Typologie Die nervigsten Mitfahrer

Mitfahrgelegenheiten sind super für alle, die kein Geld haben für teure Bahntickets. Oder gern in Begleitung reisen. Nur kann man sich die Begleitung nicht aussuchen. Die nervigsten Typen von Fuhrunternehmer bis zum Einsamen - einsteigen, Türen schließen, Vorsicht bei der Abfahrt.
Von Sonja Leister
Foto: Z1022 Patrick Pleul/ dpa

Der Fuhrunternehmer

In einem silbernen Mini-Van kommt er angebraust. Fachmännisch und fix begrüßt er alle Passagiere und verstaut sie mitsamt Gepäckstücken (maximal 55 x 40 x 20 Zentimeter) in Minutenschnelle im Auto. Wer zu spät kommt, muss pro fünf Minuten Verspätung zwei Euro bezahlen - das hat er schon in seiner Anzeige angekündigt. Denn er hat einen Businessplan: so viele Leute wie möglich, so viele Kilometer wie möglich chauffieren. Um das alles zu koordinieren, ruft er während der Fahrt permanent weitere Mitfahrer an, die er in naher Zukunft aufsammelt.

Der Fuhrunternehmer pausiert nur an schäbigen, alten Rasthöfen ohne Kiosk oder Restaurant. Schließlich bietet er für 1,50 Euro die Tasse Filterkaffee und Roibusch-Tee aus der Thermoskanne an. Für nochmal 15 Cent darfst du zwischen zwei Sorten Keksen wählen - ohne Schokoladenglasur, das könnte ja Flecken auf den Polstern geben.

Eine halbe Stunde vor Ankunft verteilt der Fuhrunternehmer Evaluationsbögen (zu Pünktlichkeit, Service, Geschwindigkeit) und sammelt E-Mail-Adressen für seinen Newsletter ein. Auf der Fahrt läuft recht laut Musik, gegen die aber keiner der Mitfahrer zu protestieren wagt, weil man dann als Banause gilt: also Norah Jones oder Klezmer. So vermeidet der Fuhrunternehmer unangenehme Gespräche zu seiner abgebrochenen Banklehre, Steuerbetrug und seiner fehlende Personenbeförderungslizenz.

  • Als Gepäck hat er dabei: eine Geldkassette

Der Behütete

Aufgeregt wartet der Behütete am vereinbarten Treffpunkt. Unter dem Arm klemmt ein Herzkissen, das er noch kurz vor der Abreise von seinem Freund/seiner Freundin geschenkt bekommen hat. In das Plüschungetüm ist eingestickt: "Gute Reise!"

Auch der Papi des Behüteten ist am Treffpunkt zur Stelle, um den Einstieg in ein "wildfremdes Auto" zu überwachen, denn: "Heutzutage gibt's fast nur noch Verrückte." Weil Papi auf Nummer Sicher gehen will, notiert er sich nicht nur das Kennzeichen. Harsch fordert er auch Personalausweis und Führerschein vom Fahrer ein, um beides zu fotografieren. Weil diese Prozedur schon zehn Minuten dauert, fragst du genervt: "Warum fährt ihr Kind beim nächsten Mal nicht einfach Bahn?"

Mit einiger Verspätung könnt ihr endlich los. Doch nach Reisekilometer eins klingelt bereits das Handy des Behüteten: "Jaaa, alles gut. Alle sind nett und haben Abitur." Bei Kilometer 17 bestätigt er: "Nee, ich habe keine Reisekrankheit, habe doch die Tabletten genommen." Ähnliche Gespräche musst du bei Kilometer 20, 31 und 38 zwangsbelauschen. Immer wenn ein Mitreisender aussteigt, sagt der Behütete artig: "Es war schön, deine Bekanntschaft gemacht zu haben."

Endlich, endlich steigt auch der Behütete aus. Am Haltepunkt warten Oma und Opa und der Nachbarsjunge, um ihn in Empfang zu nehmen. Als Begrüßungsgeschenk hat die Oma einen Bienenstich gebacken. In Herzform.

  • Als Gepäck hat er dabei: einen 4-You-Rucksack

Die Schwatzbacke

Seit die Schwatzbacke in Wiesbaden eingestiegen ist, plappert sie. Und ihr fahrt inzwischen schon durchs Münsterland. Du hast/musstest/durftest schon erfahren, dass die Schwatzbacke ein umerzogener Linkshänder ist und dass dieses Trauma ihre Kreativität bis heute ausbremst. Und dass sie sich für Totenmasken aus der Mongolei interessiert. Und dass ihre beiden besten Freundinnen auf der selben Grundschule waren: "Verrückt, oder?"

