Uni-Bewerbung in Großbritannien Feilschen wie auf dem Pferdemarkt

Einmal im Jahr bricht unter britischen Studienbewerbern blanke Hektik aus, und sonst beschauliche Hochschulen verwandeln sich plötzlich in Callcenter: In einer gigantischen Auktion feilschen Kandidaten und Unis um Studienplätze. SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter Adrian Schimpf war beim "Clearing" an der University of Surrey dabei.


Für gewöhnlich geht es an der University of Surrey im südenglischen Guildford eher geruhsam zu. Hier zählt es schon zu den aufregenden Ereignissen, wenn die Schwäne des Universitätsteiches ihren Nachwuchs gegen die ortsansässigen Füchse verteidigen oder eine Bushaltestelle mit solarbetriebener Anzeigetafel eingeweiht wird.

Studenten in Surrey: Wer nicht will, der hat schon
University of Surrey

Studenten in Surrey: Wer nicht will, der hat schon

Einmal im Jahr aber herrscht die blanke Hektik, die sonst so gelassenen Akademiker haben vor Aufregung rot gefleckte Wangen und hasten gehetzt über die Flure. Ein Börsensaal ist dagegen die reinste Chillout-Zone. "Clearing" heißt der Grund für die Betriebsamkeit, und tatsächlich hat das britische Verfahren der Studienplatzvergabe etwas von einem orientalischem Basar.

Das Prinzip ist ziemlich einfach: Ein Jahr vor den A-Levels, dem britischen Abitur, bewirbt sich ein englischer Schüler, der studieren möchte, bei seinen Wunschuniversitäten. Anders als in Deutschland kann die Hochschule völlig autonom entscheiden, welche Kandidaten sie akzeptiert oder ablehnt. Es gibt keinen einklagbaren Anspruch auf einen Studienplatz und erst recht keine ZVS. Ist die Bewerbung erfolgreich, macht die Universität dem Bewerber meist ein conditional offer, also ein Studienplatzangebot unter einer Bedingung: Die Zusage gilt nur dann, wenn der Schüler in seinen A-Levels bestimmte Noten erzielt.

Die Telefone müssen glühen

Die Prüfungsergebnisse werden dann im Folgejahr landesweit am selben Tag per Post verschickt, dieses Jahr an einem Donnerstag Mitte August. An diesem Tag traf so manchen hoffnungsvollen Jungakademiker mit der Morgenpost die bittere Erkenntnis, dass es mit dem Studienplatz in Oxford oder an der Edel-Uni Cambridge doch nichts geworden ist, weil statt der erwarteten drei "A" (das entspricht der deutschen Note 1, ein "B" ist eine 2 und so weiter) nur "Bs" und "Cs" das Zeugnis zieren.

Noble Uni Oxford: Top-Adresse für Bewerber
AP

Noble Uni Oxford: Top-Adresse für Bewerber

Was nun? Will der Abiturient unbedingt studieren, muss er sich bei den Universitäten bewerben, die noch freie Plätze vergeben. Dieses Bewerbungsverfahren heißt Clearing. Man könnte es auch "Feilschen wie auf dem Pferdemarkt" nennen: Während nämlich der schlecht benotete Bewerber einen freien Platz bei einer möglichst renommierten Universität ergattern möchte, sucht auch eine im Hochschulranking mäßige Uni möglichst gute Studenten. Zugleich will der Student am Ende nicht ohne Studienplatz dastehen, die Hochschule nicht ohne Studenten - denn die Mittelzuweisung an die Fakultäten hängt auch von den Studentenzahlen ab.

Welche Hochschulen noch freie Kapazitäten im Clearing anbieten, steht in den Tageszeitungen, auf der UCAS-Homepage (steht für "Universities and Colleges Admissions Service") und natürlich den Seiten jener Universitäten, die Plätze via Clearing vergeben.

Katz-und-Maus-Spiel zwischen Uni und Kandidat

Auch wenn ein Bewerber noch geschockt ist von A-Levels, die schlechter als erwartet ausfielen, muss er sich schleunigst zusammenreißen und dann vor allem drei Dinge tun: telefonieren, telefonieren, telefonieren. Zuerst wird er die Hochschule anrufen, die im Ranking etwa der "Times" möglichst weit oben steht. Sagt die Uni ab, kommt die nächste dran. Und weil so viele Tausend junge Briten am Tag der Notenbekanntgabe Dutzende von Universitäten anrufen, hängt in den Fakultäten beim "Clearing" jede verfügbare Kraft am Telefon - ganz so, als habe sich das Bildungsinstitut plötzlich in ein großes Callcenter verwandelt.

Prinz William: Studiert in St. Andrews, einer erstklassigen Uni
REUTERS

Prinz William: Studiert in St. Andrews, einer erstklassigen Uni

Vor allem der Admission Officer (der Akademiker, der am Ende entscheidet, wer einen Platz bekommt) hat arbeitsreiche Tage und glühende Ohren. Er muss die Studiengänge voll bekommen, und zwar mit den bestmöglichen Kandidaten. Also gilt es, nicht gleich den erstbesten einen Platz zu offerieren - aber andererseits darf er auch nicht zu lange warten mit seinen Zusagen.

Die University of Surrey zum Beispiel belegt in der "Times"-Rangliste derzeit Platz 36 von insgesamt 100 Unis. Die ersten also, die beim Admission Officer Richard Benny anklingeln, haben meist nur mittelprächtige Abiturnoten. Denn wer den Studienplatz bei einer Top-Uni trotz guter Noten verpasst, wird versuchen, zum Beispiel bei der Uni auf Platz 11 unterzukommen - das ist St. Andrews, wo immerhin Prinz William studiert. Dann klappert der Bewerber die nächsten Hochschulen ab, bis er dann am Freitagnachmittag vielleicht bei Richard Benny von der University of Surrey anruft.

"I've got him in my bag!"

Der Admission Officer ist in der Zwickmühle: Solche Kandidaten mit den Noten "AAB" will er unbedingt, nur weiß er am Donnerstagmorgen nicht, wie viele dieser High Potentials noch am Freitag anrufen werden. Und so kann es kommen, dass Mister Benny - sicher ist sicher - lieber alle Plätze schon am Donnerstag vergibt, auch wenn er sich eigentlich höher qualifizierte Bewerber wünscht.

Uni Cambridge: Sehr begehrt
Mark Mniszko

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Studenten wissen dies auch. Manchmal rufen die Guten deshalb bewusst früh bei mittelklassigen Unis an, um sich dort schon einmal einen Platz zu sichern - und versuchen dann doch den Sprung an renommiertere Hochschulen.

Gute Admission Officers verlangen deshalb kategorisch die Übersendung des "CEF", des "Clearing Entry Form". Sobald ein Student dieses Formular nämlich an eine Hochschule versendet, kann er nicht mehr zurück. "I've got him in my bag!", wie Mr. Benny sich ausdrückt: Eingesackt eben.

Und so geht es zu wie auf dem Basar. Wer ein deutsches Abitur hat und statt in Berlin, Bochum oder Bayreuth von Anfang an in Bristol oder Bath studieren möchte, der kann wie jeder andere auch mitbieten und so einen englischen Studienplatz im "Clearing" ersteigern. Ganz billig ist ein Studium in England allerdings nicht: Pro Jahr werden bis zu 1125 Pfund Studiengebühren fällig.

SPIEGEL-ONLINE-Autor Adrian Schimpf arbeitet als Lektor des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) an der University of Surrey



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