SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

18. Mai 2009, 08:35 Uhr

Trampen durch Osteuropa

Kampf den Klischees

Von Felix Hügel

Warum mögen die Slowaken plötzlich den Euro? Wo fängt der Balkan an? Und wie schmeckt Rum aus Kartoffeln? 16 Studenten aus Leipzig erkunden per Anhalter Osteuropa. Sie streiten und feilschen, sie feiern und amüsieren sich. Und sie haben mit Vorurteilen zu kämpfen - vor allem mit den eigenen.

Fünf Jahre nach der EU-Osterweiterung und mitten im Wahlkampf für das Europaparlament reisen Reporter von mephisto 97.6, dem Lokalradio der Universität Leipzig, quer durch Osteuropa. Unter erschwerten Bedingungen erkunden sie das Baltikum, Polen und Tschechien, die Slowakei, Bulgarien, Rumänien, Ungarn und Slowenien.

Denn bei dem Trip gelten strenge Regeln: Zug und Bus sind für die Studenten verboten, sie dürfen nur trampen. Hotels und Hostels sind ebenfalls tabu, die Leipziger müssen sich jeden Tag aufs Neue einen Schlafplatz bei den Bewohnern suchen.

So kommen die Studenten während ihrer Reise durch die neuen EU-Staaten ganz nahe an die Menschen heran. In den Begegnungen und Gesprächen lernen sie Seiten der Länder kennen, über die sie vorher noch nichts wussten. Mit dem Tramp-Trip knüpfen sie an ein Projekt aus dem Jahr 2004 an. Damals, kurz nach der EU-Osterweiterung, waren schon einmal Leipziger Radioreporter in die neuen Mitgliedsländer getrampt. Mit ihren Berichten wollten sie den Ängsten und Vorurteilen zu den zehn neuen EU-Staaten begegnen.

Auch die Tramp-Duos von 2009 haben mit Klischees und Vorurteilen zu kämpfen - vor allem mit den eigenen. Auf SPIEGEL ONLINE berichten sie, wie sie dagegen kämpften und sie überwanden.

Team Ungarn - Stars im Plattenbau

Team Ungarn: Lalon und Constanze

Prost im Plattenbau: Lalon und Constanze feiern ihre Ankunft

Prost im Plattenbau: Lalon und Constanze feiern ihre Ankunft

"Etwas verloren stehen wir am Stadtrand von Salgótarján. Das Plattenbauviertel heißt Beszterce, das hört sich seltsam an. Um uns herum ragen graue Zehnstöcker in den Himmel. Erwachsene aus der Nachbarschaft tauschen auf dem Platz des Viertels den neuesten Tratsch aus. Ihre Kinder toben mit Rollern und BMX-Rädern über den Beton.

Es ist früher Abend, wir haben noch immer keine Bleibe. Die Gruppe neben uns beäugt uns genauso misstrauisch wie wir sie. In unseren Köpfen läuft der Film vom typischen deutschen Plattenbauviertel ab: Alte, Arme und Arbeitslose. Etwas Überwindung kostet es, dann geben wir den Zettel in die Runde, auf dem unser Tramp-Projekt auf Ungarisch beschrieben ist.

Eine lebhafte Diskussion bricht aus, und fünf Minuten später haben wir unseren Schlafplatz. Ungarische Gastfreundschaft - die gibt es nicht nur auf dem Land, sondern auch in der Platte. An diesem Abend sind wir die Stars des Viertels. Wir lernen mehr neue Vokabeln als auf unserer bisherigen Reise, denn unsere Gastgeber sprechen weder Deutsch noch Englisch."

Team Baltikum - Aufgeschmissen im Nahverkehr

Team Baltikum: Anka und Alexander

Busfahrt und Bußgeld: Alexander fand keinen Stempel-Automaten

Busfahrt und Bußgeld: Alexander fand keinen Stempel-Automaten

"Langsam klappert der alte Bus aus dem Norden von Vilnius in Richtung Innenstadt. Die Altstadt ist wirklich schön, fast der ganze Rest der Stadt ist Plattenbau - oder russische Neubausiedlung, wie die meisten Litauer sagen.

