Uni Bolognese Das Bachelor-ABC gegen Campuschaos

Anti-Bologna-Protest: Wohin geht die Reise?
dpa

Anti-Bologna-Protest: Wohin geht die Reise?

Von und

4. Teil: S bis Z - Studienabbrecher, Workload, Zeitfenster...


Sonderfälle:
Die gibt's gerade in Deutschland zuhauf, und zwar überall da, wo der Staat sich die Abschlussprüfungen vorbehält - nämlich bei Lehramt, Medizin und Juristerei. Ob und wann es jemals einen Bachelor-Arzt geben wird, steht in den Sternen. Bei Juristen und Lehrern gibt es immerhin einzelne Versuche der Bundesländer zur Studienreform, aber noch keine einheitliche Linie.

Studienabbrecher:
Die Quote der "Drop-outs" zu senken, gehörte zu den erklärten Zielen der Bachelor-Master-Umwälzung. Im Februar zeigte eine Studie des Hochschul-Informations-Systems indes, dass die Abbrecherzahlen sogar gestiegen sind - jedenfalls in einigen Bereichen.

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Prominente Studienabbrecher: Es gibt ein Leben nach der Uni

Einen positiven Trend beschreiben die Hannoveraner Bildungsforscher in den Geisteswissenschaften: Ein klarerer Rahmen und stärkere Praxisanbindung lassen mehr Studenten ans Ziel kommen. Anders sieht es in den Technikfächern und Wirtschaftswissenschaften aus, die offenbar auf eine "Entrümpelung" der Lehrpläne weitgehend verzichtet haben und Studenten den Stoff jetzt in kürzerer Zeit einhämmern - ein ganz ähnliches Problem wie beim Turbo-Abitur. Prompt nahm die Zahl der Studienabbrecher zu.

Tauglichkeit für den Beruf, auch: Employability
ist die angestrebte Fähigkeit der Absolventen, mit ihrem Können in der echten Arbeitswelt zu bestehen. Manche -->Verweigerer indes stehen der geforderten Praxisnähe aller Studiengänge weiterhin sehr skeptisch gegenüber. Lange kümmerte es die Mehrheit der deutschen Hochschullehrer überhaupt einen feuchten Kehricht, ob die Studenten mit theorieverklebten Studieninhalten im Gepäck schnurstracks in eine berufliche Sackgasse steuerten - unverdrossen unterrichteten sie so, als zöge es genau hundert Prozent aller Absolventen in die Wissenschaft.

Nun aber mutiert die deutsche Universität zur Lernfabrik, die pausenlos junge und allzeit bereite Turbo-Absolventen ausspucken soll. Und darum morst neuerdings jeder Fachbereich "Employability" auf allen Kanälen, um den Ministerialbürokraten zu gefallen. In keinem Studiengangskonzept darf der Begriff fehlen und zählt zur Gattung jener "Plastikwörter", über die der Münchner Sozialpsychologe Heiner Keupp im SPIEGEL spottete: "Statt des Elfenbeinturms ist jetzt der Leuchtturm die Leitmetapher." Begriffe aus der auf Effizienz getrimmten Welt der Wirtschaft tauchten immer öfter im "neuen Jargon des Hochschulmanagements auf". Zu den Plastikwörtern rechnet Keupp zum Beispiel "Benchmarking" alias Leistungskontrolle; Hochschulen "schöpfen Ressourcen aus" und "stellen Synergien her". Und immer öfter geht es um den "Kunden" - formerly known as "Student".

Unterschiede:
Bachelor ist nicht gleich Bachelor, Master nicht gleich Master: Weil die Länge eines kombinierten Bachelor-Master-Studiums zwischen 8 und 12 (oder sogar mehr) Semestern liegen kann und der -->Workload für einen -->Credit Point zwischen 25 und 30 Stunden, können Studenten im kürzesten Fall nach 6750 Arbeitsstunden ihren Master-Abschluss in der Tasche haben. Im längsten Fall aber auch erst nach 10.800 Stunden - ein Unterschied von immerhin 60 Prozent. Es kommt eben ganz darauf an, wo und was man studiert.

