Top-Absolventen an Problemschulen Der Widerspenstigen Zähmung

Junge, ambitionierte Akademiker verschieben ihre Karrierepläne - und arbeiten vorerst als Hilfslehrer auf Zeit an Problemschulen. Die Idee der Initiative "Teach First": Wer sich sozial engagiert, vergisst die Schwachen auch nicht, wenn er später zur Elite gehört. Aber hilft es auch den Kindern?

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"Teach First": Warum junge Akademiker an Problemschulen unterrichten
Ihr Erweckungserlebnis hatte Kaija Landsberg, 30, in New York. Während ihres Amerikanistikstudiums besichtigte sie eine Schule im Stadtteil Harlem. Vor der Tür standen zwei Polizisten, wegen der ständigen Probleme mit Gewalt und Drogen. Doch drinnen fand sie eine disziplinierte Klasse vor, gebannt lauschten die Kinder, als eine junge Frau mit ihnen "Romeo und Julia" las.

Für die wunderbare Zähmung der Widerspenstigen war keine erfahrene Lehrerin verantwortlich, sondern eine Uni-Absolventin der Elite-Hochschule Stanford in Kalifornien. Sie hatte sich im Rahmen eines speziellen Programms vor die Klasse gewagt. "Teach for America" heißt es, die Idee: Junge, ambitionierte Akademiker helfen an Problemschulen aus, bevor sie mit der Karriere durchstarten. Die Initiative zählt zu den beliebtesten Arbeitgebern in den USA.

Kaija Landsberg war beeindruckt, sie besuchte weitere Schulen in den USA und Großbritannien, schrieb ihre Magisterarbeit über das Programm. Und stellte sich die Frage: Warum gibt es das eigentlich nicht in Deutschland?

Seit diesem Herbst stehen auf Landsbergs Betreiben auch in Berlin, Hamburg und Nordrhein-Westfalen junge Freiwillige vor Schülern, helfen ihnen mit den Hausaufgaben und hören ihnen zu, wenn sie über private Probleme sprechen wollen. Nicht, weil sie unbedingt Lehrer werden wollen, sondern weil ihnen diese Arbeit eine Auszeit wert ist.

Hunderte Absolventen bewarben sich

66 "Fellows" hat die Organisation "Teach First Deutschland" für zwei Jahre als Hilfslehrer abgestellt, vorbereitet lediglich in einem dreimonatigen pädagogischen Crashkurs im Sommer. Für ihren sozialen Einsatz bekommen sie knapp 1700 Euro pro Monat, bezahlt von den Bundesländern. Die pädagogische Vorbereitung wird von Sponsoren finanziert.

Es werde sich ohnehin niemand bewerben, hörte Landsberg häufig. Doch schon für die erste Runde des Programms meldeten sich Hunderte Uni-Absolventen an. Nach einem mehrstufigen Online-Verfahren, Motivationsschreiben, einem Telefoninterview, Auswahlgesprächen und Assessment-Center blieben jene Fellows übrig, die jetzt im Einsatz sind.

Es sind Freiwillige wie Jan Gadow, 28, der seit September jeden Morgen an die Mildred-Harnack-Gesamtschule im Berliner Stadtteil Lichtenberg fährt. Das letzte Mal tauchte die Lehranstalt prominent in der Presse auf, als ein Schüler drohte, seine Lehrerin umzubringen - sie hatte von ihm verlangt, sein Handy wegzupacken.

In London, Hamburg und Jena hat Gadow studiert, Politik, Geschichte und Germanistik; er hat sich bei den "Jungen Europäischen Föderalisten" engagiert, dann bei einer Stiftung - im Moment aber steht die Karriere hintenan.

Das ist auch bei Lukas Gaertner so. Er hat den Studiengang "Finance and Accounting" in München absolviert und nennt seine Vita "ziemlich geradlinig". Es finden sich darauf: Auslandsaufenthalte, hervorragende Noten, Praktika bei guten Adressen. Ein Jobangebot hatte er schon, von einer Investmentbank.

Für einen "bewussten Bruch" entschieden

Doch nun habe er sich für einen "bewussten Bruch" entschieden, erzählt Lukas. Gegen Mittag steht er vorn an der Tafel, das Hemd in kleinem Karo, Strickjacke, die gelockten Haare mit Gel gebändigt. "Schwuchtel", pöbelt ein Junge im Jogging-anzug seinen Banknachbarn an, ein anderer wedelt mit seiner Zunge.

Gaertner ist gerade mit seiner Powerpoint-Präsentation durch, er hat die Internetseiten der "Frankfurter Allgemeinen" und der "Bild"-Zeitung verglichen. Er macht seine Schüler auf verschiedene Möglichkeiten der Präsentation aufmerksam, auch bei der eigenen Bewerbung für einen Job. "Wollt ihr eher sein wie die 'Bild' oder eher wie die 'Frankfurter Allgemeine'?", fragt er in die Runde.

