Überflutete Uni New Orleans Exodus der Akademiker

Die Wassermassen haben auch die University of New Orleans nicht verschont. Kurz nach Semesterbeginn ist der Campus zum Teil überflutet, die Verwaltung ist in den Westen geflohen und hat in Baton Rouge ihr Ausweichquartier eingerichtet - Studieren ohne Universität.

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Rettung per Boot: Schwester Natalie Bryant entkam vom überfluteten Campus der Xavier University in New Orleans
REUTERS

Rettung per Boot: Schwester Natalie Bryant entkam vom überfluteten Campus der Xavier University in New Orleans

"Über das Ausmaß der Schäden haben wir im Moment überhaupt keinen Überblick", erklärt Ken Walsh, außerordentlicher Professor im Management der University of New Orleans (UNO). Walsh sitzt in der provisorischen Telefonzentrale in der Louisiana State University in Baton Rouge, der Hauptstadt des Bundesstaates Louisiana. Dort besetzt die Verwaltung der Exil-Universität aus New Orleans nun Büros und Seminarräume.

Viel geschlafen hat Walsh in den letzten Tagen nicht: Schon Anfang der Woche, bevor der Hurrikan "Katrina" an New Orleans vorbeizog und Wassermassen die Stadt überfluteten, wurden die Mitarbeiter evakuiert. Im Chaos der Katastrophe verstreuten sich Professoren und Angestellte im ganzen Bundesstaat.

Deutsche Studenten waren unter den Flüchtenden nicht. Die einzige Stipendiatin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in New Orleans war schon in der vergangenen Woche nach Dallas ausgeflogen worden. "Wir versuchen nun zu organisieren, dass sie ihr Studium an der dortigen Universität fortsetzen kann", sagt Julia Kesselburg vom DAAD. Vierzig österreichische Studenten von der Partneruniversität Innsbruck wurden ebenfalls rechtzeitig in Sicherheit gebracht und sind zum Teil in Alexandria, Houston oder Dallas untergekommen.

Flucht an andere Universitäten

Inzwischen ruft der Dekan Rick Barton alle College-Direktoren der University of New Orleans auf, sich bei ihm zu melden: mit Standort, E-Mail, Telefonnummer. In dem Aufruf hat Barton seine private E-Mail-Adresse angegeben. Denn der Universitäts-Server war über Tage lahm gelegt. "Wir haben den Server jetzt hier in Baton Rouge installiert und eine Not-Webseite gestartet", sagt Ken Walsh. Sie dient nun als Kommunikationsplattform und soll alle Mitarbeiter und Studenten mit Informationen versorgen - doch viel gibt es im Moment nicht zu vermelden. Nur zäh fließen die Nachrichten aus dem Krisengebiet.

Idyllischer Südstaaten-Campus: Das Navy Information Technology Center der UNO vor der Flut
AP

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Und so richten Walsh und seine Kollegen in Baton Rouge Büroräume ein, versuchen, das Computersystem wieder in Gang zu kriegen und planen, wie es für die Studenten weitergehen soll. Schließlich hat das Semester vor zwei Wochen wieder begonnen.

"Es gibt noch keine Kurse oder Seminare hier, daran arbeiten wir noch", sagt Walsh. In New Orleans selbst ist an normalen Studienbetrieb nicht zu denken: Die Gebäude der University of New Orleans stehen teilweise unter Wasser, nur einige Teile des Campus sind inzwischen trocken. Statt mit dem Auto müssen Polizisten und Helfer mit dem Kanu vorankommen. Wann die verschiedenen Institute der Uni wieder ihre Arbeit aufnehmen können, lässt sich nicht absehen.

Den Studenten rät die Exil-Verwaltung deshalb, elektronische Kurse zu belegen, die ab dem 10. Oktober angeboten werden sollen. Außerdem könnten sich die Studenten der University of New Orleans auch an anderen Universitäten des Landes einschreiben, ohne zusätzliche Studiengebühren bezahlen zu müssen. Die unbeschädigten Universitäten sorgen auch für die Unterbringung der flüchtenden Studenten.

Doch der Strom der Studenten bringt die hilfsbereiten Universitäten an die Grenze der Belastbarkeit. Auf dem Campus der Louisiana State University herrscht der Ausnahmezustand. Studenten berichten in Weblogs von Plünderungen und Autoeinbrüchen. Allein solle man sich dort nicht auf die Straße wagen, schreibt ein Journalistik-Student. Doch Monica Clark, Studentensprecherin der University of New Orleans lobt trotz allem das Katastrophen-Management. "Ich freue mich, dass die Universität versucht, sich den Bedürfnissen der Studenten anzupassen."

Die Mitarbeiter der Exil-Uni wollen nun so schnell wie möglich wieder zurück nach New Orleans. Schließlich soll die Universität wieder ganz aufgebaut und renoviert werden. Doch Walsh wird sich mit seinem provisorischen Büro in Baton Rouge wohl vorerst abfinden müssen: "Im Moment kommen wir nicht nach New Orleans rein. Und das wird noch Monate dauern."



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