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16. Februar 2011, 16:42 Uhr

Umstrittene Doktorarbeit

Plagiatsjäger nehmen Wehrminister aufs Korn

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Deutschlands engagiertester Plagiatsjäger macht dem Verteidigungminister schwere Vorwürfe wegen seiner Doktorarbeit, eine Kollegin urteilt: "Es sieht sehr nach Copy und Paste aus". Verliert Guttenberg jetzt seinen akademischen Grad?

Deutschlands bekannteste Plagiatsjäger sind sich einig: Es sieht alles danach aus, dass Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) in seiner Dissertation ganze Textpassagen einfach abgeschrieben hat, ohne sie ausreichend zu kennzeichnen. Auch wenn Guttenberg die Vorwürfe abstrus nennt.

Volker Rieble, Jura-Professor an der LMU München und Autor der Skandalchronik "Das Wissenschaftsplagiat", sagte SPIEGEL ONLINE, er vermute, dass Guttenberg "wie viele andere arme Doktorandenwürstchen" seine Arbeit nach jahrelangem Vorsichherschieben einfach fertigbekommen wollte und deswegen einiges kopiert habe.

Als "sehr bedenklich" stuft auch Debora Weber-Wulff den Fall ein. Die Professorin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin sagte SPIEGEL ONLINE: "Es sieht sehr nach Copy und Paste aus".

Kaum jemand kennt sich mit Abschreib-Akademikern so gut aus wie die Professoren Rieble und Weber-Wulff. Die Informatikerin entlarvte vor fast zehn Jahren ein Drittel der bei ihr eingereichten Arbeiten als abgekupfert, zumindest in Teilen. Seitdem macht sie Jagd auf Mogler und Schummler im Wissenschaftsbetrieb, testet Anti-Plagiats-Software und trainiert Dozenten, damit sie Fälschungen aufdecken. Der Jurist Rieble wird von Kollegen scharf angegriffen, weil er Schummler beim Namen nennt, auch prominente. Derzeit streitet er sich mit einem Bundesverfassungsrichter darüber, ob er ihn als Plagiator bezeichnen darf.

Von der Schwierigkeit, den Doktorgrad zu verlieren

Weber-Wulff und Rieble fordern harte Strafen bei Verstößen gegen die wissenschaftlichen Sitten. Auch wenn Rieble sagt: "Mir tun solche Doktoranden auf gewisse Weise leid." Die würden zum Teil nicht überschauen, wie sehr sie der eigenen Reputation schaden. Weber-Wulff sagt, sie könne keine generellen Regeln aufstellen, ab wann etwas als Plagiat gilt; entscheidend sei immer der Gesamteindruck, den eine wissenschaftliche Arbeit macht.

Sich diesen Gesamteindruck zu verschaffen, das wird jetzt die Aufgabe von Diethelm Klippel sein, Jura-Professor an Guttenbergs alter Universität in Bayreuth. Als "Ombudsmann für Selbstkontrolle in der Wissenschaft" prüft er zunächst die Vorwürfe. Mit welchen Konsequenzen der Verteidigungsminister rechnen muss, ob er sogar den Dr. in seinem Namen streichen muss, hängt vom Ergebnis dieser Prüfung ab. Zu dem Fall äußern will sich Klippel, der auch in Guttenbergs Prüfungskommission saß, vorerst nicht. Der Dekan der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität, Markus Möstl, ließ lediglich mitteilen, das Dissertationsverfahren sei korrekt verlaufen. Eine Kommission werde sich an diesem Mittwoch mit den Vorwürfen beschäftigen.

Bleibt also alles innerhalb der Universität Bayreuth? In einem ähnlich gelagerten Fall in Österreich wurde als Prüfinstanz eine andere Hochschule eingeschaltet: 2007 wurden Vorwürfe gegen den damaligen Wissenschaftsminister Johannes Hahn laut, er habe in seiner Doktorarbeit von 1987 an vielen Stellen Zitate nicht als solche ausgewiesen. Hahn habe "seitenweise abgeschrieben", er habe "absolut schlampig gearbeitet". Promoviert hatte Hahn in Wien, doch überprüft wurde er von der Ombudsstelle der Universität Zürich. Letztlich durfte er seinen Titel behalten.

Ein Blick in die Wissenschaftslandschaft aber zeigt: Es ist zwar oft nicht leicht, einen Doktorgrad zu erreichen; es ist aber weitaus schwieriger, ihn wieder aberkennen zu lassen. Die Promotionsordnungen der Universitäten widersprechen sich zum Teil, mitunter sind die Gesetze und Vorschriften sehr weich formuliert - und lassen viel Spielraum, selbst überführte Plagiatoren davonkommen zu lassen.

