Tramp-Team Polen Zurück in die Heimat

Im Gegensatz zur vorherigen Nacht konnten Linda Vierecke und Antje Glück diesmal wirklich schlafen. Ihre letzte Reisestation ist das westpolnische Poznan. Dort wundern sie sich, dass es in Polen so viele Straßen gibt, die "Jana Pawela" heißen.


Freitag, 4. Juni
Warum Polens Straßen am liebsten Jana Pawela heißen, und was das alles mit einem Popstar zu tun hat

Warschau, beim Bahnhof um die Ecke: Ulica Jana Pawela heißt die Straße, da steht es weiß auf blau geschrieben. Groß und breit ist sie, eine der Hauptverkehrsadern der Stadt. In Poznan, 300 Kilometer weiter westlich, das gleiche Bild - die meisten Autos brausen auf der Jana Pawela dahin. Da machen wir uns natürlich Gedanken. Wenn Polen solch eine berühmte Frau hat, dass die größten Straßen nach ihr benannt sind, dann müssten wir Deutschen sie ja eigentlich kennen. Wer war also diese Jana Pawela?

Zurück aus Polen: Antje und Linda
Juliane Schönherr

Zurück aus Polen: Antje und Linda

Enttäuschung unsererseits, als Jósef Kloch von der Polnischen Bischofskonferenz unseren Irrtum aufklärt. Bei Jana Pawela handelt es sich um keine Frau, sondern einen Mann. Außerdem ist er auch nicht unbekannt in Deutschland, sondern wird von vielen hochgeschätzt. Es ist Papst Johannes Paul II., auf Polnisch eigentlich Jan Pawel. Bei den Straßennamen erscheint sein Name jedoch im Genitiv - und der endet auf a. Wir als Nicht-Polen und Nicht-Katholiken wissen so was natürlich nicht.

Polen ist in dieser Woche komplett in Festlaune. Man erinnert sich daran, dass der Papst vor genau 25 Jahren das erste Mal polnischen Boden betrat. Er war das Leitbild für den Antikommunismus, ihm war die Gründung der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc zu verdanken, die 1989 Polens Gesellschaft gründlich umwälzte.

Popstar in Polen: Papst Johannes Paul II.
AP

Popstar in Polen: Papst Johannes Paul II.

Noch heute ist Karol Wojtyla, wie der 84-Jährige mit bürgerlichem Namen heißt, ein Nationalheiligtum. "Er ist für uns alle sehr wichtig, eine moralische Autorität für uns", meint Jósef Kloch. Er sitzt im Priesterkragen in der Bischofskonferenz in Warschau. "Der Papst zieht gleichermaßen junge wie alte Leute an", berichtet Jósef. "Vor vier Tagen gab es erst ein großes Treffen in Lednica - 180.000 junge Menschen haben sich da versammelt, haben dem Papst auf einem Video zugehört und zusammen gebetet - das ist unglaublich, so eine große Menge junger Menschen auf einmal."

90 Prozent der Polen sind katholisch, so wie Izabella Derpinska aus Poznan. "Der Papst ist auch für uns junge Leute ein Vorbild", meint die 19-Jährige. Sie hat gerade ihr Abitur gemacht und ist tief gläubig. "Es ist toll für Polen, dass es eben ausgerechnet ein polnischer Papst ist. Manche behandeln ihn sogar wie einen Popstar. Das finde ich wirklich übertrieben." "Ich bin nicht so gläubig, aber ich bin auch kein typischer Pole", meint hingegen Magdalena Wawrzykowska, eine in Leipzig arbeitende Dolmetscherin, die sich gerade auf einer Reise durch Südpolen befindet. "Ich finde den Papst klug, in manchen Sachen ist er aber extrem konservativ." Magdalena begründet das weniger mit der ideologischen Haltung des Papstes, sondern mit seiner gegen Konsum gerichteten Einstellung. "Sex haben ohne groß nachzudenken - dagegen ist der Papst. Er möchte, dass die Menschen einen verantwortlichen Umgang mit allem entwickeln, deswegen ist er gegen Verhütungsmittel", erklärt die 32-Jährige. Erst seitdem sie in Deutschland ist, traut sie sich auch mal, offene Kritik am Papst zu üben. "In Polen steht man immer unter einem kollektiven Druck", erklärt sie.

Polens Katholiken glauben anders als Deutsche. "Die Spiritualität ist hier wichtiger als in Deutschland", meint Magdalena, die auch mal ein Jahr in Bayern gelebt hat, "und der Papst hat ein Charisma, einen so großen persönlichen Charme, seine warme Art - so etwas haben sehr wenige Menschen", schwärmt sie. "Doch leider geht dies in einer Fremdsprache verloren. Deswegen gehen auch sehr religiöse Katholiken nur dreimal im Jahr in die Kirche, denn in Polen nimmt man die Gesetze und Regeln eh nicht so genau", erzählt Magdalena.

Johannes Paul II. ist seit rund vierhundert Jahren der erste Papst nichtitalienischer Herkunft. In Polen rechnet man es ihm hoch an, dass er fähig war, Fehler einzugestehen, die die Kirche gemacht hat. Solange Karol Wojtyla noch lebt, werden in Polen auch junge Menschen weiterhin der Kirche treu bleiben - ganz anders als in Deutschland.

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