Trend zur Kuschelnote Alles wird gut

Deutsche Studenten sind einfach gut. Oder sehr gut. Jedenfalls räumen sie reihenweise Spitzenzensuren ab. Die Vier oder Fünf im Examen ist, außer bei Juristen, faktisch ausgestorben - und die Währung Abschlussnote auf dem Arbeitsmarkt nahezu wertlos. Regiert beim Noten-Lotto Mitleid oder gar schiere Willkür der Prüfer?

Von Carsten Heckmann


Pauken fürs Examen: Das Zeugnis als Farce
GMS

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Die Wahl ihres Abschlussprüfers fiel Gesine Müller (Name geändert) leicht. "Ich bin mit meinem Thema natürlich zu Herrn Giershausen gegangen. Da wusste ich vorher: Eine Eins oder Zwei müsste es werden", berichtet die Theaterwissenschaftlerin. "Um bei ihm schlechter abzuschneiden, muss man schon so blöd sein und gar nicht zur Prüfung erscheinen."

Peter Wex überraschen solche Aussagen schon lange nicht mehr. "Es gibt Studiengänge, da werden nur allerbeste Noten vergeben, 90 Prozent der Abschlüsse sind 'gut' und 'sehr gut'", sagt der Leiter der Arbeitsstelle Bildungsrecht und Hochschulentwicklung an der FU Berlin. "Und dann gibt es welche, wo die Noten 'ausreichend' und 'nicht ausreichend' allein 60 Prozent ausmachen."

Arme Juristen: Die Endnote 3 gilt schon als brillant

Jurist Wex meint damit vor allem die Juristen. Er beklagt also sowohl gute als auch schlechte Noten - solange sie denn übermäßig gehäuft vergeben werden. "Das Notenspektrum wird nicht ausgeschöpft. Diese Nivellierung des Spektrums verweigert sich im Ergebnis der individuellen Leistungsdifferenzierung."

Jubelnde Absolventen: Enorme Schieflage bei den Noten
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In der Tat gibt es neben Aussagen von Studenten auch Zahlen, die seine Diagnose stützen. So flossen auch in das jüngste Hochschulranking vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) und der Zeitschrift "Stern" Durchschnittsnoten ein. In den Erziehungswissenschaften reichten sie von 1,4 bis 2,4, in Soziologie das gleiche Bild. In Psychologie fanden sich ausschließlich durchschnittliche Abschlussnoten mit einer Eins vor dem Komma - übrigens lauter Fächer mit verheerenden Studienabbruch-Quoten.

Juristen indes können davon meist nur träumen. In Sachsen ergatterte bei der zweiten Prüfungsrunde für das erste Staatsexamen im letzten Jahr gerade ein Prozent der Teilnehmer eine der beiden Spitzennoten. Die Hälfte musste sich mit "befriedigend" oder "ausreichend" zufrieden geben - und gerät beim Berufseinstieg in der Wirtschaft schon mal in Erklärungsnotstand.

"Unheilige Allianz zwischen Professoren und Studenten"

Mit dem Trend zu Kuschelzensuren in vielen Fächern ist Deutschland nicht allein. Ähnliche Probleme melden zum Beispiel auch US-amerikanische Elite-Unis. Für deutsche Hochschulen gibt es keine umfassende Untersuchungen zur Notengebung. Beim Wissenschaftsrat wird eine Stellungnahme erarbeitet, seit vielen Monaten. Vor dem Jahresende sei sie nicht zu erwarten, heißt es dort.

Peter Wex setzt auf diese Stellungnahme: "Wenn man selbst recherchiert, bekommt man die Zahlen meist nicht." Was auch kein Wunder sei, denn "niemand will das Problem richtig oder mit Konsequenzen anpacken. Es gibt in Teilbereichen eine unheilige Allianz zwischen Professoren und Studenten".

