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Umstrittenes Mauerschützen-Spiel Mit dem Ego-Shooter im Todesstreifen

Grenzsoldaten schießen an der Mauer auf Republikflüchtlinge - das ist die düstere Szenerie des Computerspiels, das ein Karlsruher Student entwickelte. Er hatte nur die besten Absichten, doch Kritiker schimpfen über ein "makabres Killerspiel". Freitagabend ist die Premiere an der Hochschule.
Von Kathrin Breer

Das umstrittene Computerspiel eines Karlsruher Studenten wird nun doch veröffentlicht. "1378 (km)" heißt es, die Premiere war verschoben worden - am Freitagabend holt die staatliche Hochschule für Gestaltung (HfG) Karlsruhe sie nach. Anschließend soll das Spiel, in dem Teilnehmer die Rollen von DDR-Grenzsoldaten oder Republikflüchtlingen übernehmen, auf der Website des Studenten  zum Herunterladen bereitstehen.

"1378 (km) wird kommen!", schrieb Entwickler Jens Stober, 24, Anfang Dezember auf seiner Internetseite. Ursprünglich sollte das PC-Spiel des Medienkunst-Studenten schon im Oktober veröffentlicht werden, am 20. Jahrestag der Wiedervereinigung. Das hatten Opferverbände und Historiker stark kritisiert. Die Hochschule verschob den Termin , wegen "der emotional aufgeladenen Berichterstattung in einem Teil der Printmedien".

Die Handlung des Spiels, das eine Empörungswelle auslöste, ist im Jahr 1976 angesiedelt. Bis zu 16 Spieler treten online gegeneinander ab. Sie haben die Wahl, ob sie Grenzsoldaten oder Republikflüchtlinge sind. An der 1378 Kilometer langen Grenze zwischen DDR und Bundesrepublik werden sie mit Schießbefehl, Todesstreifen und Selbstschussanlagen konfrontiert. Die Grenzsoldaten können die Flüchtlinge laufen lassen oder stoppen, mit oder ohne Waffengewalt - wie bei Ego-Shootern, den Schießspielen aus der Ich-Perspektive. Die Tötung eines Flüchtlings ist stets nur einen Mausklick entfernt.

Zynisches Geballer oder raffinierte Form der Aufklärung?

Auf den ersten Blick wirkt das zynisch und nur wie ein weiteres Ballerspiel, wie ein besonders fieses. Das Spiel ist aber durchaus hintersinnig und hat mehrere Ebenen: Die Software verleitet die Spieler keineswegs, auf möglichst viele Flüchtlinge zu schießen. Im Gegenteil. Zwar werden sie zunächst mit einem Orden des DDR-Regimes belohnt. Spätestens nach dem dritten Schuss aber wird der Soldat aus dem Spiel genommen und findet sich plötzlich, per Zeitmaschine ins Jahr 2000 katapultiert, auf der Anklagebank eines Mauerschützenprozesses wieder. Gewinnen, so Jens Stober, könne am Ende nur, wer nicht schieße. Und der Grenzsoldat hat viele Optionen: Er kann zum Beispiel auch Kontakt aufnehmen zum Flüchtling, die Seiten wechseln, selbst zum Flüchtling werden.

Geht es ums wahllose Drauflosballern? Oder ist es eine besonders raffinierte Form der Aufklärung mit moralischer Dimension, wie der Karlsruher Professor Michael Bielicky meint, der den Studenten betreut? Die Hochschule beschreibt das Spiel als "interaktive Zeitreise" mit vielen informativen Elementen, verschiedenartigen Szenarien, kleinen Infotexten. Bewusst habe er eine "Killgrenze eingebaut", erklärte Stober in einem Interview auf YouTube . Sein Ziel sei es, durch das Computerspiel als Jugendmedium jungen Leuten die Thematik der deutsch-deutschen Grenze ins Bewusstsein zu rufen.

