Tourreport, finale Etappe Von der Erfahrung der Straße

Ein Jahr, 19 Länder und 11.000 Kilometer auf der Straße - zwei Studenten radelten zur Fußball-WM und zurück. Im letzten Report: ein wütender Traktorist, der Master of Desaster, die schönsten Bilder, Kadaver-Raten, unreife Früchtchen. Und was das alles mit Jim Knopf und Lukas, dem Lokomotivführer zu tun hat.
Von Felix Göpel

Wenn Sie in Polen Tomaten klauen wollen, passen Sie auf jeden Fall auf, dass Sie dabei nicht beobachtet werden. Wir haben das ausprobiert, und Kevin, mein Freund und Teamkamerad, ist dabei fast ums Leben gekommen.

Am Anfang steht wie so oft eine dumme Idee. Nach der Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn und einigen Tagen in Moskau sind wir jetzt wieder mit dem Fahrrad unterwegs von Warschau nach Berlin, und Kevin unterbreitet den Vorschlag, sich in den letzten Tagen nur von den Agrarerzeugnissen der polnischen Bauern zu ernähren. Das würde uns Geld sparen und überflüssige Pfunde kosten. Ich stimme zu.

Der Bauer schlägt zurück

Kevins erster Weg führt ihn über einen Acker an der Straße Richtung Posen, an dessen Ende ein paar Tomatenfelder verführerisch in der Sonne ruhen. Er nimmt drei oder vier Tomaten, kaum der Rede wert. Aber wir haben die Rechnung ohne den Bauern gemacht. Der Mann ist motorisiert und kommt mit seinem alten Traktor in erstaunlicher Geschwindigkeit über das Feld gerumpelt. Ich beobachte die Szene aus sicherer Entfernung von der Straße aus und schnitze dabei etwas lustlos an einer Futterrübe, aus der wir uns am Abend einen Eintopf kochen wollen.

Kevin in heaven: Oops, ein riesiges Marihuanafeld, versteckt hinter Tannen an dertschechisch-österreichischen Grenze

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Foto: Felix Göpel
Unter indischen Messern: Kevin wird in Delhi ein Knoten aus der Brust geschnitten

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Foto: Felix Göpel
Wüste Aussichten: In China kämpft man gegen Sonne, Sand und den Countdown zur WM

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Foto: Felix Göpel


Seltsame Ereignisse: Was in den letzten zwölf Monaten noch geschah - klicken Sie einfach auf ein Bild, um zur Großansicht zu gelangen


Kevin nimmt Position in der Mitte des Feldes und legt sich wohl schon ein paar passende Entschuldigungen zurecht. Doch dazu bekommt er nicht die Möglichkeit. Mir fällt vor Schreck fast die Knolle aus der Hand, als ich sehe, dass der Traktor meinen Kumpel über den Haufen fahren will. Kevin rettet sich mit einem beherzten Sprung auf die Seite.

Doch der Bauer ist noch nicht mit ihm fertig. Er nimmt die Verfolgung auf. So kommt das ungleiche Paar auf mich zu: Vorn rennt Kevin im sportlichen Radfahreroutfit mit Trikot und gepolsterter Hose im Zickzackkurs, wenige Meter dahinter poltert der altersschwache Traktor mit einem Tempo über die holprige Scholle, dass er fast umkippt.

Für einen Moment überlege ich, meine Futterrübe als Wurfgeschoss einzusetzen. Doch bevor ich mich aus meiner Fassungslosigkeit zur Tat entscheiden kann, rettete Kevin sich mit einem Sprung über die Böschung auf die Straße. Und der aufgedrehte Bauer? Setzt seinen Traktor schwungvoll in den Graben und springt tatsächlich mit einem ellenlangen Fleischermesser auf uns zu.

Pause auf dem Weg nach Lhasa: Tibet bereisen die Sportfreunde ausserhalb der Badesaison

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Foto: Felix Göpel
Am Puls der russischen Macht: Das Radsportteam Berlin-Nord ist auf dem Roten Platz angekommen, wo einst Matthias Rust landete

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Foto: Felix Göpel
Und täglich grüßt die Gebetsfahne: Die höchsten Pässe Tibets schmücken Fahnen, die heilige Ausrufe in den Himmel tragen sollen

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Foto: Felix Göpel
Monotonie in Grün: Felix Göpel späht aus der Transsibirischen Eisenbahn nach Birken und Wiesen

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Foto: Felix Göpel
Zwischenstation Prag: Die müden Beine brauchen Ruhe - Rast auf der Karlsbrücke

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Foto: Felix Göpel
Iran im Dezember 2001: Erst wurden die Radler in Teheran verwöhnt, dann mussten sie die harte Fahrt durch die persische Steinwüste antreten

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Foto: Felix Göpel


Stationen einer einjährigen Reise

Synchron mit Kevin fliehe ich auf die andere Straßenseite. Die Rübe vergesse ich, ab hier liegen unsere Räder im Grass, und hier haben wir einen Knüppel griffbereit, der eigentlich für aggressive Hunde und nicht für cholerische Bauern gedacht ist. Kevin ruft schon die ganze Zeit entschuldigend "zloty, zloty", um seine Bereitschaft, für die Tomaten zu zahlen, zum Ausdruck zu bringen. Der Bauer schickt einen beeindruckenden Schwall polnischer Flüche zu uns herüber.

