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Feuerprobe für griechische Schüler: "Ich mache mir keine Illusionen"

Foto: Giorgos Christides

Uni-Tests in Griechenland Ptychiomania heißt Abschlusswahn

Ihr Land liegt am Boden, das treibt sie an: Griechenlands Schüler kämpfen wie die Löwen um Studienplätze an den besten Unis. Die harten Auswahltests dauern zwei Wochen und sind ein nationales Faszinosum, TV-Sender berichten zur Primetime. Die Kandidaten leiden - die Eltern auch.

Krise hin oder her, die Griechen sind nach wie vor vernarrt in universitäre Bildung. Am Freitag begannen landesweit die zwei Wochen dauernden universitären Aufnahmeprüfungen - für Tausende Oberschüler und ihre Eltern der Höhepunkt eines dramatischen, anstrengenden Jahres.

Doch die Tests sind in Griechenland noch mehr als eine Feuerprobe für Schulabgänger und Familien - sie sind ein Faszinosum für das ganze Land und ein Ereignis für das Hauptabendprogramm im Fernsehen. Psychologen sind im Mai gefragte Zeitungskolumnisten und verteilen großzügig Tipps fürs Stressmanagement an die Leserschaft.

Mütter nehmen sich frei, um ihre Kinder zu unterstützen, Polizisten bewachen die Prüfungszentren. Kandidaten, die sich besonders gut schlagen, werden für kurze Zeit zu Berühmtheiten und erzählen in Interviews von ihrem Erfolgsgeheimnis, und ihre Lehrer erklären ebenfalls im Fernsehen die Prüfungsaufgaben und stellen die Musterlösungen vor.

"Familien halten in solchen Zeiten eben zusammen"

Als die Lehrer in diesem Jahr drohten, just in diesen Wochen nationaler Bedeutung in den Streik zu treten, griff die Regierung zum Äußersten: Sie verbot den Streik und drohte, Notstandrechte anzuwenden, die ihnen die Verfassung zugesteht, um Gefahren vom Land abzuwenden. Derart unter Druck gesetzt, lenkten die Lehrer in letzter Minute ein.

Für Erietta Partali, 17, war spätestens am Freitagmorgen klar, dass dies kein Tag wie jeder andere ist. "Meine Mutter steht sonst nie vor mir auf, aber da war sie, frisch und munter. Sie hatte mir Frühstück gemacht. Als es dann Zeit für mich wurde, hielt sie mich gefühlt eine Stunde an der Tür fest und gab mir gutgemeinte Ratschläge", erzählt die Schülerin am Morgen ihrer Prüfung in Thessaloniki. Die Stadt ist die zweitgrößte des Landes, in der die größte griechische Uni beheimatet ist. "Meine Eltern und meine Schwestern haben mir das ganze Jahr beigestanden. Familien halten in solchen Zeiten eben zusammen", sagt Erietta.

Sie ist eine von 110.000 Kandidaten, die sich aktuell um die rund 80.000 Plätze an griechischen Hochschulen bewerben. In den stark zentralisierten, öffentlich finanzierten griechischen Unis werden alle Kandidaten zusammen getestet, die einen bestimmten "Pfad" wählen, etwa den technischen oder den theoretischen. Prestigeträchtige Hochschulen für Medizin, Jura oder Ingenieurwissenschaften verlangen Spitzennoten in den Auswahltests, während der Zugang zu weniger renommierten Hochschulen deutlich einfacher ist.

Erietta will Kindergärtnerin werden, und wenn sie erfolgreich ist, bedeutet das sonnige Aussichten. "Mein Vater hat mir schon eine Überraschung versprochen, wenn ich gut abschneide. Ich hoffe sehr, er meint einen schönen Sommerurlaub." Schon deshalb kommt eine Niederlage nicht in Frage.

Abschlusswahn : Eine Krankheit namens ptychiomania

Nicht nur Prüfungsneulinge sind dabei, manche junge Griechen, die ihre Wunsch-Uni verpasst haben, versuchen es ein zweites Mal. Panagiotis Mihanetzidis, 18, will es diesmal unbedingt auf einen Platz in der Wirtschaftsfakultät der University of Macedonia in Thessaloniki schaffen. "Ich hoffe sehr, dass es diesmal klappt, das vergangene Jahr war wirklich schlimm für mich. Es muss klappen, ein drittes Mal würde ich das nicht durchstehen", sagt er.

