Überflieger mit Stipendium Inzucht der Eliten

Deutschland sucht seine Besten. Und findet sie zumeist unter den Kindern von Ärzten, Professoren, Managern. Wer hat, dem wird gegeben - wo aber bleiben die Tochter des Maurers, der Sohn der Friseurin? Bisher werden Genies aus Arbeiterfamilien nur selten Stipendiaten. Das soll sich jetzt ändern.

Ingo Römling/ monozelle.de

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Einser-Abitur haben sie ja alle bei der Studienstiftung. Ein Schnitt von 1,1 ist da nicht weiter der Rede wert. Dass Eva-Maria Jung vorzüglich Klavier spielt, versteht sich von selbst. Und auch dass ihre Fächerkombination - Philosophie, Mathematik und Physik - etwas exotisch anmutet, überrascht nicht. Vielseitigkeit ist schließlich Programm.

Während ihres Studiums bekam Eva-Maria Jung als Hochbegabte ihr Geld von der Studienstiftung des deutschen Volkes, und dort war es etwas anderes, was sie hervorstechen ließ: Ihr Vater ist Hauptschullehrer, ihre Mutter hat kein Abitur. Daheim auf dem Land galt das als normale Mittelschichtfamilie. Jetzt, unter den Studienstiftlern, fühlte sie sich plötzlich eher am unteren Rand: "Anfangs kam ich mir schon ein bisschen fremd vor", sagt sie.

Sie staunte, wenn Diplomatensöhne von den Weltreisen mit den Eltern erzählten oder Professorentöchter von den Jahren im englischen Internat. Bei ihr zu Hause im hessischen Butzbach wäre an solche Extravaganzen nicht zu denken gewesen - und nicht nur, weil das Geld nicht gereicht hätte.

"Natürlich brachten die anderen auch wahnsinnig viel Wissen als Hintergrund mit", erzählt die heute 30-jährige Philosophin über ihre Mitstipendiaten. "Aber viel entscheidender war, wie gut die alle das akademische Leben kannten. Ich wusste ja nicht einmal, was eine Promotion ist."

Eintritt in die fremde Welt der Hochbegabten

Größer noch war der Kulturschock für Sevda Guel. Sie ist Türkin und spielt gar kein Musikinstrument. Nicht einmal Abitur hat sie gemacht. Ihr Vater ist Facharbeiter in einem Bauunternehmen, ihre Mutter hat einen 400-Euro-Job als Aushilfe. Aufs Gymnasium zu gehen war in ihrer Familie nie ein Thema.

Nach der Schule machte Sevda Guel eine Lehre. Und erst als sie merkte, dass sie die Arbeit als Außenhandelskauffrau nicht befriedigte, begann sie sich fortzubilden. Hartnäckig stöberte sie im Internet, löcherte Freunde, Bekannte und Behörden. Schließlich hatte sie einen Weg gefunden, wie sie mit Lehre, Berufserfahrung und Weiterbildungen auch ohne Abi studieren konnte. Sie schrieb sich ein im Fachbereich Logistik der Fachhochschule Ludwigshafen.

Gleich im ersten Semester schlug ihr Dozent sie für ein Hochbegabten-Stipendium der Studienstiftung vor. Das haute sie um. Es war der Eintritt in eine fremde Welt. Einmal im Monat trifft sich die 25-Jährige nun mit der Personnage ihres neuen Lebens im Café, mit Leuten, für die Shakespeare, Schubert und Schopenhauer alte Kindheitsvertraute sind. "Es sind Menschen, deren Lebensweg überragender ist", sagt Sevda Guel. Nein, Neid empfinde sie eigentlich nicht. Sie freut sich darüber: "So habe ich Vorbilder."

Jung und Guel sind Fremdkörper im Club der Überflieger. Die meisten Studienstiftler stammen aus gebildetem und aus begütertem Hause. Wer die Liste der Ex-Stipendiaten durchforstet, der stößt auf Arztsöhne und Pfarrerstöchter, auf Kinder von Anwälten, Architekten und Oberstudienräten.

"Wer hat, dem wird gegeben"?

Immer wieder regt sich Widerstand gegen diese Inzucht der Eliten. Denn ist es wirklich Aufgabe der Begabtenförderung, die ohnehin Begünstigten noch besonders zu päppeln? Heißt dies nicht Fördern nach dem "Matthäus-Prinzip": "Wer hat, dem wird gegeben"?

Etwa ein Dutzend Stiftungen in Deutschland spendieren Stipendien für besonders Begabte. Etwa einer von hundert Studenten profitiert davon. Wer aufgenommen ist, erhält meist ein Büchergeld von derzeit 80 Euro monatlich zusätzlich zu dem ihm zustehenden Bafög-Satz. Vor allem aber kann er in erlesenem Kreise teilnehmen an allerlei Workshops, Akademien, Sprachkursen oder Berufsseminaren.