Wir haben unsere Tickets gekauft, diese kleine, rote Maschine zum Abstempeln an der Wand sehen wir allerdings nicht. Das wäre aber besser gewesen. Denn die Kontrolleure lassen nicht locker, wollen 20 Litas pro Nase, knapp sechs Euro. Die haben wir aber nicht dabei.

Eine Litauerin springt ein und vermittelt zwischen uns und den Kontrolleuren. Die lassen dann doch mit sich reden und wollen statt 20 Litas pro Person auf einmal nur noch zehn für beide.

Das nächste Busproblem folgt gleich bei der Rückfahrt: Wir steigen nachts auf dem Weg zu unserem Gastgeber Sascha eine Haltestelle zu früh aus und verlaufen uns zwischen den Plattenbauten. Alles ist wie ausgestorben, wir finden niemanden, den wir nach dem Weg fragen können. Hilflos rufen wir Sascha an, der kommt uns lachend auf dem Fahrrad entgegen: 'Ich dachte mir schon, dass euch das passiert! Fremde finden sich hier nie auf Anhieb zurecht'."

Team Polen - Begegnung mit dem Bus-Riesen

Team Polen: Tina und Claudia

Busreisende wider Willen: Claudia und Tina lassen sich überreden mitzufahren

Busreisende wider Willen: Claudia und Tina lassen sich überreden mitzufahren

"Kartuzy ist ein kleiner Ort in der Nähe von Gdansk, der die Hauptstadt der Kaschubei und damit der kaschubischen Minderheit in Polen ist. Hier gibt es viel Wald, Seen und eine Straße. Wir haben ein wenig Bedenken von hier wegzukommen, aber schon nach fünf Minuten hält ein nagelneuer Mercedes an.

Es steigt ein zwei Meter großer Riese im Anzug aus, wir verstehen nur sehr wenig voneinander. Marian heißt der Riese, er stoppt an einer Bushaltestelle und schaut, wann der nächste Bus kommt. Danach ruft er seinen Bruder Witek an, der Deutsch spricht. 'Was ist euer Problem?' Wir erklären ihm das Tramp-Projekt.

'Wir zeigen euch unsere Firma, okay?', sagt er. Fünf Minuten später sitzen wir bei Kaffee und Tee in Marians Busfirma. 'Also, wie können wir euch denn nun helfen?', fragt Witek. Er solle uns einfach wieder zurück an die Straße bringen, dann fänden wir schon unseren Weg, sagen wir. 'Kommt nicht in Frage, ihr fahrt mit meinem Bus!'

Der kommt schon sieben Minuten später, alles geht schnell. Marian bringt uns zum Bus, sagt dem Fahrer Bescheid. Wir fühlen uns ein wenig, als würden wir schummeln, aber schließlich fahren wir ja kostenlos."

Für Team Polen ist die Reise nach dieser Episode leider schon zu Ende. Tina bekam einen Fieberschub und ist daher mit Claudia zurück nach Leipzig gefahren.

Team Tschechien - Namensstreit um Rum

Team Tschechien: Sina und Kristin

Bier statt Rum: Kristin und Sina erkunden die tschechische Trinkkultur

Bier statt Rum: Kristin und Sina erkunden die tschechische Trinkkultur

"Tschechen trinken am liebsten Bier und fahren Skoda. Diese Klischees kennen viele hier und lachen darüber. Skodas bevölkern tatsächlich die Straßen, dennoch warten wir noch immer darauf, in einem mitgenommen zu werden.

Und bei einer Auswahl aus den vielen verschiedenen Biersorten fühlen wir uns tendenziell eher überfordert. 'Dann probiert doch unseren Rum!', sagen unsere Gastgeber Vali und Ondra in einem Pub in Pilsen. Wobei der tschechische Rum offiziell gar nicht mehr Rum genannt werden darf, denn er wird aus Kartoffeln gewonnen.

Die Knolle als Quelle - das ist nach Meinung der EU des Rums nicht würdig. Nach dem EU-Beitritt brauchte der tschechische Rum also einen neuen Namen. Wer ihn dennoch trinken mag, muss jetzt offiziell 'Tuzimak' bestellen, was so viel wie handgemacht bedeutet.

