Uni Bolognese Das Bachelor-ABC gegen Campuschaos

Anti-Bologna-Protest: Wohin geht die Reise?
dpa

Anti-Bologna-Protest: Wohin geht die Reise?

Von und

3. Teil: L bis R - London, Modul, Profilbildung, Rotterdam...


London: Tagungsort der bislang letzten Bologna-Nachfolge-Konferenz, bei der die europäischen Wissenschaftsminister sich gegenseitig auf die Schultern klopften und gleichzeitig vom strikten Ziel abrückten, dass bis 2010 alle Studiengänge umgestellt sein müssen. Das kommt den deutschen -->Sonderfällen sehr entgegen.

Mobilität:
Eines der großen Ziele bei der Schaffung des europäischen Hochschulraums (-->Rotterdam). Je nach Sichtweise hat die Einführung der Bachelor-Studiengänge jedoch ganz unterschiedliche Auswirkungen auf die Studentenmobilität: Während das Bildungsministerium in einer Studie die Auslands-Lust deutscher Studenten bejubelt, sehen das andere Untersuchungen eher kritisch. Manche Experten befürchten, dass die Bachelor-Umwälzung Studenten wieder zu Stubenhockern macht. Darum fordern sie -->Zeitfenster im Studienablauf, damit Studenten überhaupt mal ins Ausland wechseln können.

Modul:
"Das Modul" hieß eine Mitte der neunziger Jahre populäre Techno-Truppe mit Chart-Erfolgen wie "Computerliebe - die Module spielen verrückt" und "Kleine Maus". But now for something completely different (Monty Python): An den Hochschulen steht "Modularisierung" für eine Neugruppierung von Lehrinhalten. Module sind Einheiten aus Lehrveranstaltungen zu einem bestimmten Fachgebiet des Studiums. Sie werden angeboten und anschließend geprüft, damit Studenten sich auf eine Teildisziplin besser konzentrieren und sich ein Wissensgebiet in überschaubarer Zeit aneignen können. Auf erfolgreiche Prüflinge regnet es -->Credit Points. Die Studien- und Prüfungsordnungen regeln, welche Module man bis zum Examen absolviert haben muss.

Neue Studienangebote:
Jedes Semester ermittelt die Hochschulrektorenkonferenz den Stand der Bachelor-Umstellung. Im laufenden Sommersemester führen von den 11.369 Studiengängen an deutschen Hochschulen 4541 zum Bachelor und 3065 zum Master - macht zusammen 66,9 Prozent, also schon über zwei Drittel. In diesen Studiengängen ist allerdings bisher nur etwa jeder fünfte Student eingeschrieben: Der große Schub wird erst noch seine volle Wirkung entfalten.

Profilbildung:
Wird den Hochschulen immer wieder nahegelegt, weil sie damit angeblich im Wettbewerb um Studenten und Gelder Vorteile erlangen. Kritiker der neuen Studiengänge bemängeln allerdings, dass der aktuelle Reformeifer zu einem regelrechten Wildwuchs an seltsam ausdifferenzierten Studienangeboten geführt hat ("Bachelor der Orthopädie des linken Knies").

So entstehen zwar höchst individuelle Profile, gleichzeitig sinken aber die Wechsel-Möglichkeiten der Studierenden rapide, weil jeder Studiengang anders aussieht, jedenfalls nach außen. Und wer in diesem Wust den richtigen Studiengang erst finden muss: viel Vergnügen. Abiturienten nämlich geht die Übersicht über die zahllosen ähnlichen Studiengänge vollends flöten - den richtigen Mobilfunktarif unter den vielen rivalisierenden Anbietern zu finden, ist dagegen Kinderkram.

Qualifikationsrahmen:
Der heißt auf Europäisch "European Qualifikation Frame" (EQF), wurde von den EU-Regierungs-Chefs 2005 gefordert und soll - je nun, das kann wohl die EU-Kommission am besten selber erklären: "Er soll ein Meta-Rahmen sein, durch den Transparenz und gegenseitiges Vertrauen gefördert werden. Ein Europäischer Qualifikationsrahmen soll es ermöglichen, nationale und sektorale Qualifikationsrahmen und -systeme in Bezug zueinander zu setzen - womit wiederum die Übertragung und Anerkennung der Qualifikationen einzelner Bürger erleichtert wird."

