Umstrittene Doktorarbeit Plagiatsjäger nehmen Wehrminister aufs Korn

Deutschlands engagiertester Plagiatsjäger macht dem Verteidigungminister schwere Vorwürfe wegen seiner Doktorarbeit, eine Kollegin urteilt: "Es sieht sehr nach Copy und Paste aus". Verliert Guttenberg jetzt seinen akademischen Grad?

Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg: Bald zwei Buchstaben weniger im Namen?
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Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg: Bald zwei Buchstaben weniger im Namen?

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Deutschlands bekannteste Plagiatsjäger sind sich einig: Es sieht alles danach aus, dass Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) in seiner Dissertation ganze Textpassagen einfach abgeschrieben hat, ohne sie ausreichend zu kennzeichnen. Auch wenn Guttenberg die Vorwürfe abstrus nennt.

Volker Rieble, Jura-Professor an der LMU München und Autor der Skandalchronik "Das Wissenschaftsplagiat", sagte SPIEGEL ONLINE, er vermute, dass Guttenberg "wie viele andere arme Doktorandenwürstchen" seine Arbeit nach jahrelangem Vorsichherschieben einfach fertigbekommen wollte und deswegen einiges kopiert habe.

Als "sehr bedenklich" stuft auch Debora Weber-Wulff den Fall ein. Die Professorin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin sagte SPIEGEL ONLINE: "Es sieht sehr nach Copy und Paste aus".

Kaum jemand kennt sich mit Abschreib-Akademikern so gut aus wie die Professoren Rieble und Weber-Wulff. Die Informatikerin entlarvte vor fast zehn Jahren ein Drittel der bei ihr eingereichten Arbeiten als abgekupfert, zumindest in Teilen. Seitdem macht sie Jagd auf Mogler und Schummler im Wissenschaftsbetrieb, testet Anti-Plagiats-Software und trainiert Dozenten, damit sie Fälschungen aufdecken. Der Jurist Rieble wird von Kollegen scharf angegriffen, weil er Schummler beim Namen nennt, auch prominente. Derzeit streitet er sich mit einem Bundesverfassungsrichter darüber, ob er ihn als Plagiator bezeichnen darf.

Von der Schwierigkeit, den Doktorgrad zu verlieren

Weber-Wulff und Rieble fordern harte Strafen bei Verstößen gegen die wissenschaftlichen Sitten. Auch wenn Rieble sagt: "Mir tun solche Doktoranden auf gewisse Weise leid." Die würden zum Teil nicht überschauen, wie sehr sie der eigenen Reputation schaden. Weber-Wulff sagt, sie könne keine generellen Regeln aufstellen, ab wann etwas als Plagiat gilt; entscheidend sei immer der Gesamteindruck, den eine wissenschaftliche Arbeit macht.

Sich diesen Gesamteindruck zu verschaffen, das wird jetzt die Aufgabe von Diethelm Klippel sein, Jura-Professor an Guttenbergs alter Universität in Bayreuth. Als "Ombudsmann für Selbstkontrolle in der Wissenschaft" prüft er zunächst die Vorwürfe. Mit welchen Konsequenzen der Verteidigungsminister rechnen muss, ob er sogar den Dr. in seinem Namen streichen muss, hängt vom Ergebnis dieser Prüfung ab. Zu dem Fall äußern will sich Klippel, der auch in Guttenbergs Prüfungskommission saß, vorerst nicht. Der Dekan der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität, Markus Möstl, ließ lediglich mitteilen, das Dissertationsverfahren sei korrekt verlaufen. Eine Kommission werde sich an diesem Mittwoch mit den Vorwürfen beschäftigen.

Bleibt also alles innerhalb der Universität Bayreuth? In einem ähnlich gelagerten Fall in Österreich wurde als Prüfinstanz eine andere Hochschule eingeschaltet: 2007 wurden Vorwürfe gegen den damaligen Wissenschaftsminister Johannes Hahn laut, er habe in seiner Doktorarbeit von 1987 an vielen Stellen Zitate nicht als solche ausgewiesen. Hahn habe "seitenweise abgeschrieben", er habe "absolut schlampig gearbeitet". Promoviert hatte Hahn in Wien, doch überprüft wurde er von der Ombudsstelle der Universität Zürich. Letztlich durfte er seinen Titel behalten.

Ein Blick in die Wissenschaftslandschaft aber zeigt: Es ist zwar oft nicht leicht, einen Doktorgrad zu erreichen; es ist aber weitaus schwieriger, ihn wieder aberkennen zu lassen. Die Promotionsordnungen der Universitäten widersprechen sich zum Teil, mitunter sind die Gesetze und Vorschriften sehr weich formuliert - und lassen viel Spielraum, selbst überführte Plagiatoren davonkommen zu lassen.

Es zeigt sich auch: Je weiter man die akademische Leiter hinaufgeklettert ist, desto mehr Nachsicht erwartet einen. Wenn Studenten ihre Hausarbeit mit den Tastenkombinationen Strg+C und Strg+V zusammenbasteln, droht ihnen ein drakonischer Maßnahmenkatalog - von der Exmatrikulation bis hin zu hohen Geldbußen. Wenn allerdings Professoren des Abschreibens überführt werden, passiert häufig wenig bis nichts. Von einer "allgemeinen Zurückhaltung" bei der Strafverfolgung von Professoren spricht Volker Rieble.

