Ungeliebte Hochschulreform Chaos made in Germany

Deutschland ist in Europa unter den Klassenletzten bei der Bolognareform. Skandinavien setzt die großen Umwälzungen an den Hochschulen wesentlich erfolgreicher um. Der Sozialwissenschaftler Wolf Wagner erklärt, woran es hierzulande hapert und was die anderen Länder besser machen.

Im Norden der Zeit voraus: Bologna war unter anderem in Dänemark kein großes Problem
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Im Norden der Zeit voraus: Bologna war unter anderem in Dänemark kein großes Problem


Den Stand des Bologna-Prozesses kann man seit 2005 am besten am Bologna Stocktaking Report ablesen. Er wird auf der Grundlage der Länderberichte jährlich zusammengestellt und nach dem Ausmaß der Zielerreichung gewichtet. Daraus lässt sich eine Rankingliste der beteiligten Länder bilden. Sie liefert ein aufschlussreiches Ergebnis: Skandinavien ist die erfolgreichste Region, Deutschland liegt am Schluss. Die fünf skandinavischen Länder waren alle in der Gruppe der elf besten Länder.

Dänemark Platz 2 (nach Schottland), Schweden Platz 4 (nach Irland), Norwegen Platz 6 (nach den Niederlanden), Finnland Platz 8 (nach Belgien) und Island Platz 11 (hinter Portugal und Österreich). Deutschland lag auf Platz 30. Und selbst dieser schlechte Rang war geschmeichelt. Denn Deutschland hatte bei der Frage nach den Übergangsmöglichkeiten aus dem Bachelor in den Master 100 Prozent angegeben, obwohl es in Deutschland bei den Entscheidungsträgern einen breiten Konsens gibt, nur die besten Bachelor in den Master zuzulassen. Hätte man ehrlich berichtet, wäre Deutschland auf Platz 39 in die Schlussgruppe gefallen.

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Solche Ranking-Positionen beeindrucken in der deutschen Diskussion aber niemanden, wenn man nicht nachweisen kann, dass sie auch Ausdruck wissenschaftlicher Exzellenz sind. Denn eines der Hauptargumente gegen die Bologna-Reform ist, sie untergrabe die wissenschaftliche Qualität. Wie stehen also die skandinavischen Länder mit ihrer wissenschaftlichen Qualität im internationalen Vergleich dar?

Die Qualität leidet mit Bologna nicht

Setzt man die Zitationshäufigkeit eines Landes in Relation zum Bruttoinlandsprodukt, steht die Schweiz an der Spitze, gefolgt von Schweden, Israel, Finnland und Dänemark. Berechnet man die Anzahl der Patente pro tausend Einwohner, stehen bei den Flächenstaaten die Schweiz, Schweden und Finnland an der Spitze. Damit dürfte belegt sein, dass die hohe Ranking-Position Skandinaviens in der Umsetzung des Bologna-Prozesses durchaus einhergeht mit hoher akademischer Qualität.

Das unterschiedliche Ranking Deutschlands und der skandinavischen Länder macht vielmehr deutlich, dass die Schwierigkeiten, die Deutschland mit dem Bologna-Prozess hat, möglicherweise gar nicht an den Anforderungen der Bologna-Reform selbst liegen, sondern daran, wie Deutschland sie umsetzt. Die Frage ist dann: Was machen die skandinavischen Länder anders? Diese Frage soll am Beispiel Dänemarks und Schwedens, den beiden skandinavischen Ländern an der Spitze des Rankings, beantwortet werden.

An den Universitäten Dänemarks macht problembasiertes Lernen in Projekten in allen Fächern mindestens ein Viertel des Studiums aus. Schon in den siebziger Jahren wurden in Dänemark in Roskilde und Ålborg zwei Reformuniversitäten gegründet, die - inspiriert von Alexander Kluge und Oskar Negt - das problembasierte Lernen in Projekten auf 50 Prozent des Studiums ausdehnten. Die Studierenden sollten so zu "Subjekten ihres Lernprozesses" werden. Sie erwerben dabei alle Kompetenzen, die sie später, sowohl in der Wissenschaft als auch in der Berufswelt, brauchen, nämlich im Team mit Menschen, die man nicht ausstehen kann, dennoch erfolgreich selbst organisiert und rational an der Lösung komplexer Probleme selbstständig zu arbeiten.



