Tödliche Tests von US-Studenten "Im Keller hört dich niemand schreien"

Mit Eiswasser übergossen, mit Urin eingerieben, Komasaufen und Elektroschocks: An US-Unis müssen Bewerber für Studentenverbindungen oft grausame Prüfungen bestehen. Berühmte Alumni wie George W. Bush verteidigen die extremen Rituale - doch die enden manchmal tödlich.
Von Anja Schröder

Als die Kellnerin den Appetizer bringt, sagt er, dass er eigentlich gar nichts erzählen dürfte. Geheimnisse der "Bruderschaft" zu verraten verstößt gegen den Kodex der Verbindung, in die er als 18-jähriger Student eintrat und der er sich heute, als Alumnus mit 30, immer noch verbunden fühlt. "Nenn mich Brian", sagt er. Dann fängt er an zu reden, und im ersten Moment möchte man all das belächeln, als wäre es nichts als ein bisschen reaktionär angehauchte Universitätsromantik.

"Greeks" werden die männlichen und weiblichen Mitglieder amerikanischer Studentenverbindungen genannt, weil sich ihre Vorläufer schon im 19. Jahrhundert Namen gaben mit griechischen Buchstaben wie "Phi Delta Theta", "Alpha Kappa Lambda" oder "Kappa Kappa Gamma". Heute sind die Zusammenschlüsse oft national organisiert und verfügen über weitverzweigte Ehemaligen-Netzwerke. Vor allem in konservativen Kreisen wird eine Mitgliedschaft gern gesehen, steht sie neben sozialem Engagement doch vor allem für althergebrachte Werte: Gemeinschaftssinn; Eintreten für Ideale; Respekt; Freundschaften fürs Leben.

Doch dahinter verbirgt sich manchmal eine zweite Wahrheit. Denn Jahr für Jahr bezahlt mindestens ein US-Student seinen Beitritt nicht nur mit ein paar hundert Dollar, sondern auch mit seinem Leben.

Die Initiationsriten erinnern an Folter

"Hazing" nennen die Amerikaner das Treiben, bei dem es schwer ist, Täter und Opfer auszumachen. 44 der 50 Bundesstaaten haben es unter Strafe gestellt. Man könnte es mit "schikanieren" übersetzen, aber es ist mehr als das. Denn Hazing steht für Erniedrigung, die freiwillig in Kauf genommen wird. Es ist der soziale Preis, den man zahlt für den Aufstieg vom "Pledge", vom Bewerber, der ein Treueversprechen abgibt, zum vollwertigen Gruppenmitglied.

Bei den Initiationsriten sollen die Neulinge ihre Loyalität beweisen, doch manche Praktiken erinnern an Folter. Wie im Februar 2005, als der 21-jährige Matthew Carrington von seinen künftigen Brüdern der "Chi Tau"-Verbindung an der California State University in Chico die Treppe hinuntergeführt wurde, vorbei an einer Wand mit der Aufschrift: "Im Keller hört dich niemand schreien". Dann folgte die sogenannte "water torture": Carrington wurde stundenlang mit eiskaltem Wasser übergossen, musste ganze Kanister leer trinken und dabei Liegestütze machen. Er starb noch in derselben Nacht an Unterkühlung und Wasservergiftung.

Extremfälle wie diese lenken den Blick auf etwas, das mitunter zum guten Ton einer elitär auftretenden Subkultur zu gehören scheint. In vielen Familien haben schon ganze Generationen die Pledge-Zeit durchlebt. "Auch mein Vater und mein Bruder waren in der Verbindung", sagt Brian. Und so hielt auch er durch, das gesamte erste Semester.

Vier Monate lang lief Brian im Morgengrauen über den Campus der Pennsylvania State University, die mit über 80 Verbindungen eines der größten Greek-Zentren ist, und brachte seinen künftigen Verbindungsbrüdern die tägliche Ausgabe der Campus-Zeitung. Bei der "Lunch Duty" ließ er sich Erdnussbutter in den Gehörgang stopfen, während der "Phone Duty" saß er abendelang am Telefon. Und immer wieder putzte er mit anderen Pledges das Verbindungshaus. Nicht selten kam es vor, dass ein Bruder hinterher eine "Extra-Aufgabe" stellte und auf dem frisch gesaugten Fußboden eine Tüte Chips ausleerte.

Über 100 tödliche Fälle

Doch es gab auch gute Tage. An denen saß man zusammen, durfte mit den Brüdern lachen und bekam zwischendurch ein Bier - bis plötzlich die Lichter ausgingen. "Wir wurden dann in den Keller zum 'Line Up' gebracht", erzählt Brian. "Sie haben dich angeschrien, dir ins Gesicht gespuckt. Dann musste man stundenlang an der Wand stehen. Wer aufs Klo wollte, musste sich in die Hosen pinkeln. Dann wurde er ausgelacht."

