Überfüllte Uni-Bibliotheken Sitzplatz nur ein Euro pro Stunde

Eine Geschäftsidee mit Pfiff: Sitzplatz-Reservierung für die Bibliothek - Passauer Studenten griffen gleich begeistert zu, nur von der Uni-Verwaltung dräute Ärger. Dabei war die Jungunternehmerin Anna Haslinger frei erfunden. Jetzt entwickelt sie ein Eigenleben.

Von Britta Mersch


Eigentlich war es eine dieser Ideen, über die man kurz nachdenkt, lacht und sie dann wieder vergisst. Die Passauer Studenten Philipp Strigel, 26, und Maria von Stern, 22, ärgerten sich mal wieder über die volle Uni-Bibliothek. Zum Ende jedes Semesters, wenn alle Hausarbeiten schreiben oder für ihre Klausuren lernen, fehlt es dort chronisch an Platz. "Wir haben überlegt, dass man einen privaten Sitzplatz-Service einrichten müsste", sagt Philipp Strigel, "dann muss man sich nicht jeden Morgen einen neuen Platz suchen."

Der Flyer: Ein Euro die Stunde, fünf pro Tag

Der Flyer: Ein Euro die Stunde, fünf pro Tag

Gesagt, getan: Noch am selben Tag hatten die angehenden Kulturwirte ein passables Marketingkonzept auf die Beine gestellt und brachten es auch subito unter die Leute, denn die Klausurphasen liefen schon. Ein Plakat entwerfen, Flyer drucken, fertig. "Exklusiv für Dich!", heißt es in dem Angebot, "wir reservieren eure Sitzplätze in den Passauer Universitätsbibliotheken genau da, wo ihr am liebsten sitzt, und das zu jeder Uhrzeit." Eine Stunde kostet ein Euro, den ganzen Tag gibt es für fünf Euro, zwei oder drei Plätze nebeneinander sind auch kein Problem. Kontakt: anna.haslinger@web.de.

Die Aktion sorgte für Furore - dabei gibt es die Passauer Studentin Anna Haslinger gar nicht. "Die Aktion war ja nicht ganz ernst gemeint", sagt Philipp Strigel, "wir wollten nur mal auf die schlechte Situation in unseren Bibliotheken aufmerksam machen." Darum übertrugen die Studenten die Leitung des Reservierungs-Services der fiktiven Kommilitonin. "Wir fanden, Anna klingt seriös, weil Mädchen normalerweise nicht solchen Blödsinn machen. Den Nachnamen haben wir gewählt, weil er gut zu Niederbayern passt", sagt der 26-Jährige, "damit erschien uns die Idee glaubwürdig."

Prompt hatte Anna schon am Nachmittag die ersten Mails im Postfach. Die Idee polarisierte. Einige Studenten waren von der Sitzplatz-Reservierung begeistert und gaben gleich die ersten Bestellungen auf: "Da ich zur Zeit meine Diplomarbeit schreibe, möchte ich gerne in der nächsten Woche ganztags für fünf Euro täglich einen Platz in der Uni-Bibliothek reservieren", schrieb eine Studentin. Und begann zu feilschen - "teilen Sie mir mit, wie viel Rabatt ich für diese Ganztagsreservierung erhalte." Ein Student lobte den Service überschwänglich: "Ist ja eine Spitzenidee! Ich habe genau dieses Platzproblem! Wäre es möglich, dass ich einen Platz bekomme?" Auch Sammelbestellungen gingen ein: "Hiermit bestellen wir drei Sitzplätze, davon zwei nebeneinander und einer direkt dahinter. Die Rechnung bitte an untenstehende Adresse."

Kritik an den Abzock-Methoden der Frau Haslinger

Doch es hagelte auch Kritik. Ein Student warnte in einer wütenden Mail, die Vermietung von Sitzplätzen vergifte die Arbeitsatmosphäre in der Bibliothek: "Sehr geehrte Frau Haslinger, durch die von Ihnen angebotenen Reservierungen werden Arbeitsplätze unnötigerweise belegt. Außerdem finde ich es äußerst bedenklich, der wohlhabenderen Studentenschaft ein Platzprivileg einzuräumen. Sollten mir Fälle von Platzreservierungen bekannt werden, so werde ich mich bei den geeigneten Stellen der Universität darüber beschweren."

Philipp Strigel und Maria von Stern: Die Erfinder der Anna Haslinger
Michael Kellner

Philipp Strigel und Maria von Stern: Die Erfinder der Anna Haslinger

Das war gar nicht mehr nötig. Die Uni-Verwaltung hatte die Abzock-Jungunternehmerin Anna schon selbst auf dem Radar. Ein Mitarbeiter verwies auf die Allgemeine Benutzungsordnung der bayerischen Bibliotheken. Die Lesesäle der Hochschulen stünden Studenten gebührenfrei zur Verfügung, eine Sitzplatzreservierung sei daher "nicht statthaft": "Ich fordere Sie auf, diesbezügliche Angebote weder zum Aushang zu bringen noch anzubieten", hieß es in der Mail, "sollten Sie unserer Aufforderung nicht nachkommen, werden wir juristische Schritte gegen Sie einleiten."

Mittlerweile hat sich an der Uni Passau herumgesprochen, dass die Aktion nur ein Spaß war. Trotzdem zeigt der Leiter der Universitätsbibliothek zerknirscht: "Wir wissen, dass unsere Bibliotheken mehr als ausgelastet sind", so Steffen Wawra, "wir hätten uns jedoch gewünscht, dass die Studenten den direkten Kontakt zu uns suchen, anstatt mit einer solchen Aktion Unruhe zu stiften."

Die Initiatoren sind selbst erstaunt über die Aufregung, die ihre Flyer an der Uni auslösten: "Wir hätten nicht gedacht, dass die Sache so ernst genommen wird," sagt Maria von Stern, "für uns war es ein großes Vergnügen, eine fiktive Person ins Leben zu rufen, an die die Leute ihre Bestellungen und Beschwerden schicken."

Die Aktion, dokumentiert im Passauer Studentenmagazin "ju:pi:", ist passé. Anna Haslinger aber lebt weiter. Ihre E-Mail-Adresse bleibt erhalten - für Beschwerden, Kritik, Anregungen: "Die Studenten können Anna schreiben, welche Ideen sie zur Lösung des Problems haben", so Maria von Stern, "vielleicht kommt ja der eine oder andere gute Ansatz dabei heraus."



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.