Für Eriettas Freundin Elisavet Geronikolaki, die ebenfalls seit Freitag im akuten Prüfungsstress ist, war die letzte Nacht vor dem ersten Test sehr ermüdend: "Ich konnte nicht schlafen, habe mich hin- und hergewälzt und war total gestresst", sagt sie. Nur mit Mühe konnte sie ihrer Mutter ausreden, mit ihr zum Prüfungszentrum zu kommen. "Das wäre einfach zu peinlich gewesen."

Die Tochter von Maria Mesthana war offenbar weniger überzeugend. Vor einem anderen Pürfungszentrum in Thessaloniki sitzt sie vor dem Schultor mit Dutzenden anderen Eltern. "Natürlich bin ich hier. Wo sollte ich sonst sein? Wir stehen unseren Kinder eben sehr nahe", sagt die Mutter.

In den späten siebziger Jahren, als sich Griechenland weg vom Argrarstaat entwickelte, wurde tertiäre Bildung an Hochschulen die Grundlage für persönlichen Erfolg. Bildung war der Weg, gesellschaftlich aufzusteigen. Doch bald steigerte sich die Jagd nach dem akademischen Erfolg in einen nationale Überheblichkeit der Akademiker, für den die Griechen sogar ein eigenes Wort haben: ptychiomania, Abschlusswahn.

Niemand kann stolz darauf sein, von den Eltern zu leben

Sofia Vrigli hat ebenfalls ihre Tochter begleitet. Die Mutter berichtet, wohin die ptychiomania führen kann: "Im Fernsehen sah ich einen griechischen Medizinabsolventen in Großbritannien, der in einem Restaurant jobbte. Hier würde das keiner tun, die jungen Leute sind zu stolz, aber es ist ein falscher Stolz. Niemand kann sich etwas darauf einbilden, seine Eltern um Geld bitten zu müssen. Die Jugend muss verstehen: Es gibt keine Arbeit, für die man sich schämen muss."

Bewerber Panagiotis, der es zum zweiten Mal mit einem Studienplatz für Wirtschaft versucht, beschreibt das Gefühl, mit dem seine Generation aufwuchs, so: "Wir wurden in dem Glauben erzogen, dass dieses Stück Papier, der Abschluss, alles ist und dass man ohne nichts machen kann."

Genauso schwierig ist es aber inzwischen, mit dem Abschluss irgendwas zu werden. Die Leidenschaft, mit der die junge Griechen um Studienplätze kämpfen, wird derzeit nur annähernd übertroffen von der Arbeitslosenquote der frisch gebackenen Akademiker am Ende ihrer Hochschulausbildung. Während sieben von zehn junge Griechen zwischen 18 und 21 Jahren anfangen zu studieren, schließen viele niemals ab. Und von denen, die es zum Abschluss schaffen, ist momentan jeder Dritte arbeitslos. In der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen liegt die Quote derzeit sogar bei erschreckenden 60 Prozent.

"Meine größte Angst ist, dass ich es hier nicht schaffe"

Elisavet weiß das natürlich. "Wir kennen die Zahlen. Ich wollte Psychologie studieren, aber damit werde ich nie eine Arbeit finden, weshalb ich mir eine andere Hochschule mit besseren Chancen gesucht habe. Ich mache mir aber keine Illusionen über meine Zukunft", sagt sie.

Die Aussicht, arbeitslos zu werden, mag erschreckend sein, aber ein anderes Thema ist den Familien gerade wichtiger: ihre studierenden Kinder in Zeiten der wirtschaftlichen Kernschmelze zu unterstützen, während das Land sein sechstes Rezessionsjahr in Folge erlebt und die Arbeitslosenquote nahe der 30-Prozent-Marke verharrt.

Die meisten Bewerber versuchen, einen Platz an der Uni möglichst nah an ihrer Heimatstadt zu bekommen, um weiter günstig bei ihren Eltern leben können. "Meine größte Angst ist, dass ich es nicht hier in Thessaloniki schaffe. Meine Eltern können es sich nicht leisten, mich in einer anderen Stadt zu unterstützen", sagt Erietta.

Sofia Vrigli sieht es entspannter, sie kann ihrer Tochter Alternativen bieten, auch wenn sie es hier nicht schaffen. "Klar wäre ein gutes Abschneiden schön. Aber wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder eben ins Ausland zum studieren. Anstrengend ist es für die, die wenig haben. Ich habe Glück und kann mir die Prüfungen hier entspannt ansehen." Nur sehr wenige griechische Eltern können von sich dasselbe behaupten.