Alles, was ich verstehe, ist "kurva, kurva". Das kennen wir noch aus Bulgarien, es heißt so viel wie "Hure" oder auch "Hurensohn". Als ich in Warschau ein paar jugendlichen Verkehrsteilnehmern die Vorfahrt nahm, ist mir schon aufgefallen, dass die polnische Sprache zum inflationären Gebrauch der Vokabel neigt. Aber zumindest folgt der Bauer uns nicht. Wir schwingen uns auf die Räder und sehen zu, dass wir Land gewinnen, bevor der Mann es sich anders überlegt.

Kevin ist der Master of Desaster

Auf dieser Tour erwischt es immer wieder Kevin: erste Sehnenscheidentzündung 300 Kilometer hinter Berlin, in Jugoslawien fällt ihm ein Stein auf den Kopf, in Istanbul wird er vom Taxi angefahren. In der Osttürkei rammt ihn ein Kleinbus, zweite Sehnenscheidentzündung im iranischen Täbris. Wegen Knieproblemen zehn Tage Bettruhe in Isfahan. In Goa erwischt ihn die Polizei beim Kiffen, in Delhi schneidet man ihm unter Vollnarkose einen Knoten aus der Brust.

Kurdischer Reiter mit 1 PS: Manche Verkehrsmittel sind noch flotter als vier stählerne Waden

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Foto: Felix Göpel
Rattentempel im indischen Rajasthan: Im hinduistischen Tempel werden Ratten als Reinkarnation von Geschichtenerzählern verehrt, täglich von Mönchen mit Zuckerbällchen und Milch gefüttert. Betreten darf man dem Tempel nur barfuß - eine Nervenprobe für Besucher

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Foto: Felix Göpel
Cave canem: Nicht alle Hunde auf der Tour waren so friedlich wie dieser - bei manchen half nur Pfefferspray oder ein Knüppel

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Foto: Felix Göpel


Rätselhafte Tierwelt: Vorübergehende Weggefährten in Kurdistan oder Indien - per Klick auf ein Bild zur Großansicht


Als er allein durch Nordindien fährt, bricht dort die Pest aus, sein Knie zwingt ihn zu einem dreiwöchigen Aufenthalt im Risikogebiet. In Moskau wollen ihm betrunkene Fallschirmjäger der russischen Armee an die Wäsche, und kurz vor Berlin rundet der polnische Bauer die Pannenserie ab.

Wie der eurasische Kreis sich schließt - Rückkehr nach Berlin und die Sache mit Jim Knopf

Im zweiten Teil:

Manchmal glaube ich, er ist mein Blitzableiter, der negatives Karma von mir abhält. Erstaunlich: Kein Schlag ist so schwer, als dass er nicht darüber lachen könnte.

Auf den Rübeneintopf verzichten wir zugunsten von Mirabellen, Äpfeln und Birnen, die alle radfahrerfreundlich am Seitenstreifen wachsen. Allerdings sind die meisten Früchte noch nicht ganz reif. So liegen wir am Abend mit Magenkrämpfen im Stroh neben dem Zelt - nicht das erste Mal auf der Tour.

Unreife Früchtchen kippen den Ernährungsplan

Auch an den Tomaten vom Feld haben wir keine rechte Freude, weil sie durchgehend extrem mehlig schmecken. Am nächsten Tag macht sich das Kaloriendefizit auf dem Fahrrad schnell bemerkbar, so dass wir unseren neuen Ernährungsplan an den Nagel hängen.

