Fotostrecke

Sensationsfund: Verlorene Rede von Malcolm X entdeckt

Foto: ddp images/AP/ AP

Tondokument aufgetaucht Student findet verschollene Malcolm-X-Rede

Er stöberte in der Bibliothek und stieß auf einen Sensationsfund: Student Malcolm Burnley hat im Archiv seiner Uni einen unbekannten Mitschnitt einer Rede des Bürgerrechtlers Malcolm X entdeckt. Zu hören ist ein wütender, junger Mann - der von Integration nichts wissen wollte.

800 Studenten und Bürger quetschten sich am 11. Mai 1961 in die Sayles Hall der Brown University in Providence, Rhode Island, um dem schwarzen Bürgerrechtler Malcolm X zuzuhören. Der charismatische Redner, damals noch Vetreter der Bewegung Nation of Islam, sprach über den Glauben schwarzer Muslime und forderte, Schwarze sollten nicht versuchen, sich in die weiße Gesellschaft zu integrieren, sondern ihre eigene Identität und Kultur formen.

Die Rede wurde zwar aufgezeichnet, doch 50 Jahre lang blieb das Tondokument verschollen, kaum jemand erinnerte sich noch an den Auftritt Malcolm X' in Providence. Auch Malcolm Burnley, 22, der heute an der Brown University studiert, ahnte bis vor kurzem nichts davon.

Wahrscheinlich wäre die Rede noch viele Jahre unbeachtet geblieben, wenn Burnley auf der Suche nach einem Thema für sein Literaturseminar nicht in der Bibliothek seiner Universität herumgestöbert hätte. Er blätterte gerade in staubigen Ausgaben der Universitätszeitung "Brown Daily Herald", als er auf einen knappen Bericht über die Veranstaltung mit Malcom X stieß.

Er begann zu recherchieren und fand im Archiv der Bibliothek die gut erhaltene Tonbandaufnahme der Rede. Eine echte Rarität, sagt Burnley, denn es gebe kaum Aufzeichnungen, die vor dem Jahr 1962 entstanden. "Seit 50 Jahren hat sich das niemand angehört", sagt Burnley.

Unerwartetes Feedback

Doch wie kam Malcolm X an die Brown University, eine Spitzenuniversität, an der damals nur wenige Schwarze studierten? Burnley machte einige Zuhörer der Rede ausfindig, darunter Katahrine Pierce. Sie war auch diejenige, die den Auftritt von X an der Brown mit ausgelöst hatte. Die damals 19-jährige Studentin kritisierte in einem Artikel für die die Uni-Zeitung die separatistische Ideologie der schwarzen Islambewegung Nation of Islam, die eine Integration der schwarzen Bevölkerung ablehnte. Sie war es auch, die die Kassette mit der Aufnahme jahrzehntelang in einem Karton mit Andenken aufbewahrte, bevor sie sie im vergangenen Jahr an das Archiv der Universität schickte.

Eigentlich habe sie den Text für ein Uni-Seminar geschrieben, sagt Pierce. Doch der Chefredakteur der Uni-Zeitung wurde darauf aufmerksam. Den Posten hatte beim "Brown Daily Herald" der damals 20-jährige Richard Holbrooke inne, später US-Spitzendiplomat und Anfang der neunziger Jahre US-Botschafter in Deutschland. Er veröffentlichte den Text von Pierce und erhielt unerwartetes Feedback.

Die Nation of Islam rief an. "Sie sagten, dass Malcolm X zur Brown University kommen und seine Sichtweise verteidigen will, weil der Essay von Katahrine die Bewegung so scharf kritisierte", sagt Burnley.

"Integration wird niemandem aus dem Grab holen"

Die Uni-Leitung wollte den umstrittenen Redner X zunächst nicht an der Uni sprechen lassen, denn der hatte an mehreren Universitäten bereits Auftrittsverbot. Doch dann fand die Veranstaltung doch statt, an die sich Pierce noch immer lebhaft erinnert. "Er kam mit Bodyguards, er wirkte wie eine sehr wichtige Person. Er war attraktiv, charismatisch. Ich konnte nicht glauben, dass meine Seminararbeit zu so etwas geführt hatte."

Eigentlich sei eine Debatte mit einem Vertreter der schwarzen Bürgerrechtsbewegung NAACP geplant gewesen, die X' radikale Thesen und die Nation of Islam ablehnte. Doch der NAACP-Vertreter habe im letzten Moment abgesagt, sagt Burnley. Und so hielt der damals 35-jährige Malcolm X eine knapp einstündige Rede.

In Ausschnitten der Rede, die am Samstag vom Radiosender National Public Radio ausgestrahlt wurden , ist ein starker und überzeugter Malcolm X, dessen Rede nicht nur die rund 150 anwesenden Anhänger der Nation of Islam, beeindruckte. Die Rede wurde immer wieder von Applaus unterbrochen.

Aus dem Uni-Gedächtnis gelöscht

"Das Erbe von Sklaverei und Rassismus hat die 20 Millionen Schwarzen in diesem Land zu einem toten Volk gemacht. Wirtschaftlich tot, geistig tot, spirituell tot, moralisch tot und auf andere Weise tot. Integration wird niemanden aus dem Grab holen", rief er dem Auditorium zu. Und weiter: "Nein, wir sind nicht antiweiß. Aber wir haben keine Zeit, auf den weißen Mann zu warten. Der weiße Mann steht schon ganz oben. Der weiße Mann ist schon der Boss. Es ist also Zeitverschwendung, mit dem weißen Mann zu reden. Wir kümmern uns um unsere eigenen Leute."

Auch wenn sie anderer Meinung war, habe sie die Rede doch berührt, sagt Katharine Pierce. "Er hat uns eine andere Seite von Amerika gezeigt." Sein eloquenter Vortrag habe mal zu Lachern, aber auch zum Aufstöhnen der Zuhörer geführt.

Student Burnley ist begeistert von seinem Fund und will ein größeres Projekt daraus machen. Am Donnerstag will er im Rahmen des "Black History Month" Auszüge aus der Rede in der Bibliothek der Brown University vorstellen.

Erstaunlich fand er, dass in den Aufzeichnungen der Uni keine Hinweise auf die Veranstaltung zu finden gewesen seien. Weder im Kalender der Uni aus dem Jahr noch in den Aufzeichnungen des damaligen Präsidenten Keeney. "Es ist im Grunde einfach aus dem Uni-Gedächtnis gelöscht worden". "Aber", fügt er hinzu, "das wird sich ja nun ändern."

seh/AP
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.