Rotterdam:
Geburtsort des niederländischen Humanisten Erasmus von R. (1466 bis 1536), der den Bildungsministern als großes Vorbild für die -->Mobilität heutiger und zukünftiger Akademiker gilt. Schließlich studierte der Mann in Paris und promovierte in Turin, bevor er in Cambridge und später in Freiburg lehrte und arbeitete und sich dann in Basel zur Ruhe setzte. Ein international erfahrener Gelehrter also, heute eifern Erasmus-Stipendiaten ihm nach.

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Seite 1
DJ Doena 26.04.2008
1.
Gegenfrage: Ist die Uni denn Selbstzweck?
Senfkorn, 26.04.2008
2.
Das Bachelorstudium ist mittlerweile eine Fortsetzung von Schule. Auswendiglernen, Testen, Vergessen. In Deutschland lebt man nicht behütet auf dem Campus, sondern wohnt vielleicht zum ersten Mal alleine, muss Wohnung, Haushalt organisieren, dazu die neue Situation an der Uni. Wenn dann in den ersten Monaten schon Prüfungen geschrieben werden, die für die Endnote relevant sind, braucht man sich über hohe Abbrecherquoten auch nicht wundern. Dazu wird duch die enge Taktung Studenten das Leben erschwert, die sich selbst finanzieren müssen. Der Verdacht liegt nahe, das dies auch so gewollt ist, wozu gibt es Studienkrdite und schon hat man neue Kunden für die Finanzwirtschaft gewonnen. Insgesamt wird zur Zeit in der Bildung nur gehetzt, ohne Sinn und Verstand, früher Einschulen, G8, Bachelor. Vielleicht läuft sich das ein, aber einige Generationen werden dabei wohl verloren gehen.
Kristian Viesmann, 26.04.2008
3. Alter Wein in neuen Schläuchen
Der Bologna (http://de.wikipedia.org/wiki/Bologna-Prozess) Prozess ist mir ein Graus. Wenn ich die Bachelor Informatiker in meinen Tutorium ein wenig nach mathematischen Hintergrundwissen frage, ist es sehr still. Was hat das noch mit Informatik zu tun? Das gleiche höre ich von vielen Kollegen, die selbst mit Diplom abgeschlossen haben, und nun mit Bachelor-Studenten Umgang haben - Es geht nur noch um pauken pauken pauken. Wissen, Lust am Fach? Uninteressant, wichtig sind nur die Klausuren, von den es reichlich jedes Semester gibt. Das sollen Wissenschaftler werden? Das ist Pfusch, das hat doch nichts mehr mit der Jahrhunderten alten Tradition zu tun - Humbold (http://de.wikipedia.org/wiki/Humboldtsches_Bildungsideal) muss im Grabe sich nicht nur drehen, sondern schon rotieren!
ondrana 26.04.2008
4. Studium Generale?
Zitat von Kristian ViesmannDer Bologna (http://de.wikipedia.org/wiki/Bologna-Prozess) Prozess ist mir ein Graus. Wenn ich die Bachelor Informatiker in meinen Tutorium ein wenig nach mathematischen Hintergrundwissen frage, ist es sehr still. Was hat das noch mit Informatik zu tun? Das gleiche höre ich von vielen Kollegen, die selbst mit Diplom abgeschlossen haben, und nun mit Bachelor-Studenten Umgang haben - Es geht nur noch um pauken pauken pauken. Wissen, Lust am Fach? Uninteressant, wichtig sind nur die Klausuren, von den es reichlich jedes Semester gibt. Das sollen Wissenschaftler werden? Das ist Pfusch, das hat doch nichts mehr mit der Jahrhunderten alten Tradition zu tun - Humbold (http://de.wikipedia.org/wiki/Humboldtsches_Bildungsideal) muss im Grabe sich nicht nur drehen, sondern schon rotieren!