Verweigerer:
Sie werden immer seltener, aber es gibt sie noch. Zu ihnen gehört zum Beispiel der Frankfurter Uni-Präsident Rudolf Steinberg, der an seiner Hochschule nicht auf den "von der Kultusministerkonferenz gewollten Einheits-Bachelor" einschwenken will. Er klagt bei der Umstellung der Studiengänge über "ein absonderliches Akkreditierungssystem mit ausufernden Kosten und eine wahnwitzige Privatbürokratie".

Workload:
Zeitlicher Aufwand, der für einen à ECTS-Leistungspunkt (auch -->Credit Point) angesetzt wird. Europaweit sind das 25 bis 30 Stunden pro Leistungspunkt, in Deutschland nach einem Beschluss der Kultusministerkonferenz aber einheitlich 30 Stunden. Es gibt also erhebliche -->Unterschiede im Workload zwischen den europäischen Ländern.

Zeitfenster:
Sie gelten als das neue Zaubermittel, um die angestrebte höhere -->Mobilität der Studenten auch Wirklichkeit werden zu lassen. Denn bisher bedeutet der Bachelor vor allem, dass Studiengänge stärker strukturiert werden als früher. Damit aber bleibt weniger Zeit für Auslandssemester. Solche Zeitfenster - meist ein Semester - sollen deshalb die Möglichkeiten verbessern, Europa auch tatsächlich kennen zu lernen.