Du selbst und die übrigen Mitfahrer durften nur kurz Name, Alter und Zweck der Reise angeben, um dann von einem Redeschwall der Schwatzbacke zum Schweigen gebracht zu werden: "Ich fahre zu Besuch zu meiner ehemaligen Kollegin, die hat früher in Mainz-Kastel gewohnt. Und was auch voll krass ist: Mainz-Kastel gehört zu Wiesbaden. Total komisch, dabei heißt es doch Mainz. Naja, das sind bestimmt die Amis schuld, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Bundesländer eingeteilt haben. Die Amis machen ja eh, was sie wollen. Das sieht man ja jetzt auch im Irak. Die interessieren sich doch gar nicht für das Land, sondern nur für das Öl. Apropos Öl, für in den Salat nehme ich nur noch Sonnenblumenkernöl. Denn Olivenöl macht so hässliche Flecken, finde ich. Damit habe ich mir vorletztes Jahr ein Oberteil versaut …"

Jetzt helfen nur zwei Strategien: entweder besonders auffällig einen MP3-Player in die Ohren stopfen oder an der nächsten Tankstelle reichlich Süßigkeiten kaufen, die du großzügig anbietest. Dann kaut die Schwatzbacke ein paar Minuten, statt zu brabbeln. Oder zumindest ein paar Sekunden.

Als Zaunpfahlwink macht der Fahrer hinter Münster schließlich "Die Ärzte" an: "Das sind Dinge von denen ich gar nichts wissen will…" Das ganze Auto stimmt ein: "Lass mich doch in Ruh, und texte mich nicht zu!" Die Schwatzbacke singt freudig mit. Immerhin redet sie nicht.

  • Als Gepäck hat sie dabei: Eine Tasche mit der Aufschrift "We love to entertain you" aus dem ProSieben-Shop

Der Fernliebende

Wenn du den Fernliebenden an einem Freitagnachmittag triffst, ist er aufdringlich glänzender Laune. Nach fünf Tagen Sehnsucht geht es endlich auf zum Freund/zur Freundin in die mindestens 250 Kilometer entfernte Großstadt. Der Fernliebende sprüht geradezu vor Begeisterung und erzählt allen detailreich, was er und "Hase" am Wochenende vorhaben (Grillen, Bikini kaufen, hinterm Herd putzen). Dieser Mitreisende erläutert auch freitags immer wieder gern, dass Fernbeziehungen "eigentlich auch ganz schön viele Vorteile" haben.

Sein Frohsinn nervt. Aber manchmal kommt es noch schlimmer - bei der Rückfahrt. Triffst du den Fernliebenden am Sonntagabend wieder, könntest du ihn für manisch-depressiv halten. Denn diesmal ist er nur ein Häufchen Elend. Nach dem Wochenende mit "Hase" ist all seine gute Laune aufgebraucht. Schweigend und regungslos sitzt er auf der Rückbank. Wenn du ihn fragst, wie das Grillen war, bricht er endgültig in Tränen aus. Schluchzend erzählt er, dass Hase so lecker die Hähnchenbrustfilets mariniert hat.

Wenn du den Fernliebenden aufmuntern willst, erzählst du ihm dass, Fernbeziehungen immer häufiger vorkommen und laut Statistik sogar länger halten. Dich selbst erfreut das allerdings gar nicht. Denn du triffst umso mehr von ihnen als Mitfahrer.

  • Als Gepäck hat er dabei: die Sporttasche, an der noch Hases Duft hängt

Der Einsame

Tagelang schon hat sich der Einsame auf diese Fahrt gefreut. Endlich kann er mal entspannt mit seinen Kumpels durch die Gegend cruisen. Nur: Einer der Kumpels bist jetzt du. Auch wenn er euch alle noch nie gesehen hat - der Einsame sieht nämlich in der Mitfahrgelegenheit bedeutend mehr als eine Zweckgemeinschaft: Ihr seid ein Super-Team!

Die Fahrt von Wuppertal nach Kiel nutzt der Einsame aus, um mal "so richtig nett ein bisschen zu quatschen". Er berichtet von seiner Koikarpfen-Zucht und dass er jetzt einen Discofox-Kurs macht. Anschließend fordert er euch auf, sich den Kummer von der Seele reden, denn: "Hey, unter Freunden macht man das ja so." Weil du immer mehr Mitleid mit dem Einsamen bekommst, spielst du erstmal artig mit, ohne allerdings zu verbindlich zu werden. Denn langsam wird dir klar: Dieser Mensch hat deine Telefonnummer und deine E-Mail-Adresse, weil ihr ja vor der Fahrt die Kontaktdaten ausgetauscht habt. Und: Er wohnt in der gleichen Stadt wie du!

Als du aussteigst, fragt der Einsame natürlich prompt, ob ihr euch nicht mal auf ein Bierchen treffen wollt. Jetzt liegt es an dir und deinem Gewissen: Entweder ziehst du die Sache aus Nettigkeit durch. Oder du nuschelst etwas von: "Gerade sehr beschäftigt." Und speichert seine Nummer unter B wie "Bloß nicht rangehen!"

  • Als Gepäck hat er dabei: eine Reisetasche mit der Aufschrift "Koikarpfen Klub Sprockhövel"

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