Von mir behaupte ich, eine außergewöhnlich breite Allgemeinbildung zu haben. Die ist mir nur zum Teil von zu Hause anerzogen worden, denn meine Eltern waren sehr einfache Leute, die mir aber den Drang anerzogen haben, mich umzuschauen und mehr als meine kleine Welt wahrzunehmen. Im Studium habe ich mit vielen Dingen Kontakt gehabt, die mir von zu Haus aus fremd waren, die aber mein Leben und meine Grundeinstellung zum Leben und den Menschen geprägt haben. An den Cafeteriatischen der Uni hatte ich Kontakt mit Musikern - also machte ich beim Unichor mit und bekam tiefe Einblicke in die klassische Musik. Im Unichor lernte ich dann Biologen kennen und ich half ihnen im Labor bei den Versuchen für ihre Examensarbeit. Eine völlig neue Welt! Aktiv zu sein im ASTA prägte mich hinsichtlich meiner späteren politischen Aktivitäten. Ein Literaturzirkel interessierter Studenten entwickelte sich zu einer Theatergruppe und wir hatten wunderbare Aufführungen auf höchstem Niveau. Dort lernte ich Selbstvertrauen, Mut, Konzentration. Außerdem verbrachte ich ein Jahr in England an einer englischen Schule als Assistant Teacher. Trotz alle dem - oder vielleicht GERADE DESWEGEN- habe ich mein Studium mit guten Noten in der Regelstudienzeit abgeschlossen. Vielleicht bin ich ja eine Bildungsromantikerin, aber ich bin der Meinung, dass zu Menschen, die ja irgendwie später zur Führungsschicht gehören (fachlich oder politisch), etwas mehr gehört als Fachidiotentum. Studenten muss die Möglichkeit gegeben werden, über den Tellerrand hinauszuschauen. Sie müssen sich ausprobieren können und ihre Stärken und Schwächen herausfinden, sowohl menschlich als auch fachlich. Das Bachelorstudium schient in dieser Hinsicht nicht der richtige Weg zu sein.
Kristian Viesmann, 26.04.2008
5.
Zitat von ondranaVon mir behaupte ich, eine außergewöhnlich breite Allgemeinbildung zu haben. Die ist mir nur zum Teil von zu Hause anerzogen worden, denn meine Eltern waren sehr einfache Leute, die mir aber den Drang anerzogen haben, mich umzuschauen und mehr als meine kleine Welt wahrzunehmen. Im Studium habe ich mit vielen Dingen Kontakt gehabt, die mir von zu Haus aus fremd waren, die aber mein Leben und meine Grundeinstellung zum Leben und den Menschen geprägt haben. An den Cafeteriatischen der Uni hatte ich Kontakt mit Musikern - also machte ich beim Unichor mit und bekam tiefe Einblicke in die klassische Musik. Im Unichor lernte ich dann Biologen kennen und ich half ihnen im Labor bei den Versuchen für ihre Examensarbeit. Eine völlig neue Welt! Aktiv zu sein im ASTA prägte mich hinsichtlich meiner späteren politischen Aktivitäten. Ein Literaturzirkel interessierter Studenten entwickelte sich zu einer Theatergruppe und wir hatten wunderbare Aufführungen auf höchstem Niveau. Dort lernte ich Selbstvertrauen, Mut, Konzentration. Außerdem verbrachte ich ein Jahr in England an einer englischen Schule als Assistant Teacher. Trotz alle dem - oder vielleicht GERADE DESWEGEN- habe ich mein Studium mit guten Noten in der Regelstudienzeit abgeschlossen. Vielleicht bin ich ja eine Bildungsromantikerin, aber ich bin der Meinung, dass zu Menschen, die ja irgendwie später zur Führungsschicht gehören (fachlich oder politisch), etwas mehr gehört als Fachidiotentum. Studenten muss die Möglichkeit gegeben werden, über den Tellerrand hinauszuschauen. Sie müssen sich ausprobieren können und ihre Stärken und Schwächen herausfinden, sowohl menschlich als auch fachlich. Das Bachelorstudium schient in dieser Hinsicht nicht der richtige Weg zu sein.
Die Bachelor-Studiengänge haben nur ein Ziel: Die Wirtschaft schnell mit Fachkräften zu versorgen. Toller Lebenslauf, sollen wir jetzt alle klatschen und uns geehrt fühlen, mit einem Vertreter der geistigen Elite ein Thread teilen zu dürfen? Kopfschüttelnd, Kristian Viesmann
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