Trendsport Philosophie Gedanken-Wrestling für Spontane

Wenn Dichter beim Poetry Slam wetteifern, brauchen die Denker dringend einen "Philosophy Slam". Das findet ein Kasseler Dozent und hat Studenten wie Hochschullehrer zum Turnier eingeladen - sie sollen Freitagabend rasant um die Wette philosophieren.


Angst vor einer Blamage hat Martin Böhnert, 30, nicht. "Jeder, der da teilnimmt, wird wohl ein bisschen extrovertiert sein", sagt der Student und schließt sich selbst nicht aus. Mut zur Selbstdarstellung braucht er: Am Freitag stellt er sich beim ersten "Philosophy Slam" an der Kasseler Universität dem Wettstreit der Denker - einen Abend lang soll um die Wette philosophiert werden. Den Gewinner bestimmt das Publikum.

Martin Böhnert, Student und Hobbyphilosoph tritt beim "Philosophy Slam" an
DDP

Martin Böhnert, Student und Hobbyphilosoph tritt beim "Philosophy Slam" an

Schon der Name der ungewöhnlichen Veranstaltung verweist auf das Vorbild "Poetry Slam": Vor mehr als 20 Jahren in den USA erfunden, ist die kneipentaugliche Variante der Literaturlesung mittlerweile auch hierzulande fest etabliert. Vornehmlich junge Poeten präsentieren dabei in vorgegeben knapper Zeit ihre Werke und versuchen, sich mit dem originellsten Inhalt und der besten Performance gegen ihre Konkurrenten durchzusetzen. Und den meisten Applaus einzuheimsen.

Als der Kasseler Philosophie-Dozent Dirk Stederoth auf die Idee kam, nach diesem Prinzip einen philosophischen Schreibwettbewerb auszurichten, fühlte er sich noch als Erfinder des "Philosophy Slam" - bis er feststellen musste, dass Amerika auch hier schneller war: Im Land des scheinbar unbegrenzten Einfallsreichtums wird an Schulen und Universitäten schon seit Jahren über den Sinn des Lebens oder den freien Willen geslammt. Sogar Kindergartenkinder können alljährlich beim landesweiten "Kids Philosophy Slam" zu Fragen wie "Ist die globale Erwärmung die größte Herausforderung für die Menschheit?" ihre Gedanken einreichen oder dazu etwas malen.

"Man trifft sich zum Essen, am Ende gewinnt Sokrates"

Das wohl erste Experiment in Deutschland wurde im Sommer an der Universität Augsburg gestartet - "mit großem Beifall", wie es heißt. Eigentlich aber, sagt Stederoth mit einem Augenzwinkern, ist die Idee ohnehin schon viel, viel älter. Rund 2400 Jahre nämlich: "Platons 'Symposion' ist so etwas wie ein früher Philosophy Slam", erklärt der Hochschullehrer. "Man trifft sich zum Essen, hält reihum Vorträge über den Eros, und am Ende gewinnt Sokrates."

Der Kasseler "Philosophy Slam" aber ist trotzdem eine Premiere. Nicht vorproduzierte Texte werden vorgetragen, sondern das Ergebnis spontanen Nachdenkens: Die Teilnehmer erfahren die Aufgabe erst am Abend selbst und haben dann 45 Minuten Zeit, um zu schreiben, was sie später vorlesen werden. "Da ist der Professor gegenüber Erstsemestern oder interessierten Laien nicht im Vorteil", glaubt Organisator Stederoth.

Die einfachen Fragen sind die schwersten

Sein Versprechen, eine "ganz einfache Frage" zu stellen, beruhigt Teilnehmer Martin Böhnert freilich nicht. "Das ist am schwersten", sagt der gelernte Krankenpfleger, der jetzt im siebten Semester Philosophie, Germanistik und Politikwissenschaften studiert. "Aber irgendwas wird sicher zustande kommen."

Die geforderte Kreativität und Spontaneität schreckt ihn nicht ab, im Gegenteil. "Das wird sehr spannend", glaubt der Student. "Denn es ist eine ganz andere Art und Weise, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen, als zu Hause am Schreibtisch, wenn ich unendlich viel Zeit habe." Und für akademische Profilierungsversuche sei der "Philosophy Slam" sowieso der falsche Ort: "Ich glaube, es wird keiner versuchen, einen trockenen, rein wissenschaftlichen Text zu verfassen."

Der Wettstreit der Denker soll in erster Linie Spaß machen - und nebenbei vielleicht auch Werbung für die Philosophie sein. Stederoth hofft darauf, dass Podium und Publikum nicht nur mit Lehrenden und Studenten seines Fachs besetzt sein werden. Wie beim "Poetry Slam" laute das Motto: raus aus dem Elfenbeinturm. Und wie beim dichterischen Vorbild gibt es für die Teilnehmer, denen die Besucher am Ende die meisten Punkte gegeben haben, auch etwas zu gewinnen.

Was genau, ist noch geheim. Als Zeremonienmeister kündigt Stederoth jedoch nur "kleine Preise" an. "Es ist gut", erklärt der 40-Jährige mit Galgenhumor, "wenn die Studierenden rechtzeitig sehen, dass sie mit Philosophie kein Geld verdienen können."

Joachim F. Tornau, ddp



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