Vali und Ondra können da nur mit dem Kopf schütteln. Auch unser Gastgeber Jan fängt beim nächsten Zwischenstopp in Prag herzlich an zu lachen, als wir ihn auf das Rum-Thema ansprechen. Und ihre Übergangsregierung und die schwache EU-Ratspräsidentschaft scheinen die Tschechen mit einer gewissen Teilnahmslosigkeit hinzunehmen und mit einem Augenzwinkern. Den Rum trinken sie, egal wie er heißt."

Team Bulgarien - Soziales Netzwerk Sofia

Team Bulgarien: Caroline und Thielko

Und was sagen Sie zu Ihrer Stadt: Caroline fängt Stimmen in Sofia ein

Und was sagen Sie zu Ihrer Stadt: Caroline fängt Stimmen in Sofia ein

"Viele Leute in Sofia fragen uns, wie wir ihre Stadt empfinden, wie wir uns hier fühlen. Dabei machen sie ein Gesicht, das wir am Anfang kaum einordnen können. Unsere Gastgeber und Gesprächspartner schauen häufig zweifelnd, skeptisch, ganz so, als fürchteten sie die Antwort.

Keiner unserer Gesprächspartner sagt voller Überzeugung: Ich komme aus Sofia - und ich mag meine Stadt. Zu laut, zu dreckig, vielleicht zu voll und zu widerspruchsvoll, so muss es wohl sein, das matte Image, das viele Hauptstädter selbst von ihrer Umgebung haben.

Uns gefällt Sofia, auch wenn die Stadt anstrengend ist: unheimlich geschäftig, total unruhig. Es gibt keine Fußgängerzone, kaum Cafés auf der Straße, es ist dicht, eng und über-urban. Und für uns ist Sofia wie ein reales Facebook oder StudiVZ, unser Tramp-Trip erbaut uns ein soziales Netzwerk im echten Leben. Durch Zufälle, Telefonate und wirkliche Freundschaften wird es jeden Tag ein Stück verzweigter.

Unser bulgarischer Begleiter Ivo ist zum Beispiel der Freund einer Bekannten einer Bekannten einer Bekannten aus Leipzig und führt uns zwei Tage lang durch die Straßen Sofias. Mit seiner Stadt- und Menschenkenntnis öffnet er uns Türen und verschafft uns Kontakte. 'Möchtest du sie oder ihn als Freund hinzufügen?', fragt bei Facebook eine penetrante Schaltfläche. Ein Klick dort genügt, hier in Sofia reicht oft schon ein Handschlag."

Team Slowenien - Auf der Suche nach dem Balkan

Team Slowenien: Anja und Mareike

Keine Spur vom Balkan: Mareike und Anja staunen in Koper

Keine Spur vom Balkan: Mareike und Anja staunen in Koper

"Bevor wir losgetrampt sind, war Slowenien für uns Osteuropa. Dabei liegt das Land genau genommen südlich von Deutschland, die Hauptstadt Ljubljana westlich von Wien. Dank Schubladendenkens haben wir in Slowenien staubige Schlaglochpisten, temperamentvolle Menschen und sympathisches Chaos erwartet - Balkan eben.

Den Balkan haben wir in der ehemaligen jugoslawischen Teilrepublik aber bisher nicht gefunden, von den Balkanbeat-Partys in Ljubljana mal abgesehen. Deswegen mussten andere Verallgemeinerungen her: Wir fühlten uns bei der Anfahrt über die Alpen wie in Österreich, bei all den Fahrradwegen in Ljubljana wie in Deutschland und am Meer dann wie in Italien.

Und die Slowenen wirken so ordentlich. Bei einer Studentenparty in Koper haben sie die Zigarettenstummel nicht einfach auf dem Boden ausgetreten, sondern sind dafür extra zum Aschenbecher gelaufen. Das schreit alles nicht gerade nach Abenteuer. Für uns bedeutet das: Wir müssen in Zukunft mehr hinter die Fassaden blicken."