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Kalaharry 04.07.2011
1. Sonst nicht
Zitat von sysopDeutschland ist in Europa unter den Klassenletzten bei der Bolognareform. Skandinavien setzt die großen Umwälzungen an den Hochschulen wesentlich erfolgreicher um.*Der Sozialwissenschaftler Wolf Wagner erklärt, woran es hierzulande hapert und was die anderen Länder besser machen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,771565,00.html
Das Grundproblem liegt bereits in den Schulen, denn dort lernt der Schüler und spätere Student das Lernen, oder er lernt es nicht. Projektunterricht findet bei uns so gut wie nicht statt. In andere Ländern dagegen ist Projektunterricht in allen Fächern dagegen längst Standard. Aber dazu müßte man ganz unten anfangen, nämlich bei der Lehrerausbildung und bei der Entwicklung schlüssiger und guter Curricula. Und dafür wäre wieder nötig, den deutschen Kultuswahn mit 16 unnützen Apparaten endlich auf den Müllhaufen des Bildungssystems zu werfen und einheitliche Bildungsstandards einzuführen. Solange man das nicht umsetzt, hat Deutschland seine Hausaufgaben nicht gemacht und wird in Sachen Bildung von anderen Ländern weiterhin abgehängt werden. Wo wir gut sind, dort resultiert das inzwischen nicht mehr aus dem Bildungssystem, sondern aus der schieren Masse. Selbst der schlechteste Bildungsminister im deppertsten Bildungssystem wird nämlich nicht verhindern können, dass unter sehr vielen Schwachen auch ein paar ganz Gute dabei sind. In Ländern wie Schweden dagegen ist die (kleinere) Masse gut und es gibt nur relativ wenige schwache. Würden wir es ähnlich machen, wir wären absolute Spitzenklasse. Aber das will man ja nicht, weil es erstens kostet - nämlich vor allem die Überwindung, alten ideologischen Kram über Bord zu werfen - und zweitens die eigene Wiederwahl gefährdet, denn gute Leute mit Bildungshintergrund gefährden immer noch die Wiederwahl der Dummen. Dumme lassen sich dagegen leichter regieren, wie man allerorten sehen kann. Man gehe auf einen beliebigen Parteitag einer beliebigen Partei und schaue sich das dort an, was ich meine. Da gehen einem dann schon die Augen auf - aber nur, wenn man den dafür nötigen Verstand und den Bildungshintergrund besitzt.
makutsov 04.07.2011
2. Der Grund
Der Grund warum Deutschland bei allen Uni-relevanten Themen Bummelletzter ist, ist, dass die deutschen Unis heillos am Hintern sind. Es gibt zu wenig Geld, eine aufgeblähte, leistungsunwillige Belegschaft der Verwaltung (na, ertappt?), mafiöse und korrupte Strukturen auf Professorenebene so wie einen Mittelbau der von guter Lehre nicht leben kann und keine Perspektive hat. Egal welche Reform man dem System verordnet- sie muss scheitern.
Joe67, 04.07.2011
3. Strukturelle Probleme
Die Qualität der Lehre an den deutschen Unis war auch vor Bologna unterdurchschnittlich. Im Unterschied zu damals, hatten die Studierenden jedoch die Freiheit sich die guten Profs auszuwählen. Eine schlechte Vorlesung war nach wenigen Wochen praktisch leer - schliesslich war es immer noch besser den Stoff eigenständig aus Büchern oder ein Semester später in einer anderen Vorlesung zu lernen, als seine Zeit in einer schlechten Vorlesung zu verschwenden. Die schlechte Qualität vieler Vorlesungen wurde also durch die Freiheit des Studiums ausgeglichen. Mit Bologna wurde die Freiheit des Studiums abgeschafft aber die Qualität der Vorlesungen blieb unterdurchschnittlich. In gewisser Weise ist also Bologna durchaus Schuld daran, die effektive Qualität des deutschen Studiums verschlechtert zu haben. Dass andere Länder, mit weniger schlechten Vorlesungen und ein von vornherein stärker verschultem System da weniger Probleme hatten, ist auch klar. Das Problem ist also nur zum Teil, dass mit Bologna spezifische Vorteile des deutschen Systems abgeschafft wurden, sondern die strukturellen Probleme schlechter Vorlesungen in Deutschland nicht behoben werden. Dass dies nicht in wenigen Jahren mit dem identischen Lehrpersonal möglich ist, scheint nachvollziehbar. Insbesondere wo jeder Schritt in Richtung Evaluierung und Qualitätsstandards bei Vorlesungen die Personalräte und die Verteidiger der Freiheit der Lehre auf den Plan rufen. Wenn Feedback-Resultate der Studierenden einer Vorlesung als vertrauliche persönliche Daten des Profs gelten und weder der Univerwaltung noch den Studierenden zur Verfügung stehen, scheint eine Besserung noch in weiter Ferne zu sein.
