Türkische Unis Erdogan will Kopftuchverbot kippen

Das Verbot des "Türbans" an Unis und in Behörden gehört zu den größten Streitfragen der Türkei. Die Regierungspartei AKP will Studentinnen das Kopftuch nun erlauben und dafür die Verfassung ändern - ein "Putsch gegen die moderne türkische Frau", kritisierten Rektoren.


In der Türkei tragen rund zwei Drittel aller Frauen ein Kopftuch - aber Studentinnen dürfen damit nicht an der Uni erscheinen. Das will die islamisch-konservative Regierungspartei AKP ändern: Das strikte Kopftuchverbot an Hochschulen soll gelockert werden.

Protest gegen Kopftuch-Verbot (im Februar in Istanbul): Streit von hoher Symbolkraft
REUTERS

Protest gegen Kopftuch-Verbot (im Februar in Istanbul): Streit von hoher Symbolkraft

Die gemäßigt-islamische Tageszeitung "Zaman" meldete am Mittwoch, dass es Frauen künftig erlaubt sein soll, mit bedecktem Kopf Bildungseinrichtungen zu besuchen. Verboten bleiben sollen allerdings schwarze Gewänder, die den ganzen Körper nach dem Vorbild der saudi-arabischen Abbaja verhüllen, sowie traditionelle Kleidungsstücke türkischer Männer wie die Pluderhose.

Für die religiös-konservative Regierung gehört es zu den persönlichen Freiheiten, wenn Frauen aus muslimischer Überzeugung ihr Haar verhüllen. Die Aufhebung des Verbots an Universität zählt auch zu den Wahlversprechen der Regierungspartei AKP; 2002 scheiterte sie damit am Widerstand der säkularen Kräfte.

Auf einer Pressekonferenz am Mittwoch hielt Regierungschef Recep Tayyip Erdogan sich bedeckt - aber in der "Financial Times" äußerte er sich deutlicher: "Das Recht auf höhere Bildung kann nicht eingeschränkt werden abhängig davon, was ein Mädchen trägt." In dieser Frage könne die Regierung sich nicht mehr wegducken.

Nach dem Bericht der Zeitung "Zaman" hat sich Erdogan am Dienstag mit anderen führenden Politikern der AKP auf die Kopftuch-Zulassung als Teil einer umstrittenen Verfassungsänderung geeinigt. "Für Freiheit und Wohlergehen in der Türkei müssen wir das machen", wurde er zitiert. Am Mittwoch beriet der AKP-Vorstand über einen ersten Verfassungsentwurf. Wie die Frau des Staatspräsidenten Abdullah Gül trägt auch Erdogans Frau Kopftuch; seine beiden Töchter gingen zum Studium ins Ausland.

Rektoren für Studium ohne Kopfbedeckung

Wenn die Regierung den bisher offiziellen geächteten "Türban" erlaubt, schleift sie damit ein Symbol der laizistischen Republik und riskiert massive Konflikte. Das Verbot des Kopftuchs an Universitäten und in Behörden zählt seit vielen Jahren zu den wichtigsten politischen Streitfragen in der Türkei. Aus Sicht der säkularen Kräfte ist es ein zentraler Ausdruck des weltlichen Charakters des Staates. Sie fordern, dass die Reformen des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk, der seinem Volk eine westlich-europäische Kleiderordnung verordnet hatte, unangetastet bleiben.

Die Opposition beschuldigt die AKP, eine schleichende Islamisierung zu betreiben. Für eine Beibehaltung des Kopftuchverbots setzt sich vor allem die einflussreiche Armee ein, die sich als Wächter der laizistischen Staatsordnung sieht. Auch die türkische Hochschulrektorenkonferenz stemmt sich seit Jahren gegen Versuche, das Kopftuchverbot zumindest zu lockern.

Die Türkei ist in ihrer Haltung eindeutiger als fast alle westeuropäischen Staaten. In Deutschland haben einige Bundesländer festgelegt, dass Lehrerinnen kein Kopftuch tragen dürfen; dagegen steht Schülerinnen oder Studentinnen frei, ob sie ihre Haare bedecken wollen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat vor zwei Jahren entschieden, dass das Kopftuchverbot an türkischen Unis rechtmäßig ist. Es erfülle einen "legitimen Zweck", zumal die Kopfbedeckung von "extremistischen Bewegungen" als Symbol gebraucht werde, so die Richter.

Die Hochschulrektoren haben am Mittwoch bereits reagiert - und zwar zornig. Sie bezeichneten die Pläne als "Putsch gegen die moderne türkische Frau". Zudem handele es sich um eine Mogelpackung, weil das Kopftuchverbot gar nicht Teil der Verfassung sei. Es war als Reaktion auf den Aufstieg des politischen Islam immer weiter verschärft worden, erst durch Gerichtsurteile, 1997 durch eine Bekleidungsvorschrift des Hochschulrates. Frauen mit Kopfbedeckung dürfen laut Gesetz auch nicht für Regierungsbehörden arbeiten.

Erdogans Gegner befürchten, dass der Druck zum Kopftuchtragen enorm steigen könnte. "In Libyen schreibt kein Gesetz das Kopftuch vor. Trotzdem haben im Laufe von 20 Jahren alle Mädchen es wegen des Drucks angelegt", sagte der Rektor der Technischen Universität in Ankara. Die Rektoren drohen damit, den Kopftuchstreit erneut vor den Europäischen Menschengerichtshof zu tragen.

jol/dpa/AP/afp/Reuters

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