Ein Mädchen zieht ihren Lidstrich nach, ein Junge bekommt einen Lachanfall. Gaertners Wangen röten sich, aber die Ruhe verlieren darf er jetzt nicht, das würde seine Autorität bei den Schülern untergraben. Mittlerweile habe er sich an die Lautstärke gewöhnt und an den Stress, sagt Gaertner.

Wer sich an einer Problemschule behauptet hat, der wird anders auf die Welt blicken, auch wenn er es bis zum Vorstandsvorsitzenden, Bundesminister oder Chefredakteur bringt, das ist die Hoffnung von "Teach First". Vor der Karriere muss das Karitative kommen, die Erfolgreichen helfen den Schwachen. "Einsatz für andere + Karriere für Dich", wirbt die Organisation auf ihrer Web-Seite. Doch das ist in Deutschland gar nicht so einfach, vor allem im Schulwesen mit seinen bürokratischen Hürden.

"Das macht niemand aus Karrieregründen"

"Unzählige Bedenken" habe sie ausräumen müssen, erzählt Kaija Landsberg, als sie sich um Geldgeber und politische Förderer bemühte. Die Bildungsgewerkschaft GEW gab sich schon vor dem Start miesepetrig. Als "staatlich gesponsertes Sozialkompetenztraining für angehende Manager" bezeichnet sie "Teach First" auf der eigenen Web-Seite. "Es ist nie etwas dagegen zu sagen, wenn Elite-Akademiker Einblick in die graue Wirklichkeit bekommen", so die stellvertretende GEW-Vorsitzende Marianne Demmer. Aber es sei fraglich, ob das Programm tatsächlich den Schülern und Schulen helfe - oder nur den Absolventen.

In den Berliner Bezirken Friedrichshain-Kreuzberg und Tempelhof-Schöneberg blockierten Personalräte den Einsatz der Fellows - die Verträge seien nicht zulässig. "Da werden ideologische Grabenkämpfe ausgetragen", sagt Robert Hasse, Direktor der Carl-Friedrich-Zelter-Hauptschule in Kreuzberg. Er war von seiner "Teach First"-Absolventin begeistert. Sie war aus Passau nach Berlin gezogen, sprach Türkisch, ein echtes Pfund an Hasses Schule mit einem Migrantenanteil von 80 Prozent. Doch dann musste sie nach Intervention des Personalrats an eine Ersatzschule wechseln.

Die Fellows finden die Kritik unfair; besonders raffiniertes Karrierestreben wollen sie sich nicht unterstellen lassen. "Zwei Jahre an Schulen aushelfen, das macht niemand aus Karrieregründen", sagt Gaertner. So ähnlich sieht es auch Geschäftsführerin Landsberg: "Es ist zu hart, um es nur als ein Plus im Lebenslauf zu sehen."