Lecturer 04.07.2011
4. das deutsche Systyem hat strukturelle Nachteile
Zitat von makutsovDer Grund warum Deutschland bei allen Uni-relevanten Themen Bummelletzter ist, ist, dass die deutschen Unis heillos am Hintern sind. Es gibt zu wenig Geld, eine aufgeblähte, leistungsunwillige Belegschaft der Verwaltung (na, ertappt?), mafiöse und korrupte Strukturen auf Professorenebene so wie einen Mittelbau der von guter Lehre nicht leben kann und keine Perspektive hat. Egal welche Reform man dem System verordnet- sie muss scheitern.
Ich glaube dass in der Tat die deutschen Strukturen mit dem Proferssoralsystem, das jungen Leuten keinerlei Eigenverantwortlichkeit in Lehre und Forschung gibt (im Gegensatz zu Skandinavien!), ein Hauptgrund dieses Zustandes ist. Nicht zuletzt ist es ja so dass in Deutschland der andere Hauptpfeiler des angelsaechsischen Systems, naemlich die eigenverantwortlich taetigen Associate Professors (in England lecturer) die das Promotionsrecht und das Recht auf eigene Lehre haben eben NICHT uebernommen wurde. Solange dises System bestehen bleibt, wird sich sowohl an der Lehre als auch an dem mittelmaessigen Erfolg der deutschen Unis z.B bei EU-Forschungsmitteln nichts aendern. Zum zweiten: wenn man das skandinavische System schon so hoch lobt, dann sollte man auch mal das Verhaeltnis Professoren zu Studizahl erwaehnen und mit dem deutschen vergleichen, bzw die Ausgaben fuer die Universitaeten vergleichen - das waere auch sehr erleuchtend. Im Moment erweckt der Artikel den Eindruck dass beide Systeme unter gleichen Vorraussetzungenarbeiten. Und, man muss auch tiefer schauen. In England ist der Durchschnitt von Studi pro akademischem Lehrer etwa 18:1; Oxford und Cambridge - die Eliteunis - haben wegen der besseren staatlichen Zuschuesse ein Verhaeltnis von 6:1. Vorzeigeunis (Lund?) haben als moeglicherweise Umstaende die man sich im Deutschland der Gleichheit garnicht denkt!
TS_Alien 04.07.2011
5. Einfache Rezepte wirken selten.
Allein der Einstieg des Artikels über solch künstliche Statistiken ist bezeichnend. Es werden - wie so oft - Lösungen aus anderen Ländern präsentiert, die so nicht auf Deutschland übertragbar sind. Projektarbeit ist sicherlich nicht der Schlüssel zum Erfolg. Genauso wie jede andere Methode. Die Mischung macht es. Und zu einem erfolgreichen Studium gehört insbesondere die stille Arbeit im Kämmerlein, autodidaktisch lernt man sehr viel. In einigen Fächern ist das deutsche Diplom absolute Weltspitze. Da hat die Ausbildung also nicht versagt. In anderen Fächern mag schon die Zusammensetzung der üblichen Studentenschaft dieser Fächer das Diplom etwas entwerten. Bildungsstandards in der Schule sind wichtig. Darauf hat man sich bundesweit bereits geeinigt. Bundesweit einheitliche Lehrpläne lehne ich jedoch ab, jedenfalls in manchen Fächern. In Informatik wäre man da viel zu eingeschränkt, man würde vermutlich der aktuellen Entwicklung in diesem Fach mehr als 10 Jahre hinterherhinken. Landesweit kann man da viel flexibler reagieren. Aus dem gleichen Grund lehne ich ein Zentralabitur ab, zumindest in manchen Fächern. Zentralistische Ansätze bis hin zur Gleichschaltung haben noch nie funktioniert. Egal in welchem Bereich. Wieso das dann ausgerechnet in der Bildung das Allheilmittel sein soll, erschliesst sich mir nicht. Es gibt viele offene Baustellen in der Bildungslandschaft in Deutschland - hauptsächlich an den Schulen. Z.B. zu grosse Klassen / Kurse, keine Lehrerarbeitsplätze an den Schulen, viel zu wenige Aufenthaltsmöglichkeiten für Schüler, selten eine Cafeteria (mit gutem Essensangebot). Wer eine Ganztagsschule fordert, muss auch die räumlichen Gegebenheiten dafür schaffen, z.B. Büros für Lehrer und Aufenthaltsräume für Schüler (damit meine ich gerade keine Klassenräume!). Bevor man diese Baustellen nicht abschliesst, sind anderweitige Bemühungen nicht zielführend. Das Geld, das in den Reformprozess an den Unis und in die unnötige Elite-Uni-Förderung geflossen sind, wäre an den Schulen weitaus besser eingesetzt gewesen.
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