Das elitärste und zugleich mit Abstand größte der Begabtenförderwerke ist die Studienstiftung des deutschen Volkes, mehr als 10.000 Studenten bekommen ihr Geld aus der Zentrale in Bad Godesberg. Die Stiftung sieht ihre Aufgabe darin, die herausragenden Talente aus den Heerscharen deutscher Studenten herauszufiltern. Und dabei hat sich immer wieder aufs Neue gezeigt: Wer nach den Besten sucht, der wird am schnellsten unter den Gebildeten fündig.

Darauf könne und wolle die Studienstiftung keinen Einfluss nehmen, hatte der Stiftungspräsident, Ex-Stipendiat und Hirnforscher Gerhard Roth noch im Vorwort zum Tätigkeitsbericht 2008 verkündet. Intelligenz sei nun einmal "dasjenige Persönlichkeitsmerkmal, das am deutlichsten vererbt wird". Deshalb gelte geradezu als Naturgesetz: "Intelligente Eltern haben in der Regel intelligente Kinder." Im Bewerbungsverfahren irgendwelche Bonuspunkte für Arme zu vergeben sei "nur schwer vorstellbar".

Jetzt gelten solche Glaubenssätze nicht mehr: In sieben deutschen Großstädten vollzieht sich ein radikaler Einschnitt in der Geschichte der altehrwürdigen Studienstiftung - am vergangenen und am kommenden Samstag.

Fünf Stunden Grübeln und Knobeln, die über ihr Leben entscheiden können

1065 Erst- und Zweitsemester sämtlicher Fakultäten stellen sich einem Begabungstest. Fünf Stunden haben sie Zeit, insgesamt 100 Aufgaben zu knacken: fünf Stunden Grübeln und Knobeln, die über ihr Leben entscheiden können.

"Haft, Tadel, Familie, Sonne, Löschung, Widerruf, Schuld, Eintragung, Sühne, Scheidung, Aussage, Hitze ...": Knapp zwei Dutzend derartige Begriffe stehen da zum Beispiel in einer Wolke arrangiert herum. Welche von ihnen gehören zusammen? Wer merkt, dass eine Aussage ebenso widerrufen wie eine Eintragung gelöscht wird, der ist einen Schritt weiter auf dem Weg in die deutsche Studentenelite.

Bei anderen Aufgaben müssen die Kandidaten im Geiste eigenartige Klötze hin und her wenden müssen, verheddern sich in komplizierten Flussdiagrammen, vergleichen Streifen, Karomuster und Pfeile miteinander und versuchen den präzisen Sinn von Gesetzes- oder Lehrbuchtexten zu entschlüsseln.

Die Testbesten werden dann zu Auswahlseminaren geladen, auf denen sie in Diskussionen, Referaten und Einzelgesprächen ihre Brillanz unter Beweis stellen müssen. Auf jene, die auch diese Hürde überwinden, wartet ein Stipendium der Studienstiftung.