insgesamt 60 Beiträge
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ushh 29.01.2010
1. Bundesländer bezahlen?
---Zitat--- Für ihren sozialen Einsatz bekommen sie knapp 1700 Euro pro Monat, bezahlt von den Bundesländern. ---Zitatende--- Von wegen! Wir (Ganztagsschule in Hamburg, Kl. 1-10) waren an dem Projekt interessiert. Wir sollten aber die Fellows aus eigenen Mitteln finanzieren, z.B. Honorarmitteln aus dem Ganztagsschulbudget oder durch Umwandlung von Lehrerstunden in Geldmittel (Welche??? Die reichen kaum für den regulären Unterricht!). Wir hätten - wenn wir alles zusammengekratzt hätten - so einen Fellow grade mal 3 - 4 Monate bezahlen können. Deswegen haben wir uns aus der Interessentenliste streichen lassen.
plattenputzer 29.01.2010
2. Überbrückungsgeld
Was ist das denn für ein Blödsinn? Von "sozialem" Engagement faseln, wenn es in Wirklichkeit darum geht, ein paar Monate je 1700 Euro abzuraffen. Jeder Nichtakademiker, der im Pflegeheim freiwilliges soziales Jahr macht, muß sich doch bei dieser Sprachregelung vera..... vorkommen. Ich habe den Verdacht, bei einigen dieser speziellen Hilfslehrer ging es nur darum, eine Lücke im Lebenslauf zu vermeiden bei einem Einkommen, der deutlich über normalen Praktikavergütungen liegt.
sikasuu 29.01.2010
3. 1700 Euro für ungelernte Hilfskräfte!
Das ist ein WITZ! . Ein Refrendar bekommt in NRW ca 900-1000 Euro. Mit Unterrichtsverpflichtung UND vorhergehendem 6-8 semsterigem Fach-/Pädagogik Studium. Für diese Summe bekommt man ausgebildete Sozialpädagogen/-arbeiter als Schulassistenten. Da kann ich der GEW nur zustimmen: Sozialkompetenztraining auf Kosten der Schule/Schüler. . Als "freiwilliges soziales Jahr" gesponsort von...XYZ, da würde vielleicht etwas draus. Aber aus öffendlichen Mitteln? Kopfschüttelnde Gruesse Sikasuu
becksthewombat 29.01.2010
4. jo passt schon
Zitat von plattenputzerWas ist das denn für ein Blödsinn? Von "sozialem" Engagement faseln, wenn es in Wirklichkeit darum geht, ein paar Monate je 1700 Euro abzuraffen. Jeder Nichtakademiker, der im Pflegeheim freiwilliges soziales Jahr macht, muß sich doch bei dieser Sprachregelung vera..... vorkommen. Ich habe den Verdacht, bei einigen dieser speziellen Hilfslehrer ging es nur darum, eine Lücke im Lebenslauf zu vermeiden bei einem Einkommen, der deutlich über normalen Praktikavergütungen liegt.
Wie haben ja alle in der letzten Zeit gelernt, dass so ein Investmentbanker weit unter 1700 Euro pro Monat bekommt. Das ein freiwilliges soziales Jahr überhaupt nicht mit Lehrtätigkeit an einer Schule vergleichbar ist, kommt ihnen wohl auch nicht in den Sinn. Wahrscheinlich schreiben sie gerade auch bei einem anderen Thema einen erbosten Beitrag, dass sich die Akademiker und Banker von heute keinen feuchten Dreck um "die da unten" kümmern. Ist ja auch egal, dies ist das Spiegel Forum, Hauptsache dagegen!
GM64 29.01.2010
5. ambitionierte Akademiker
beim Schmierer war das Tennisspielen in, jetzt ist es das Problemschulen Lehrer spielen. Man sammelt halt Fleißkärtchen. Welche auch immer. Es ist ja ein Wunder, dass diese Leute jetzt zu geben, sie wüssten nicht wie es da so ist. Ja sehen die nie Fernsehen? Man sollte schon, schon vor dem Abitur die Welt kennen. Gestern war bei Monitor ein Beitrag über zwei verschiedene Klassen aus Köln. In der einen waren halt mehr Hartzler Kinder in der anderen waren Akademiker Kinder. Die einen hatten sich die Brote mitgebracht, die anderen sind alleine am morgen aufgestanden. Ich finde es ist nicht toll, wenn man beurteilt, die Einen sind fähig, die Anderen unfähig. Ich finde es ist auch eine Leistung, wenn man am Morgen ohne geschoben zu werden in der Schule erscheint. So gesehen haben diese Kinder auch Leistungen. Dann wurden die Lesefähigkeiten vorgeführt. Der eine hat den Text vorgetragen, der andere konnte nicht so gut lesen. Einer wurde am Wochenende in einen Kletterkurs geschickt, der andere nicht. Ich hatte mir nur gedacht, der eine ist ein dressierter Affe, der andere nicht. Ich würde es heute noch als unangenehm empfinden etwas vorlesen zu müssen. Und habe dennoch einen Universitätsabschluss. Wünschen sie sich mal von einem Manager, dass er Ihnen etwas hilft, z.B. einen Kuchen bäckt. Wette er schafft es nicht. Vor allem würde er es als Beleidigung empfinden, weil er nie anderen hilft, er ist ja der Chef, dem wird geholfen. Aber weil das so ist, ist er eigentlich eher unbeholfen, weil die anderen es ja sind die für ihn sorgen. Daher sollte man nicht so auf diese Schichten eindreschen. Die Kinder sind selbstständig und das ist auch ein Wert. Auch kann ich mir vorstellen, dass die Lehrer auch bestimmte Vorurteile schon haben, weil die gesamte Gesellschaft ja schon Vorurteile hat. Das Problem ist die Lethargie der Erwachsenen, der Hartzler. Sie haben alle gelernt, dass es nichts bringt, wenn man sich anstrengt. Daher fallen sie in einen tiefen Dornröschen schlaft. Es wäre wichtiger die Eltern wieder zu beleben, als sich nur um die Kinder zu kümmern. Nicht die Eltern sind schlecht, sie werden nur nicht von der Gesellschaft gebraucht. Es ist der Zustand des Panther in Rilkes Gedicht http://rainer-maria-rilke.de/080027panther.html Und mal ehrlich, selbst wenn diese auf das Gymnasium gingen, welche Perspektive hätten sie denn? Die Jobs wurden alle vernichtet, und die Manager Pöstchen sind schon vergeben. Wenn man es nur gewollt hätte, hätte man es anders haben können, aber die 2 Klassen Gesellschaft ist ein Ziel der Politik. Wenn man schon weiß, dass die Kinder nichts am Wochenende tun, kann man ja selber am Wochenende Aktivitäten anbieten. Am besten ist es man bietet ihnen einfach nur Räume. Sie finden sich dann schon zu recht. Wenn jemand ohne gedrängt zu werden in die Schule findet, der kann auch seine Freizeit sinnvoll gestalten, er muss nur Räume dazu haben. Z.B. könnte man Bienen züchten, oder mit den Kindern Puppentheater spielen. Das Problem ist doch, dass der Lehrer nur Dienst nach Vorschrift betreibt. Die Sprachunfähigkeit ist durchaus auch ein Schulproblem.
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