Team Slowakei - Bekehrter Euroskeptiker

Team Slowakei: Stefanie und Konstantin

Blick Richtung Europa: Stefanie in Bratislava

Blick Richtung Europa: Stefanie in Bratislava

"Die Frau am Schalter der Wechselstube in Bratislavas Altstadt schimpft. Schlechte Zeiten seien für sie seit dem ersten Januar angebrochen. Denn seitdem müssen die vielen Touristen aus Österreich ihre Euros nicht mehr in Kronen umtauschen. Und wegen der Wirtschaftskrise kämen auch deutlich weniger Russen in die slowakische Hauptstadt.

Doch wir stellen fest, dass der Euro von den meisten Slowaken positiv aufgenommen wird. Sogar Ivan Kuhn hat da kaum etwas zu meckern. Er gilt als einer der bekanntesten und bedeutendsten Euroskeptiker der Slowakei. Sein Land sei nicht reif für den Euro, hatte er noch vor wenigen Monaten gesagt. Jetzt ist er selbst überrascht, wie reibungslos die Einführung des neuen Geldes geklappt hat. Eine Teuerungswelle habe es nicht gegeben.

Für den Musiker Frank von der Popband Hudbaz Marsu ist die neue Währung keine große Sache. Wir treffen ihn bei einer Kundgebung für die Europawahlen in Bratislavas Innenstadt. Er habe lange im Ausland gelebt, erzählt Frank. In Kronen rechne er schon gar nicht mehr um. Frank steht damit für die junge Slowakei.

Die älteren Slowaken, das merken wir immer wieder im Supermarkt, haben noch deutlich mehr Probleme mit der Währungsumstellung. So gibt die ältere Frau vor uns in der Schlange der Kassiererin gleich den gesamten Geldbeutel, mit den neuen Münzen kennt sie sich noch nicht aus."

Team Rumänien - Preisabsprache beim Trampen

Team Rumänien: Julia und Nancy

Verhandlungen bei Fahrtantritt: Julia beim Trampen

Verhandlungen bei Fahrtantritt: Julia beim Trampen

"'80 Prozent der Rumänen sind gut, 20 Prozent sind böse.' Trucker Adrian aus Timisoara gibt uns seine persönliche Gefahrenstatistik mit auf den Weg. Nach ihm kommen Solin, Anamaria und Herr Orban, die uns in ihr Auto, Haus oder Museum lassen.

Aber schon die nächste Begegnung lässt uns an Adrian zurückdenken. Der Herr um die 70 scheint einer von den Guten, wir steigen daher in seinen Dacia ein. Wer in Rumänien Tramper mitnimmt, verlangt dafür in der Regel Geld. 'Cinci, cinci', sagt er. Als wir noch überlegen, ob er fünf Lei, also etwa einen Euro, pro Person oder für beide will, rumpeln wir schon in Richtung Recas, einem Städtchen im Westen Rumäniens.

Dort, 20 Kilometer entfernt, soll es einen der besten Weine des Landes geben. Wir wollen ihn probieren und herausfinden, was sich seit dem EU-Beitritt auf dem Weingut getan hat. Eine halbe Stunde später bremst der Opa auf dem Hof und bittet uns zur Kasse. Der Zehn-Lei-Schein reicht ihm nicht, er zeigt auf die 50 im Sprachführer.

Wir diskutieren, die Autotür klemmt, der Herr wird aggressiver, uns wird unwohler. Als er mit der Polizei droht, suchen wir Hilfe in der Winzerei. Unser Fahrer folgt uns aufgebracht, doch die Empfangsdame steht uns bei: 50 Lei für 20 Kilometer sind zu viel. Der wütende Herr macht sich endlich auf den Heimweg. Um uns kümmern kann sich hier leider niemand, alle haben zu tun.

Wir stehen enttäuscht am Straßenrand - nur weg aus Recas! Sollten wir etwa mehr auf die Rumänen hören, die vor ihren eigenen Landsleuten warnen? Wir lassen uns ab jetzt die Fahrpreise schriftlich geben, kaufen den Wein aus Recas im Supermarkt und treffen schon wieder auf 120 Prozent rumänische Gastfreundschaft und Herzlichkeit!"

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung