben und einen Punkt vor dem Namen zu tragen, müssen Doktoranden lange schuften. Natürlich geht es auch einfacher: Im Internet blühen dubiose Geschäfte mit Doktortiteln. Vor allem in den USA verbergen sich Titeldiscounter hinter Briefkastenfirmen.

Schick, so ein Doktorhut - der Titel macht aber viel Arbeit
DPA

Schick, so ein Doktorhut - der Titel macht aber viel Arbeit

Es klingt so bequem und verlockend: Vorlesungen zu Hause statt an der Universität hören, den schmucken akademischen Titel per Online-Studium erwerben. Die Columbia State University im Bundesstaat Louisiana ist eine der US-Hochschulen, die mit solchem Service warben. Der Haken: Die Columbia State University gehörte zum Club der "degree mills" - der Titelmühlen, die für viel Geld wertlose Titel verhökern.

Weltweit seien derzeit etwa 300 solcher Diplom-Fabriken aktiv, sagt der amerikanische Autor John Bear. Jahrelang unterstützte er die US-Bundespolizei FBI bei der Entlarvung von "degree mills". Die groß angelegten Ermittlungen waren durchaus erfolgreich, in den neunziger Jahren nahm der internationale Betrug mit gefälschten Titeln ab.

Keine Uni, kein Gebäude, kein Campus - nur ein Postfach

Inzwischen jedoch hat sich der Wind gedreht: In den USA und anderen Ländern setzen viele seriöse Hochschulen auf den Trend zur Online-Ausbildung. Und das lockt windige Geschäftemacher auf den Plan. Nach Bears Erfahrungen sind Doktortitel im Sonderangebot keine Seltenheit mehr.

Auch Bill Johnson, Buchhalter in North Carolina, fiel auf das Angebot der Columbia State University herein. "Die haben mir Bücher und Prüfungsformulare geschickt, alles sah völlig echt aus", sagt Johnson. Für sein dreijähriges Betriebswirtschaftsstudium zahlte er insgesamt 5000 Dollar (rund 11.500 Mark) und erhielt schließlich ein verdächtig aussehendes Diplom. Als Johnson die Behörden alarmierte, deckten die Ermittler einen großen Betrug auf: "Es gab überhaupt keine Universität, keine Gebäude, keinen Campus - nur ein Postfach", so Richard Ieyoub, Oberstaatsanwalt in Louisiana.

Die Columbia State University musste mittlerweile schließen. Doch in den USA ist die Rechtslage so verwirrend, dass dubiose Institutionen leichtes Spiel haben. So entscheiden die Bundesstaaten nach oftmals lockeren Regeln über die Zulassung von Bewerbern an weiterführenden Schulen und Universitäten. Und gewiefte Titelmühlen-Betreiber können diese Regeln umgehen. Im Bundesstaat Idaho beispielsweise ist das Canyon College zwar nicht als Bildungsinstitution zugelassen, kann dort aber völlig legal arbeiten, solange keine Diplome an Bürger des Staates Idaho verkauft werden.

Die Titeldealer operieren international

Die Entlarvung von Titeldiscountern hat John Bear zu seiner Lebensaufgabe gemacht. Denn zu seinem Bedauern sorgen die "degree mills" für einen schlechten Ruf einer guten Idee. Virtuelles Lernen hält er für eine geniale Methode, weil der Computer immer mehr Menschen Zugang zu hochwertigem Ausbildungsmaterial ermögliche. Bear hat mit dem Thema ständig zu tun: Er veröffentlicht einen Führer mit Empfehlungen für die besten Online-Kurse.

Längst nicht alle der in USA aktiven Online-Betrüger leben auch in den Vereinigten Staaten - gern verstecken sie sich weit entfernt vom Wohnort ihrer besten Kunden. Besonders empört ist Bear derzeit über die Glencullen University, die akademische Titel seriöser Hochschulen anbietet. Diese Firma mit offiziellem Sitz in England und Irland sei international organisiert, sagt Bear: Die Werbung werde in Rumänien gemacht, die gefälschten Diplome kämen aus Israel. Und die Geschäftszentrale sei auf Zypern.

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