Es zeigt sich auch: Je weiter man die akademische Leiter hinaufgeklettert ist, desto mehr Nachsicht erwartet einen. Wenn Studenten ihre Hausarbeit mit den Tastenkombinationen Strg+C und Strg+V zusammenbasteln, droht ihnen ein drakonischer Maßnahmenkatalog - von der Exmatrikulation bis hin zu hohen Geldbußen. Wenn allerdings Professoren des Abschreibens überführt werden, passiert häufig wenig bis nichts. Von einer "allgemeinen Zurückhaltung" bei der Strafverfolgung von Professoren spricht Volker Rieble.

SPIEGEL ONLINE zeigt, wie verbreitet Plagiate in der Wissenschaft sind, wie sie sich aufspüren lassen, wie vertrackt die rechtliche Lage ist und mit welchen Konsequenzen Schummler rechnen müssen - und was all das für den Verteidigungsminister bedeuten kann.

Jetzt wird zurückgegoogelt - Wie sich Plagiate aufspüren lassen

"Eine Unsitte" sei es, dass Doktortitel in Politik und Wirtschaft verwendet werden, sagt Plagiatsjägerin Weber-Wulff. "Der Titel hat keinerlei Bedeutung für den Job." Lediglich in der Wissenschaft habe eine Dissertation Aussagekraft - dort aber eine enorme.

Mit der Dissertation weist man nach, dass man das Zeug hat für eine wissenschaftliche Karriere. Zum einen soll der Doktorand eine eigene wissenschaftliche Leistung erbringen, also nicht nur zusammenschreiben, was schon bekannt ist. Zum anderen muss er nachweisen, dass er die wissenschaftliche Arbeitsweise beherrscht. Zu den absoluten Basiskompetenzen, die schon in jedem Erstsemester-Methodenseminar behandelt werden, gehört die korrekte Zitierweise.

Doch die Verlockung ist groß, sich aus bereits vorhandenen Arbeiten zu bedienen, vor allem seit sie nur noch eine Google-Suche weit entfernt sind. Auch kommt es immer wieder vor, dass Möchtegern-Doktoren sogenannte Promotionsberater engagieren: So haben etwa Jura-Doktoranden in Niedersachsen nachweislich viele tausend Euro bezahlt, damit die "Berater" einen Professor schmierten. Trotzdem durften die Doktoranden ihre Doktortitel behalten - sie hätten ja nichts wissen müssen von dem Betrug, urteilten Richter.

Es muss allerdings keine böse Absicht dabei sein. Die Promotion ist ein langwieriges und oft einsames Vorhaben. Der Doktorand ist am Schreibtisch umgeben von Bücherbergen, einem Wust von Zetteln und Notizen. Er muss viele hundert Zitate und Literaturhinweise im Überblick behalten und am Ende jede Aussage sauber belegen können. Dass man sich in diesem Gestrüpp verheddert, kommt vor. Ob es sich um Texträuberei oder einen verzeihlichen Fehler handelt, hängt auch vom Ausmaß der Fundstellen ab - und davon, ob die Originalquelle gar nicht oder wenigstens im Literaturverzeichnis auftaucht.

Kampf gegen Plagiate - Die Aufrüstung der Universitäten

Universitäten und Professoren haben deshalb in den vergangen Jahren aufgerüstet: Viele Dozenten lassen sich Haus- und Abschlussarbeiten nicht nur ausgedruckt geben, sondern auch als pdf- oder Word-Datei, die sie dann mit Suchmaschinen oder speziellen Programmen überprüfen können.

Allerdings arbeitet die Spezial-Software nur bedingt zuverlässig. Informatikerin Weber-Wulff testete 26 Programme - nur fünf erhielten das Label "teilweise nützlich". Neun Programme wertete sie als für eine Nutzung an einer Hochschule "kaum brauchbar", die restlichen als "nutzlos".

Viele Programme finden nur exakt kopierte Stellen - ein Fehler, von dem man denkt: Nicht mal Grundschüler begehen ihn bei zusammengeräuberten Referaten. Er kommt aber häufig vor, wie der Fall Guttenberg zeigt. Studenten kopieren mitunter sogar Werbebanner von Internetseiten mit in ihre Arbeiten, andere passen Schriftart und Größe nicht an. "Die haben gar nicht verstanden, worum es beim wissenschaftlichen Arbeiten geht", sagt Weber-Wulff.