Die "Bild"-Zeitung fällte dennoch ein schnelles Urteil und titelte vor drei Monaten: "Widerwärtiges DDR-Ballerspiel". Dabei hatte nach Angaben der Hochschule kein Vertreter des Boulevardblatts an der Pressekonferenz im Spätsommer teilgenommen, bei der das Spiel Journalisten vorgestellt wurde. "Ohne das Spiel zu kennen, hat die 'Bild'-Zeitung mit ihrer Schlagzeile eine Protestwelle ausgelöst und die Opferverbände dabei mit eingespannt", sagt Klaus Heid, Sprecher der Karlsruher Hochschule.

"Makaber, skandalös, dumm"

Der Student fühlt sich missverstanden. "Das war ein Schockmoment, weil der Text völlig an den Tatsachen vorbeiging", sagte Jens Stober im Interview mit den "Badischen Neuesten Nachrichten". Er sei beleidigt und bedroht worden. Opferverbände und Historiker kritisierten, dass Opfer der Todesgrenze und deren Angehörige sich durch das Spiel verletzt fühlen könnten. Der SPD-Politiker Markus Meckel nannte das Spiel "makaber und skandalös", die Linken-Politikerin Gesine Lötzsch "geschmacklos und dumm"; der CSU-Abgeordnete Norbert Geis sprach von einem "Killerspiel".

Zu dem Zeitpunkt kannte keiner der Kritiker vom noch unveröffentlichten Spiel mehr als einen knapp zweiminütigen Videoausschnitt. "Was ich im Trailer für das Spiel gesehen habe, genügt", sagte am Donnerstag Rainer Wagner, Bundesvorsitzender der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft. "Ich brauche ein Computerspiel, dessen Spielspaß darin besteht, unbewaffnete Zivilisten abzuknallen, nicht unbedingt zu spielen, um es zu kritisieren."

Auch Stasi-Experte Hubertus Knabe erneuerte seine Kritik am umstrittenen Spiel und forderte, es "aus Respekt vor den Opfern" des Schießbefehls nicht ins Netz zu stellen. Aus der Debatte im Herbst habe die Hochschule offenbar nichts gelernt, sagte der Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Knabe kritisierte auch, dass zur Podiumsdiskussion am Freitagabend weder Angehörige der Opfer noch Kritiker eingeladen seien.

Gute Noten für den Mauer-Shooter

Die Podiumsdiskussion soll die öffentliche Präsentation des Spiels begleiten. Hochschulsprecher Klaus Heid weist die Forderungen zurück. "Einen Dialog können wir erst führen, wenn aus Vorurteilen Urteile geworden sind", sagt Heid. Mitglieder der Opferverbände könnten die Präsentation im Publikum besuchen. Sollte es danach noch Diskussionsbedarf geben, sei die Hochschule dafür offen - allerdings nicht mehr vor Weihnachten. Er gehe davon aus, so Heid, dass alle offenen Fragen am Freitagabend geklärt werden.

Auf dem Podium werden außer Spielentwickler Stober nur drei Mitarbeiter der Hochschule sitzen, die für die Veröffentlichung verantwortlich sind. Neben dem Prorektor sollen zwei Professoren an der Diskussion teilnehmen, die den Studenten während seiner Vordiplomsarbeit betreut haben. "1378 (km)" wurde mit 1,0 benotet.

Für Stober resultieren der Furor aus einem Generationenkonflikt. Einerseits fehle seiner Generation der direkte Zugang zur DDR-Thematik, andererseits könnten ältere Menschen mit Computerspielen oft nichts anfangen. "Viele wollen sich auch gar nicht mehr genauer damit beschäftigen, wenn sie sehen, dass es grafisch einem Ballerspiel ähnelt", so der Entwickler im Gespräch mit den "Badischen Neuesten Nachrichten".

"1378 (km)" soll ab 18 Jahren freigegeben werden. Die Staatsanwaltschaft Karlsruhe prüft, ob das Spiel Gewalt verherrlicht oder verharmlost. Wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft mitteilte, sei "ein strafbares Verhalten nicht gänzlich auszuschließen", ein Anfangsverdacht bestehe. Bei Verstößen gegen den Paragrafen 131 des Strafgesetzbuches ("Gewaltverherrlichung") kann es Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe geben.

Kathrin Breer, mit Material von dpa
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