Uni arrabiati Studenten besetzen schiefen Turm von Pisa

Nicht nur englische, auch italienische Studenten steigen auf die Barrikaden. Gegen Sparpläne der Regierung Berlusconi protestieren sie zusehends rabiater. Am Donnerstag besetzten Demonstranten den berühmten schiefen Turm von Pisa und das römische Kolosseum - zur Verblüffung von Touristen.

AFP

Während sich in Großbritannien Studenten gegen höhere Studiengebühren wehren, protestieren auch in ganz Italien Studenten - gegen Kürzungen an den Hochschulen. Dabei hat eine Gruppe von Demonstranten am Donnerstag auch den schiefen Turm von Pisa besetzt. Einige dutzend Menschen scherten aus einem großen Protestzug aus und nahmen das weltbekannte Wahrzeichen der toskanischen Stadt ein - unter den erstaunt-amüsierten Blicken der Touristen.

In Rom nahmen Studenten sich das Kolosseum vor. Sie übersprangen die Drehkreuze vor dem größten Amphitheater des Altertums, zündeten rote Nebelkerzen und riefen vor den verblüfften Touristen im Chor: "Wir sind die wirklichen Löwen." Im Kolosseum traten einst Gladiatoren gegen wilde Tiere an.

Von Mailand bis Palermo gingen Studenten, Wissenschaftler und Hochschullehrer zu Tausende auf die Straße. Zahlreiche Universitätsgebäude wurden teilweise besetzt - unter anderem in Mailand, Turin, Florenz, Ancona und Bari. In Palermo auf Sizilien brachten mehr als 1000 Demonstranten den Stadtverkehr vorübergehend zum Erliegen. Zu gewalttätigen Zwischenfällen kam es zunächst nur in Florenz; auf dem Campus der Universität wurde bei Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizisten mindestens ein Student verletzt, wie italienische Medien berichten. Die römische Universität "La Sapienza" musste wegen der zunehmenden Proteste die feierliche Eröffnung des Hochschuljahres "aus Sicherheitsgründen" verschieben.

Ein Sit-in vor dem römischen Abgeordnetenhaus, wo die Parlamentarier über Hochschulreformen debattierten, verlief am Donnerstag friedlich. Hunderte von Studenten skandierten Protestparolen und trommelten, während Polizisten das Parlament abriegelten. Nach über einer Stunde zerstreuten sich die Demonstranten ohne weitere Zwischenfälle. Am Mittwoch war eine kleine Gruppe vor dem Senat mit der Polizei beim Versuch aneinandergeraten, in das Gebäude einzudringen. Die Demonstranten hatten mit Eiern geworfen und lautstark den Rücktritt der Regierung gefordert.

"Seit 20 Jahren investiert dieses Land nicht mehr in die Forschung"

Die Proteste richten sich vor allem gegen eine umstrittene Reform der Bildungsministerin Mariastella Gelmini. Die Reform sieht für das kommende Jahr Kürzungen von 700 Millionen Euro allein an den Hochschulen vor - als Teil eines größeren Sparpakets: Angesichts der Wirtschaftskrise hatte Italiens Regierung in den letzten Jahren mehrere Gesetze erlassen, mit denen bis Ende 2012 im Bildungswesen rund neun Milliarden Euro eingespart und 130.000 Stellen gestrichen werden sollen, vor allem für Lehrer und in der Verwaltung.

An den Universitäten soll für jeweils fünf pensionierte Professoren nur ein neuer eingestellt werden. Zudem sollen bei der Uni-Reform kleine Hochschulen zusammengelegt, die Befugnisse der Rektoren eingeschränkt und externe Experten in die akademischen Führungsgremien aufgenommen werden.

In der vergangenen Woche hatten bereits - nach Schätzungen der Demo-Organisatoren - insgesamt rund 200.000 Menschen in über hundert Städten gegen die Bildungspolitik der Regierung protestiert. Dabei wurden in Mailand zahlreiche Schaufenster mit Farbe besprüht und die Fenster einer Bankfiliale beschädigt.

Mit den Demonstranten solidarisierte sich auch Lugi Frati, Rektor der römischen "Sapienza", und sagte, er halte das Unbehagen der Studenten "angesichts einer dermaßen unsicheren Zukunft für berechtigt: "Seit 20 Jahren investiert dieses Land nicht mehr in die Forschung." Dagegen warf Bildungsministerin Gelmini den Demonstranten vor, sich gegen jede Veränderung zu wenden. "Wir brauchen eine Schule von Qualität, näher an der Arbeitswelt und internationaler", sagte sie.

Am kommenden Samstag wollen sich die Hochschulprotestler einer angekündigten Gewerkschaftsdemonstration anschließen. Die Regierung will die einschneidende Reform am Dienstag endgültig durch das Parlament bringen.

dpa/jol

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