Wenn aber geschickter geschummelt wird, wenn etwa die Struktur oder Argumentation einer Arbeit kopiert wird, sind die Programme machtlos.

Hochschulen sei deshalb die Testautomatik nicht zu empfehlen. Stattdessen: Bei Verdacht fünf längere Wörter aus einem verdächtigen Absatz in eine Suchmaschine eingeben - schon könne man Online-Textpiraten auch selbst enttarnen. Besser noch als überführen und strafen sei aber Aufklärung in Sachen Wissenschaftsethik, sagt Weber-Wulff.

Ungleiche Strafe - Was Plagiatoren droht und womit Guttenberg rechnen muss

In der Wissenschaft gilt das Prinzip: Je weiter man vorangekommen ist, desto weniger Konsequenzen muss man fürchten. Studenten können an vielen Hochschulen exmatrikuliert werden, wenn sie bei allzu auffälliger Nutzung der Tasten Strg+C und Strg+V erwischt werden. Manchmal droht gar eine Geldstrafe.

Doch nicht nur Studenten kopieren sich ihre Arbeiten zusammen, auch Professoren plagiieren fleißig - nur dass sie seltener bestraft werden. "Es handelt sich nicht um unglückliche Ausrutscher in Einzelfällen, sondern um gewohnheitsmäßigen Zugriff auf fremde Lorbeeren", sagt Plagiatsjäger Rieble aus München, "bemerkenswert ist, dass das ausgerechnet in der Rechtswissenschaft häufig passiert".

Unter Jura-Professoren gilt, wie Rieble es nennt, das Krähensyndrom: Man hackt sich gegenseitig kein Auge aus. Wenn er Plagiatoren beim Namen nennt, wird er manchmal selbst von den betreuenden Doktorvätern angeschrieben, die ihm dann vorwerfen, er - und nicht der Plagiator - schade der Wissenschaft. Auch wälzen abschreibende Professoren die Verantwortung gern ab: "Wer einfach abkupfert, bezichtigt gern seine Mitarbeiter, seine Schreibknechte", sagt Rieble.

Auf Doktoranden-Ebene ist es so: Wer erst einmal seine Prüfung bestanden hat, behält seinen Titel meist. Das liegt auch an der teilweise unübersichtlichen Rechtslage. Da sehen "Verwaltungsverfahrensgesetze" komplizierte Regelungen vor, da sind Promotions- und Prüfungsordnungen kryptisch formuliert, manchmal kann der Titel nur innerhalb eines bestimmten Zeitraumes nach der Prüfung wieder aberkannt werden. Plagiatsjägerin Weber-Wulff sagt, beim Verfassen der Prüfungsordnungen mache man sich oft zu wenig Gedanken, was daraus im konkreten Fall folgt.

Was heißt das für Guttenberg?

In der Promotionsordnung der Universität Bayreuth, die für Guttenbergs Fall wichtig ist, heißt es: "Waren die Voraussetzungen für die Zulassung zur Promotion nicht erfüllt, ohne dass der Kandidat hierüber täuschen wollte, und wird diese Tatsache erst nach Aushändigung der Urkunde bekannt, so wird dieser Mangel durch das Bestehen der Doktorprüfung geheilt." Das heißt in etwa: Sollte Guttenberg nicht nachgewiesen werden, dass er wissentlich geschummelt habe, war alles in Ordnung.

Das entsprechende Gesetz in Bayern, erlassen im Jahr 1939, sieht noch die Möglichkeit des Titelentzugs vor, wenn jemand "unwürdig zur Führung eines Doktorgrades ist". Allerdings hat das Würde-Kriterium eine dunkle Vergangenheit: In der Nazizeit verloren so Juden und andere Verfolgte ihre akademischen Titel. Das Bundesverfassungsgericht hat dazu klargestellt, dass "Würde" im Sinne des Grundgesetzes zu verstehen ist. Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof präzisierte, nur wer der Wissenschaft direkt schadet, darf sich nicht mehr mit dem Titel schmücken.

Jura-Professor Rieble hält aber den Fall Guttenberg für ziemlich eindeutig. Auch wenn die Doktorarbeit des Verteidigungsministers sehr umfangreich war und es sich nur um ein paar plagiierte Seiten handeln sollte, stünden die Chancen normalerweise nicht schlecht, dass er den Titel verlieren würde. Ob das allerdings auch für einen beliebten CSU-Politiker an einer bayerischen Universität zutreffe, das könne er nicht sagen.

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