Toiletten-Prosa "Ich bin eine 9 - was bist du?"

Klotür-Kritzeleien sind ihr Metier: Die Leipziger Studentin Antje Lober hat die Toilettengraffiti an ihrer Uni untersucht. Sie stieß auf rätselhafte Gedichte, eingravierten Frauenfrust und einen unerwarteten Nachruf. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt Lober, warum das Örtchen in die Germanistik gehört.


Gegenstand von Feldforschung: Toilettentür an der Leipziger Universität

Gegenstand von Feldforschung: Toilettentür an der Leipziger Universität

SPIEGEL ONLINE:

Klosprüche als Thema für eine wissenschaftliche Abschlussarbeit - wie sind Sie darauf gekommen?

Antje Lober: Während des Studiums habe ich in einem Supermarkt gejobbt und hatte einen Kommilitonen als Arbeitskollegen. Der schlug mir das Thema vor, als mal nichts zu tun war an der Kasse und ich ihm über die bevorstehende Magisterarbeit berichtete. Bis dahin hatte ich mir über Klosprüche wenig Gedanken gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Und wie hat Ihre Professorin auf den Vorschlag reagiert?

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Toiletten-Prosa: "Ich, männlich, hab' euer Klo benutzt"
Lober: Die war gleich angetan und half mir sogar, das Thema so zu formulieren, dass in der Prüfungskommission niemand Anstoß daran nehmen konnte. Ich hatte mir aber ohnehin gute Chancen ausgerechnet, weil sie schon mal eine Arbeit über Comics betreut hatte. So etwas stellt man sich ja auch nicht gleich unter einer typischen germanistischen Abschlussarbeit vor.

SPIEGEL ONLINE: Wie sah Ihre Forschungsarbeit aus? Gab es stundenlange Sitzungen?

Lober: Es hat schon eine ganze Zeit gedauert. Immerhin habe ich 200 Sprüche auf den Toiletten des Leipziger Uni-Campus abgeschrieben und fotografiert. Das habe ich aber extra während der Semesterferien gemacht, da ist ja erfahrungsgemäß weniger Betrieb an der Uni. Und die Toiletten der Cafeteria habe ich entweder vor oder nach der Mittagszeit besucht, um peinliche Situationen zu vermeiden. Die gab's aber trotzdem.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Lober: Na ja, ich habe immer wieder ziemlich komische Blicke geerntet. Die Leute haben halt geguckt. Schließlich hatte ich auch keine Digitalkamera, mein Apparat hat laute Geräusche gemacht. Das fand ich unangenehm, bei 20 Klos oder so kommt ja immer mal jemand rein in den Raum. Ich habe dann oft versucht, gleichzeitig zu spülen und auszulösen, damit's nicht so auffällt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben nur die Frauenklos besucht. Warum nicht auch die der Männer?

Lober: Es war schlicht einfacher für mich, die Frauenklos aufzusuchen. Und dann gibt es da noch die Untersuchungen des Österreichers Norbert Siegl. Er konnte für mich glaubhaft darlegen, dass es auf Frauenklos zwar seltener, dafür aber zu längerer und tiefer gehender Kommunikation kommt. Bei den Herren dreht sich am Ende doch nur alles um Sex und Fäkalien.

SPIEGEL ONLINE: Wie läuft sie denn ab, die tiefer gehende Kommunikation?

Lober: Die Kritzeleien auf Frauentoiletten sind ehrlicher und persönlicher. Und es gibt richtige Dialoge, bei denen meist auf eine interessante Frage oder ein provokantes Statement geantwortet wird. Die meisten Antworten beziehen sich sogar mit Pfeilen direkt auf die jeweilige Kritzelei. Das Ausmaß ist teilweise riesig. So wie bei dem Spruch "Ich habe mich in meinen Dozenten verliebt. Was soll ich tun?" Das ist eine Kritzelei ohne Verfallsdatum. Ständig kommen da neue Antworten dazu. Das reicht von der Frage, um wen es sich handelt über "Versuch doch mal herauszufinden, ob er dich auch mag" bis hin zu "Gibt es hier Dozenten, in die man sich verlieben kann?"

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie noch gefunden?

Lober: Es gibt Aufrufe und Einladungen, Kettenreime, Umfragen, Gedichte, Zitate und sogar einen Nachruf. Den hat eine Frau für ihre verstorbene Oma geschrieben. "In loving memory of my grandma, Oma Therese" steht da. Und: "Du wärst heute 90 geworden". Es gibt auch Unsinniges wie "Ich bin eine 9 - was bist du?" Vieles hat mit Emotionen zu tun, seien es Liebeserklärungen oder Beleidigungen wie "Dumme Westtussi" oder, ganz anders, "Schönes Gefühl, Türen zu beschmieren". Es wird auch diskutiert über aktuelle Themen wie Bildungsabbau, Wahlen oder Feminismus.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die "Toilettengraffiti", wie die Klosprüche in Ihrer Arbeit heißen, denn auch nach Textsorten klassifiziert. Um eine ganz neue Textsorte handelt es sich also nicht?

Antje Lobers Magisterarbeit trägt den Titel "Kritzeleien an Toilettenwänden - eine eigene Textsorte? Untersuchungen zu dem Faktor Örtlichkeit innerhalb einer Klassifikation von Textsorten." Die 26-Jährige arbeitet mittlerweile als Sprachassistentin im südchinesischen Guangzhou

Antje Lobers Magisterarbeit trägt den Titel "Kritzeleien an Toilettenwänden - eine eigene Textsorte? Untersuchungen zu dem Faktor Örtlichkeit innerhalb einer Klassifikation von Textsorten." Die 26-Jährige arbeitet mittlerweile als Sprachassistentin im südchinesischen Guangzhou

Lober: Nein, eine eigene Textsorte sind die Kritzeleien meiner Ansicht nach nicht. Aber meine Arbeit zeigt, dass innerhalb einer Klassifikation von Textsorten weit mehr differenziert werden sollte als bisher üblich. Ich finde, die Örtlichkeit muss eine Rolle spielen. Textsorten, die sich strukturell und funktional ähneln, sich aber hinsichtlich der Örtlichkeit unterscheiden, müssen als Vertreter verschiedener Ebenen gesehen werden, quasi als Varianten von Textsorten. Ein Nachruf in einer Zeitung wirkt schließlich anders als ein Nachruf an einer Toilettentür.

SPIEGEL ONLINE: Seit kurzem arbeiten Sie nun in China als Sprachassistentin. Haben Sie schon Klosprüche entdeckt?

Lober: In China gibt es kaum Klosprüche. Ich denke, das liegt an der vollkommen anderen Toilettenkultur. Erst allmählich gibt es Trennwände oder Türen auf den öffentlichen Toiletten und sehr sauber sind sie auch nicht - es fehlt also definitiv der Moment der Privatheit, der für das Schreiben von Toilettensprüchen essentiell ist. Letzte Woche habe ich erstmals in einem Restaurant einige Sprüche in der Toilette gesehen, konnte sie aber leider nicht entziffern. Da aber Handy-Nummern dabeistanden, denke ich, dass es sich dabei in erster Linie um Kontaktaufnahmen handelte.

Das Interview führte Carsten Heckmann



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