insgesamt 223 Beiträge
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Seite 1
hadean 21.04.2010
1. Inzucht der Eliten
Zitat von sysopDeutschland sucht seine Besten. Und findet sie zumeist unter den Kindern von Ärzten, Professoren, Managern. Wer hat, dem wird gegeben - wo aber bleiben die Tochter des Maurers, der Sohn der Friseurin? Bisher werden Genies aus Arbeiterfamilien nur selten Stipendiaten. Das soll sich jetzt ändern. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,688858,00.html
Mannohmann, was ist in diesem unseren Lande passiert? Unter dem Kabinett von Helmut Schmidt durfte ich als "Unterschichtler" ins Gymnasium, incl. Schülerbafög (dies nicht rückzahlbar), in der Oberstufe. Dann habe ich in den Sommerferien bei Mercedes-Benz arbeiten dürfen, ja dürfen. Was heutzutage auch nicht mehr so einfach ist. Und im Studium gings dann auch so weiter, mit Bafög und Benz. Da war dann sogar Geld übrig für gewisse Auslandsreisen, Ägypten, Indien. Und das sind ja auch gewisse Lebenserfahrungen. Und jetzt bin ich als Informatiker mit Physikstudium in Lohn und Brot. Das Studenten-Bafög ist zurückgezahlt. Nochmals, was ist in diesem unsren Lande passiert, dass sowas heutzutage nicht mehr möglich ist? Jetzt frage ich mich,
Sponator 21.04.2010
2. Intelligenz ist erblich!
Es gilt als wissenschaftlich erwiesen, dass Intelligenz zu einem großen Teil vererbt wird. Zudem korreliert der IQ deutlich mit dem sozialen Status. Ergo wird sich der Begabungstest für viele (wenn auch nicht allen) Bewerber aus sozial schwächeren Familien als Hürde erweisen. http://en.wikipedia.org/wiki/Heritability_of_IQ http://en.wikipedia.org/wiki/IQ#Positive_correlations_with_IQ
GM64 21.04.2010
3. Man sollte sich zu erst fragen, ob es erstrebenswert ist
habe selber nur einen Uni Abschluss, aber wenn ich das Leben meiner Bekannten sehe, die Professor geworden sind, dann kann ich nicht sagen, dass es erstrebenswert gewesen wäre. Der ständige Ortswechsel, und die große Hetzte. Die jagt nach dem Titel. Und wenn man sieht, was sie der Menschheit hinterlassen haben, dann ist es doch selten etwas Gutes. Eigentlich sind es gnadenlose Egoisten. Bitte sagen Sie mir, in welche Weise die Manager von Goldmann und Sachs die Welt verbessert hätten? Und wenn wir an die Diplomaten denken, dann kann man ja nur sagen, gäbe es keine Herrscher, gäbe es auch keine Kriege. Eigentlich ist es ein Spiel auf Kosten der Anderen. So lange die Menschen nicht zur Empathie fähig sind, wird sich die Welt nicht verändern. Und gerade Mitleid, Hilfsbereitschaft, und Gerechtigkeit, sind diesem Personenkreis eher fremd. Kann mich noch gut erinnern, ich hatte Grippe und 2 Sehnenscheidenentzündungen in den Händen und bin mit dem Bus nach Erlangen gefahren um meinen Tutor Job zu tun. Ich hatte die Studenten gebeten die Tafel zu wischen, weil ich es nicht konnte, aber keiner war bereit es zu tun, also hatte ich es dann getan. Danach fing es an zu Regnen, und ich bat einen Kommilitonen der nach Süden gefahren ist, mich nach Nürnberg mitzunehmen, aber der hat mich auch im Regen stehen lassen. Diese Menschen können viel tun, aber die Welt werden sie nicht verbessern, weil sie keine Sozialkompetenzen haben. Man zahlt zwar ab und zu was für eine Stiftung, geht auf eine Wohltätigkeitsball, oder kämpft für die Umwelt, die Indianer, oder was auch immer, aber das ist nur zur Selbstbefriedigung, hilfsbereit sind sie nicht. Beiweis dafür ist die Inzucht der Eliten. Egoisten bleiben eben unter sich. Leider ist diese Tatsache schon seit Jahrhunderten bekannt, aber die das Wissen haben behalten es für sich, und können sich dennoch nicht ändern. Glücklich wird man in diesem Kreis nicht.
herbert 21.04.2010
4. Da wird doch geschrieben .... !
"""""Darauf könne und wolle die Studienstiftung keinen Einfluss nehmen, hatte der Stiftungspräsident, Ex-Stipendiat und Hirnforscher Gerhard Roth noch im Vorwort zum Tätigkeitsbericht 2008 verkündet. Intelligenz sei nun einmal "dasjenige Persönlichkeitsmerkmal, das am deutlichsten vererbt wird". Deshalb gelte geradezu als Naturgesetz: "Intelligente Eltern haben in der Regel intelligente Kinder." Im Bewerbungsverfahren irgendwelche Bonuspunkte für Arme zu vergeben sei "nur schwer vorstellbar""""""" Diese Behauptung ist schlicht falsch ! Ich kenne Ärtzekinder, die absolut nicht den IQ der Eltern hatten, die Schule und die Praxis vom Vater zu übernehmen. Das Studium wurde dann im Ausland gemacht, wo man gegen Geld die Prüfungen und Noten verbiegen konnte. Und plötzlich konnten sie doch die Praxis übernehmen. Für ein Studium sind wichtig, eine gesunde Familie, ein vernünftiges Einkommen was zum Facharbeiter bis zum Prof passt. Dann der freie Zugang zu allen Universitäten OHNE Studiengebühren. Kredite vom Staat, die mit Null Zinsen zurückgezahlt werden. Bei sehr guten Leistungen werden die zurückzahlenden Kredite gekürzt. Damals bis zum Bundewskanzler Schmidt war das noch möglich. Dann hat die SPD einen extrem rechten Schwenk gemacht und die CSU noch rechts überholt und seitdem ist es schwer zu studieren. Alles auf den Punkt, es ist eine Frage der Politik und die hat seit Jahren erbärmlich versagt im Schulwesen.
DoktorMS, 21.04.2010
5. .
Sehr gute Schüler erhalten Stipendien, Schüler mit Kontakten (zu Parteien, ...) auch, gute Schüler mit sehr guten Studienleistungen nicht. Dabei müssten doch gerade die Top-Studenten gefördert werden. Es ist wie so oft ein Alibi-Stipendiensystem. Nicht die besten Studenten werden gefördert, sondern die, die irgendwie und irgendwann einmal ins Stipendiensystem gerutscht sind. Schnelles Studieren wird belohnt mit Geldbeträgen, teilweise geht Schnelligkeit dann sogar über die Leistung. Man müsste einmal eine Statistik führen, wie gut Stipendiaten im Studium sind verglichen mit Nichtstipendiaten. Dann wird man sehen, dass vorwiegend die falschen Studenten Stipendien erhalten.
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