Beim Barte des Propheten: Der Sadhu widmet sein Leben der Enthaltsamkeit. Ein nützliches Argument, wenn er später Geld für das Foto sehen will

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Foto: Felix Göpel
Gelenkiger Bettler in Indien: Bei den Bettlern können die Gläubigen durch Spenden Karma-Punkte fürs Nirvana sammeln. Indien ist das wahrscheinlich einzige Land der Erde, in dem die Bettler manchmal streiken

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Foto: Felix Göpel
Große Freude im weiten Land: Die beiden chinesischen Schafhirten freuen sich über den unerwarteten Besuch aus dem Westen - Kevin und Felix freuen sich über gebratene Lammkeulen und Reisschnaps am Abend

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Foto: Felix Göpel
Gemeinsam durch Dick und Dünn: Die beiden chinesischen Abteilgenossen auf dem Rückweg mit der Transsibirischen Eisenbahn

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Foto: Felix Göpel
Kleine Inderin: In allen Ländern posieren die Kinder mit Freuden für die Kamera, erst recht, wenn sie so ein schönes rosa Kleid haben

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Foto: Felix Göpel
Treffen mit einem alten Inder, der über die Radler aus Deutschland staunt

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Foto: Felix Göpel


Begegnungen in Asien: Menschen, die das Radsportteam traf

Wetter und Landschaft meinen es auf den letzten Kilometern gut mit uns. Wir fahren auf einem bequemen Seitenstreifen, über uns strahlt der Himmel in stärkstem Blau, von hinten schiebt uns ein leichter Wind Richtung Westen. Wir übernachten auf den Feldern und waschen uns in Flüssen oder gar nicht.

Auf dem Fahrrad gehen wir unseren Gedanken nach oder spielen Kadaverraten. Manche der überfahrenen Tiere sind schon bis zur Unkenntlichkeit entstellt, aber anhand der Größe und Fellfärbung kann man noch einiges erahnen. Eines der üblichen Radfahrerspielchen eben.

Wir fahren nach Berlin! Wir fahren nach Berlin!

Nach drei Tagen auf dem Rad erreichen wir Slubice in den späten Abendstunden. Auf dem anderen Ufer der Oder sehen wir Frankfurt, die Sonne taucht das Bild in ein zartes Rot. Wir lassen zur Feier des Tages unser treues Zelt im Packsack und nehmen uns ein billiges Zimmer im Hotel "Polonia".

Aufregendes Moskau: In Russland gönnen sich Felix und Kevin einen Fallschirmsprung

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Foto: Felix Göpel
In St. Petersburg: Mit Überlebenskünstler Kirill an den schönsten Plätzen der Stadt

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Foto: Felix Göpel
Mit prächtigen Sonnenuntergängen wird das Radsportteam Berlin für seine Strapazen entlohnt

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Foto: Felix Göpel


Russische Impressionen - mit einem Klick zur Großansicht


Unser großer eurasischer Kreis, der uns in einem Jahr über Osteuropa, den Mittleren Osten, Indien, Nepal und China bis zur Weltmeisterschaft brachte und über Russland und die baltischen Staaten wieder zurück, ist kurz davor, sich wieder zu schließen.

Meine Familie hat angekündigt, uns hinter der Grenze in Empfang zu nehmen, um die letzten 100 Kilometer nach Berlin gemeinsam zu fahren. Als wir am nächsten Morgen die Grenze überschreiten, tut der Grenzer uns nicht den Gefallen, im Reisepass unsere Visakollektion zu bewundern. Er lacht nur freundlich auf, ob des lotterigen Aussehens von Pass und Passträger, und sagt: "Das Teil stinkt aber schon ein wenig!"

Am Ende der Tour Tour

Dann sind wir wieder da. Mein Vater schwenkt eine große Deutschlandfahne zur Begrüßung, auf der kleine Fahnen der Länder, die wir durchquerten, aufgenäht sind. In Mutters Armen, in Vaters Armen, in den Armen der Schwestern. 19 verschiedene Länder in 373 Tagen und knapp 11.000 Kilometer mit dem Rad.

Ob es ein besonders pathetischer Moment in unserem Leben ist? Eigentlich nicht, aber ein schöner Moment. Bei solch einer Tour ist das Verhältnis von Ziel und Aufwand im Laufe der Zeit einer paradoxen Veränderung unterworfen. Ohne den unbedingten Willen, sein Ziel zu erreichen, nimmt niemand solche Strapazen und Entbehrungen in Kauf. Aber je näher wir dem Ziel rückten, desto kleiner erschien es uns.

Es ist wie bei Jim Knopf und Lukas, dem Lokomotivführer: Die beiden Entdeckungsreisenden ziehen durch die Wüste einem gewaltigen Riesen entgegen. Und je näher sie ihm kommen, desto kleiner wird er. Am Ende ist der vermeintliche Gigant, der den schönen Namen Herr Tur Tur trägt, nicht größer als sie selbst. Es ist nur ein Scheinriese. Die zwei Freunde nehmen Herrn Tur Tur mit auf ihre Insel, wo er als Leuchtturm arbeitet. Er wirkt nur für Außenstehende unvorstellbar groß; in Wirklichkeit ist er kleiner, aber dafür sympathisch, schön, angenehm und zudem eine tolle Bereicherung für zuhause.

So wie unsere Tour Tour für uns.

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