Das tatsächliche Ausmaß derartiger Praktiken in US-Studentenverbindungen ist unklar. Nur eines ist sicher: Hazing hat Tradition. Der Journalist Hank Nuwer, der in den siebziger Jahren zu recherchieren begann, datiert den ersten von über 100 Fällen mit tödlichem Ausgang auf das Jahr 1838 in Kentucky. Die Liste der Methoden für das, was in Europa schon seit dem 15. Jahrhundert unter Studenten praktiziert worden sein soll, ist lang und reicht von Brandmarken mit Zigaretten und glühenden Eisen über das Wälzen in Fäkalien und Erbrochenem bis hin zu sexueller Gewalt und Elektroschocks.

Party-Trinken bis zum Delirium - oder gleich bis in den Tod

Todesfälle traten dabei zunächst nur vereinzelt auf. Doch seit den achtziger Jahren sind sie - nicht selten in Verbindung mit Alkohol - zur jährlichen Routine geworden. Und während manche Colleges früher noch in Verdacht standen, Ermittlungen aus Angst vor Rufschädigung nicht konsequent voranzutreiben, haben heute praktisch alle Universitäten eine deutliche Anti-Hazing-Politik. Und auch die "Greeks" selbst haben ihre Statuten längst neu geschrieben. Denn seit Ende der achtziger Jahre führte laut der Fraternity Insurance Purchasing Group eine Reihe millionenschwerer Zivilklagen dazu, dass Studentenverbindungen auf der Risikoliste der Versicherer an sechster Stelle geführt wurden - gleich hinter Sondermülldeponien und Asbestfirmen.

Die Situation habe sich mittlerweile zwar "verbessert", sagt Claire Wilkinson vom Insurance Information Institute in New York. Dennoch sind Verbindungspartys, die vorher bei der Polizei angemeldet werden müssen, keine Seltenheit, genauso wie Verbindungshaus-Brände, die Studenten das Leben kosten. Dazu komme, dass jetzt immer mehr Hazing-Fälle sofort strafrechtlich verfolgt würden, so der Anwalt Douglas Fierberg aus Washington, D. C., der bereits zahlreiche Opfer vertreten hat.

Eine neue Null-Toleranz-Politik will man bei der North-American Interfraternity Conference (NIC), die 68 männliche Studentenverbindungen repräsentiert, kommunizieren. "Wir haben deutlich gemacht, dass Hazing kein Spaß, sondern ein schwerer Verstoß gegen unsere Standards ist", sagt Vizepräsident Pete Smithhisler, der nicht bestreiten möchte, "dass es ein Problem gibt". Doch die Fälle, über die in den Medien berichtet werde, seien keineswegs die Norm: "Hazing hat nicht das Geringste mit dem zu tun, wofür wir stehen."

Der Verband habe, so Smithhisler, "unzählige Stunden" investiert, um die jungen Brüder an Colleges im ganzen Land zu erziehen. Und so liest sich dann auch die dritte von insgesamt neun Basic Expectations der NIC folgendermaßen: "Ich werde die Würde jedes einzelnen achten; deshalb werde ich keinen Menschen körperlich, geistig, psychisch oder sexuell missbrauchen oder verletzen."

Die "Hell Week" für Neulinge

Doch riskante Mutproben scheinen viele Bewerber nicht abzuschrecken. Hinter allem, so die Psychologin und Hazing-Expertin Susan Lipkins, stehe ein Prinzip: "Man will sich und anderen beweisen, dass man es wert ist, in die Gruppe aufgenommen zu werden." Während Jungs zu körperlicher Gewalt neigten, praktizierten Mädchen subtilere Dinge - wie etwa nach Körbchengröße geordnetes Aufreihen ohne Oberteil oder Einkringeln von Fettpolstern mit Filzstiften. Der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt, denn in einem Kreislauf von Hierarchie und Tradition fühle man sich "im Recht, anderen das anzutun, was man selbst durchgemacht hat".

Dazu gehört nicht selten die sogenannte "Hell Week". Für Smithhisler ist das nur ein "veralteter Begriff", den heute "keine Verbindung mehr" gutheiße. Für Brian waren es "drei oder vier sehr intensive Tage" am Ende seiner Pledge-Zeit. "Genau weißt du es nicht, weil du dein Zeitgefühl verlierst, wenn du im Dunkeln eingesperrt bist und nicht schlafen darfst." Stattdessen stundenlanges Rennen im Kreis, Tritte gegen den Oberkörper, Bananenschalen und Zigarettenkippen zum Essen und ein Urin-Gemisch zum Einreiben. "Am Schluss hast du einen Pizza-Karton als Kopfkissen gekriegt."

Niemand weiß, in wie vielen Verbindungen derartige Züchtigungen an der Tagesordnung sind. In einer Befragung von rund 700 College-Studenten aus dem Jahr 2002 gaben 36 Prozent an, mindestens einmal Hazing begangen zu haben, wobei das Problem nicht auf Studentenverbindungen begrenzt zu sein scheint: Vor allem in Sportteams, aber auch beim Militär und an Schulen werden fragwürdige "Rituale" vermutet. Allerdings: Die College-Atmosphäre scheint besonders anfällig zu machen. Und ein möglicher Grund könnte der hohe Anteil der besinnungslosen Party-Trinker sein, bei denen die "Greeks" diversen Studien zufolge zahlreich vertreten sind.