SPIEGEL ONLINE zeigt, wie verbreitet Plagiate in der Wissenschaft sind, wie sie sich aufspüren lassen, wie vertrackt die rechtliche Lage ist und mit welchen Konsequenzen Schummler rechnen müssen - und was all das für den Verteidigungsminister bedeuten kann.

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Gebetsmühle 16.02.2011
1. das mass der dinge
Zitat von sysopEin "armes Doktorandenwürstchen" - so nennt Deutschlands engagiertester Plagiatsjäger den Verteidigungminister. "Es sieht sehr nach Copy und Paste aus",*urteilt eine Kollegin über dessen Doktorarbeit. Verliert Guttenberg jetzt seinen akademischen Grad? http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,745872,00.html
darüber kann es angesichts der vernichtenden beweislage doch keinen zweifel geben. ich war zwar nur in der volksschule aber da wurde man für abschreiben auch schon rausgeschmissen.
Realo, 16.02.2011
2. Problem....
...es ist in der Juristerei schon so vieles zu Papier gebracht worden, da ist es häufig schwer etwas wirklich neues für eine Doktorarbeit zu finden. Wenn man sonst nichts findet, es macht doch immer wieder Spass einen Menschen/Minister/in zu vernichten, gelle. Ich erinnere an die Lacher als die Doktorarbeit von Ex-Bundeskanzler Dr. Kohl "auftauchte"..... So, und jetzt wird noch ernsthaft gefragt, warum manche hohe Beamte und Politiker die Brocken hinschmeissen und keinen Bock mehr auf ihren Job haben ?! Weber, Köhler, von Beust, Lafontaine, Koch usw. Was hat dieser "Prof. Plagiatsjäger" denn bis jetzt auf die Reihe bekommen ? Ich kannte nichtmal den Namen des Mannes.
emden09 16.02.2011
3. Wat ein Fatzke
Zitat von sysopEin "armes Doktorandenwürstchen" - so nennt Deutschlands engagiertester Plagiatsjäger den Verteidigungminister. "Es sieht sehr nach Copy und Paste aus",*urteilt eine Kollegin über dessen Doktorarbeit. Verliert Guttenberg jetzt seinen akademischen Grad? http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,745872,00.html
Copy&Paste wäre ja noch zu ertragen aber dass der Herr Minister die abgeschriebenen Zitate (freilich ohne sie als solchen zu kennzeichnen) zum Teil sinnentstellend verfremdet - kaum zufällig im Sinne seiner eigenen politischen Couleur, macht die Sache m.E. so peinlich, dass ich an Stelle des Freiherrn von und zu schnellstmöglich zurücktreten und öffentliche Auftritte für die nächsten 10-20 Jahre vermeiden würde. Vielleicht ist bis dahin Gras über die Sache gewachsen. Wer es vorher nicht über ihn dachte muss es m.E. heute denken: "Was ist dieser Minister bloß für ein aufgeblasener Wichtigtuer".
Bayerr, 16.02.2011
4. Nicht ungewöhnlich
Zitat von Realo...es ist in der Juristerei schon so vieles zu Papier gebracht worden, da ist es häufig schwer etwas wirklich neues für eine Doktorarbeit zu finden. Wenn man sonst nichts findet, es macht doch immer wieder Spass einen Menschen/Minister/in zu vernichten, gelle. Ich erinnere an die Lacher als die Doktorarbeit von Ex-Bundeskanzler Dr. Kohl "auftauchte"..... So, und jetzt wird noch ernsthaft gefragt, warum manche hohe Beamte und Politiker die Brocken hinschmeissen und keinen Bock mehr auf ihren Job haben ?! Weber, Köhler, von Beust, Lafontaine, Koch usw. Was hat dieser "Prof. Plagiatsjäger" denn bis jetzt auf die Reihe bekommen ? Ich kannte nichtmal den Namen des Mannes.
Ich schätze mal, Sie kennen die Namen von 99,99% der deutschen Professoren nicht. Und nebenbei: intellektuell ist es auch nicht sehr hochwertig, wenn man ein Delikt vergessen machen will indem man den Entdecker herabwürdigt.
ecce homo 16.02.2011
5. Fakten und Namen
Zitat von Realo...es ist in der Juristerei schon so vieles zu Papier gebracht worden, da ist es häufig schwer etwas wirklich neues für eine Doktorarbeit zu finden. Wenn man sonst nichts findet, es macht doch immer wieder Spass einen Menschen/Minister/in zu vernichten, gelle. Ich erinnere an die Lacher als die Doktorarbeit von Ex-Bundeskanzler Dr. Kohl "auftauchte"..... So, und jetzt wird noch ernsthaft gefragt, warum manche hohe Beamte und Politiker die Brocken hinschmeissen und keinen Bock mehr auf ihren Job haben ?! Weber, Köhler, von Beust, Lafontaine, Koch usw. Was hat dieser "Prof. Plagiatsjäger" denn bis jetzt auf die Reihe bekommen ? Ich kannte nichtmal den Namen des Mannes.
Spielt das denn eine Rolle? Die Fakten sprechen doch für sich. Außerdem: Was hat denn Guttenberg bis jetzt auf die Reihe bekommen? Ich kenne bisher nur den Namen dieses Mannes.
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