Toiletten-Prosa Ich sitze, also kritzle ich

Von Jasper Tjaden

2. Teil: Die Denker - Geschichte und Philosophie


Die Geisteswissenschaftler bieten reichlich Angriffsfläche für Vorurteile. Viele assoziieren den bärtigen, langhaarigen Altertumsstudenten, der einen schwarzen Mantel trägt, Gothic-Musik hört und am Wochenende Opas Garten nach alten Knochen umgräbt. Marija dagegen stellt sich eher den "netten Lehrer-Typ mit Brille, Fleecepulli und Sandalen vor", so die BWL-Studentin im vierten Semester.

Historiker-Örtchen: Parolen nach vorn
FU Berlin

Historiker-Örtchen: Parolen nach vorn

Welches Bild zeichnet die WC-Prosa? An den Toilettenwänden im Untergeschoss des kühlen Historikerbaus setzen sich dicke Buchstaben zu Wachrufen wie "Hört auf zu studieren und fangt an zu begreifen!" und Parolen wie "Leben statt Arbeiten!" zusammen. Neben einem Zitat von Einstein steht ein gut gemeinter Rat: "Wer bis zum Hals in Scheiße steckt, sollte den Kopf nicht hängen lassen!" Der Historiker zeigt sich gesellschaftskritisch und belehrend. Jeder Satz endet mit einem Ausrufezeichen.

Dem Philosophiestudenten werden von anderen Kommilitonen mehrheitlich solche Adjektive zugeordnet: "lebensfremd", "kompliziert", "arbeitslos", "links", "nachdenklich". Piotr W., braune Sandalen, rahmenlose Brille, Informatikstudent im zweiten Semester, fügt hinzu: "Alle, die es hier in einem Fachbereich nicht schaffen, wechseln zu den Geisteswissenschaften. Da ist es echt entspannter."

Im Philosophieinstitut ist die Suche wenig ertragreich. Das verwinkelte Gebäude strahlt Wohnzimmeratmosphäre aus. Der Klobefund ist mager, aber eindeutig. Ähnlich gesellschaftskritisch wie bei den Historikern wird hier "kreativer Widerstand massenhaft" gefordert, vor dem Studenten als "Denkfabrik" gewarnt oder gegen den "Überwachungsstaat" protestiert. Die aktuellen Parolen sitzen.



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