Einer davon war Gordie Bailey. Der 18-Jährige hatte gerade angefangen, an der University of Colorado zu studieren. Er war ein guter Student, Sportler, Mitglied der Theatergruppe, bei allen beliebt, als er am Abend des 16. September 2004 mit verbundenen Augen neben 26 anderen Pledges im Wald bei Gold Hill saß, um seine Aufnahme in den örtlichen "Chi Psi"-Verband mit unzähligen Gläsern Bourbon Whiskey und kalifornischem Wein zu besiegeln. "Niemand hat Gordie gezwungen zu trinken", sagt Jack Gilles, der in besagter Nacht wie Bailey zu den Pledges gehörte. Stattdessen habe er sich wohl "zumindest teilweise beweisen" wollen.

Warum George W. Bush das "Brandmarken" mit einem glühenden Eisen harmlos fand

Am nächsten Morgen fand man Gordie leblos auf dem Sofa der Verbindungsbibliothek. Im Blut hatte er 3,28 Promille, auf seine Haut waren rassistische und erniedrigende Sprüche geschrieben. Als jemand endlich einen Krankenwagen rief, war Gordie tot.

"Niemand konnte sich vorstellen, dass man durch Alkohol sterben kann", sagt Jack. Mit der Alkohol-Aufklärung sei es wie mit der Erziehung zu sexueller Abstinenz: "An den Schulen sagt man den Leuten: 'Tu das nicht, das ist schlecht!' Aber die Kids machen es eben trotzdem." Seit dem Tod seines Freundes tourt der 20-Jährige deshalb durch Hörsäle im ganzen Land, um seine Altersgenossen "realistisch" über Alkoholvergiftungen aufzuklären.

Manche Unis wollen es nicht mehr darauf ankommen lassen. Nach dem Tod eines 21-jährigen "Zeta Beta Tau"-Bruders wurden an der Alfred University in New York 2002 praktisch alle Verbindungen verboten. In Princeton, wo es laut Janet Dickerson, Vice President for Campus Life, "seit vielen Jahren Spannungen" zwischen Universität und "Greeks" gibt, erkennt man die Verbindungen offiziell nicht an. Stattdessen verschickt Dickerson Briefe, mit denen die Erstsemester angeregt werden sollen, zweimal über eine Mitgliedschaft nachzudenken. Trotzdem entscheiden sich geschätzte 15 Prozent aller "Freshmen" nach wie vor für die Greeks, die ihre Treffen abseits des Campus abhalten.

Bush war schon 1967 Mr. President - in einer Verbindung

Manchmal bekommt Hank Nuwer, der ein Anti-Hazing-Blog betreibt, wütende E-Mails. "Niemals würde ich den neuen Pledges das vorenthalten, was ich erfahren habe", schreibt ein Verbindungsbruder. Denn Hazing habe seine "Pledge Class" zu einer einzigartigen Einheit geschweißt: "Wir waren wie ein Bataillon, wie eine Armee." Derartige Kommentare, sagt Nuwer, kämen bisweilen auch von Prominenten. Und berühmte Alumni gibt es genug.

Einer davon wurde bereits in einem Artikel über "sadistische und obszöne Initiationsriten" an der Universität Yale 1967 in der "New York Times" zitiert. Das Brandmarken der Pledges mit einem glühenden Eisen, so der 21-jährige Yale-Student und ehemalige "Delta Kappa Epsilon"-Präsident, verursache "nur eine Zigaretten-Brandwunde", weshalb er die Aufregung auf dem Campus nicht verstehe. Der Student hieß George W. Bush.

Mehr als 35 Jahre ist es her, dass in Stanford ein Laborversuch abgebrochen werden musste, weil im Keller des Psychologie-Departments Studenten zu Folterern ohne Hemmschwelle geworden waren. Und es scheint, dass die Grenzen bis heute allzu leicht verschwimmen - zwischen Spaß und Ernst; Einbildung und Wirklichkeit; Recht und Unrecht.

Auf dem ersten Foto einer inzwischen berühmten Serie aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghureib, so der frühere Army Reserve Specialist Joe Darby in einem ABC-Interview, sei die Pyramide mit den Nackten gewesen: "Es wirkte wie etwas, was man auch in einer Studentenverbindung am College finden würde." Da habe er noch gelacht. Doch nachdem er alle Fotos angeschaut hatte, sei ihm klar geworden, dass er eine Entscheidung treffen musste.

Drei Tage lang zögerte der damals 24-Jährige. Im Januar 2004 übergab er der Army Criminal Investigation Division eine Foto-CD und machte damit den Skandal von Abu Ghureib öffentlich. In seiner Heimatstadt in Cumberland im US-Bundesstaat Maryland haben sie ihn einen Verräter geschimpft. Und für so manchen wäre er vielleicht auch ein schlechter Bruder. Einer, der ein Geheimnis nicht für sich behalten konnte.

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