Gemeint ist: Studenten beschweren sich natürlich nicht über gute Noten. Professoren scheuen Schwierigkeiten für den Fall, dass sie viele schlechte Noten vergeben. Also bleibt alles beim Alten.

Doch die "Zeit" machte in den Studenten "die eigentlichen Opfer" aus: "Wenn jede Anstrengung fast gleich viel zählt, demotiviert das die Guten und wiegt die weniger Guten in falscher Sicherheit." So verschwinden Überflieger in der Masse und können sich kaum auszeichnen - ersetzt das Notenroulette eine aussagekräftige Bewertung, fühlen sich manche schlicht betrogen.

Atemberaubendes Notengefälle

Beim CHE ist man mit Interpretationen vorsichtig. Schließlich gebe es auch noch auch die Möglichkeit, dass die Studenten schlicht gut seien. "In der Tat bereitet sich die Mehrheit sehr gut auf ihre Abschlussprüfung vor", sagt der für seine Notengebung von Studenten hoch gelobte Professor Theo Giershausen. "Außerdem haben wir gute Betreuungsrelationen. Es kommt vieles zusammen", so der Leipziger Theaterwissenschaftler.

Erschöpfter Prüfling: Lohnt sich das Büffeln wirklich?
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Klagen gegen Prüfungsentscheidungen sind eher selten. Bei den Juristen jedoch besteht die von Wex beschworene Allianz ganz offensichtlich nicht. Das Resultat laut Wex: "Es gibt durchaus Widersprüche von Studenten." Das sächsische Justizprüfungsamt berichtet von 28 Widersprüchen aus der zweiten Prüfungswelle des vergangenen Jahres. Bei 500 Geprüften nicht viel. Die Zahl habe auch auffällig abgenommen.

Wo die Gründe auch genau liegen mögen: Es gibt einseitige Notengebung, das scheint unstrittig. Sie habe sich auch herumgesprochen, meint Peter Wex. "Auf dem Arbeitsmarkt drücken sich die Folgen aus. Die Währung Abschlussnote ist nicht mehr viel wert."

Personalchefs müssen sich schon blendend auskennen, wenn sich bei ihnen BWLer, Juristen und Ingenieure auf die gleiche Stelle bewerben - zumal es auch zwischen den Hochschulen im gleichen Fach ein verblüffendes Notengefälle gibt. Andererseits ist es für die Personaler verführerisch, anhand "harter" Fakten wie Noten auszusortieren, wenn sich ihr Schreibtisch unter 300 Bewerbungen biegt. Da verhindere "nur Erfahrung, dass man Äpfel mit Zwergtomaten vergleicht", so der Personalberater Achim Oettinger von der Kölner Gesellschaft Access.

Differenzierung durch die Hintertür

Tatsächlich lassen sich Personalchefs gern mit den Worten zitieren, dass heute "soft skills" mehr zählen als alles andere. Auch wenn manche dann doch noch eher traditionell gewichten: "Die Abschlussnote ist wichtig, aber kein alleiniges Kriterium", sagt zum Beispiel Claudia Maassen vom Personalmarketing der Firma Henkel.

Dass Firmen, die eine Leistungsdifferenzierung wollen, Druck ausüben auf die "unheilige Allianz", das ist eine von zwei Problemlösungen, die Peter Wex sieht. Die zweite: "Das Selbstbewusstsein der Fächerkultur muss größer werden. Eine Universität soll auch berufsfähig machen. Differenzierung ist somit eine ihrer vornehmsten Aufgaben."

Für Unternehmen gibt es jedoch auch andere Varianten, über die Universitäten doch noch zur Differenzierung ihrer Bewerber zu kommen. Die Erfahrungen von Giershausen sprechen Bände: "Bei uns wird nach einem Abschluss gefragt, aber kaum danach, wie er beziffert ist. Dafür werde ich dann später oft um ein detailliertes Gutachten gebeten zu einem Bewerber, der bei mir seinen Abschluss gemacht hat."



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