insgesamt 1655 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 26.04.2008
1.
Gegenfrage: Ist die Uni denn Selbstzweck?
Senfkorn, 26.04.2008
2.
Das Bachelorstudium ist mittlerweile eine Fortsetzung von Schule. Auswendiglernen, Testen, Vergessen. In Deutschland lebt man nicht behütet auf dem Campus, sondern wohnt vielleicht zum ersten Mal alleine, muss Wohnung, Haushalt organisieren, dazu die neue Situation an der Uni. Wenn dann in den ersten Monaten schon Prüfungen geschrieben werden, die für die Endnote relevant sind, braucht man sich über hohe Abbrecherquoten auch nicht wundern. Dazu wird duch die enge Taktung Studenten das Leben erschwert, die sich selbst finanzieren müssen. Der Verdacht liegt nahe, das dies auch so gewollt ist, wozu gibt es Studienkrdite und schon hat man neue Kunden für die Finanzwirtschaft gewonnen. Insgesamt wird zur Zeit in der Bildung nur gehetzt, ohne Sinn und Verstand, früher Einschulen, G8, Bachelor. Vielleicht läuft sich das ein, aber einige Generationen werden dabei wohl verloren gehen.
Kristian Viesmann, 26.04.2008
3. Alter Wein in neuen Schläuchen
Der Bologna (http://de.wikipedia.org/wiki/Bologna-Prozess) Prozess ist mir ein Graus. Wenn ich die Bachelor Informatiker in meinen Tutorium ein wenig nach mathematischen Hintergrundwissen frage, ist es sehr still. Was hat das noch mit Informatik zu tun? Das gleiche höre ich von vielen Kollegen, die selbst mit Diplom abgeschlossen haben, und nun mit Bachelor-Studenten Umgang haben - Es geht nur noch um pauken pauken pauken. Wissen, Lust am Fach? Uninteressant, wichtig sind nur die Klausuren, von den es reichlich jedes Semester gibt. Das sollen Wissenschaftler werden? Das ist Pfusch, das hat doch nichts mehr mit der Jahrhunderten alten Tradition zu tun - Humbold (http://de.wikipedia.org/wiki/Humboldtsches_Bildungsideal) muss im Grabe sich nicht nur drehen, sondern schon rotieren!
ondrana 26.04.2008
4. Studium Generale?
Zitat von Kristian ViesmannDer Bologna (http://de.wikipedia.org/wiki/Bologna-Prozess) Prozess ist mir ein Graus. Wenn ich die Bachelor Informatiker in meinen Tutorium ein wenig nach mathematischen Hintergrundwissen frage, ist es sehr still. Was hat das noch mit Informatik zu tun? Das gleiche höre ich von vielen Kollegen, die selbst mit Diplom abgeschlossen haben, und nun mit Bachelor-Studenten Umgang haben - Es geht nur noch um pauken pauken pauken. Wissen, Lust am Fach? Uninteressant, wichtig sind nur die Klausuren, von den es reichlich jedes Semester gibt. Das sollen Wissenschaftler werden? Das ist Pfusch, das hat doch nichts mehr mit der Jahrhunderten alten Tradition zu tun - Humbold (http://de.wikipedia.org/wiki/Humboldtsches_Bildungsideal) muss im Grabe sich nicht nur drehen, sondern schon rotieren!
Von mir behaupte ich, eine außergewöhnlich breite Allgemeinbildung zu haben. Die ist mir nur zum Teil von zu Hause anerzogen worden, denn meine Eltern waren sehr einfache Leute, die mir aber den Drang anerzogen haben, mich umzuschauen und mehr als meine kleine Welt wahrzunehmen. Im Studium habe ich mit vielen Dingen Kontakt gehabt, die mir von zu Haus aus fremd waren, die aber mein Leben und meine Grundeinstellung zum Leben und den Menschen geprägt haben. An den Cafeteriatischen der Uni hatte ich Kontakt mit Musikern - also machte ich beim Unichor mit und bekam tiefe Einblicke in die klassische Musik. Im Unichor lernte ich dann Biologen kennen und ich half ihnen im Labor bei den Versuchen für ihre Examensarbeit. Eine völlig neue Welt! Aktiv zu sein im ASTA prägte mich hinsichtlich meiner späteren politischen Aktivitäten. Ein Literaturzirkel interessierter Studenten entwickelte sich zu einer Theatergruppe und wir hatten wunderbare Aufführungen auf höchstem Niveau. Dort lernte ich Selbstvertrauen, Mut, Konzentration. Außerdem verbrachte ich ein Jahr in England an einer englischen Schule als Assistant Teacher. Trotz alle dem - oder vielleicht GERADE DESWEGEN- habe ich mein Studium mit guten Noten in der Regelstudienzeit abgeschlossen. Vielleicht bin ich ja eine Bildungsromantikerin, aber ich bin der Meinung, dass zu Menschen, die ja irgendwie später zur Führungsschicht gehören (fachlich oder politisch), etwas mehr gehört als Fachidiotentum. Studenten muss die Möglichkeit gegeben werden, über den Tellerrand hinauszuschauen. Sie müssen sich ausprobieren können und ihre Stärken und Schwächen herausfinden, sowohl menschlich als auch fachlich. Das Bachelorstudium schient in dieser Hinsicht nicht der richtige Weg zu sein.
Kristian Viesmann, 26.04.2008
5.
Zitat von ondranaVon mir behaupte ich, eine außergewöhnlich breite Allgemeinbildung zu haben. Die ist mir nur zum Teil von zu Hause anerzogen worden, denn meine Eltern waren sehr einfache Leute, die mir aber den Drang anerzogen haben, mich umzuschauen und mehr als meine kleine Welt wahrzunehmen. Im Studium habe ich mit vielen Dingen Kontakt gehabt, die mir von zu Haus aus fremd waren, die aber mein Leben und meine Grundeinstellung zum Leben und den Menschen geprägt haben. An den Cafeteriatischen der Uni hatte ich Kontakt mit Musikern - also machte ich beim Unichor mit und bekam tiefe Einblicke in die klassische Musik. Im Unichor lernte ich dann Biologen kennen und ich half ihnen im Labor bei den Versuchen für ihre Examensarbeit. Eine völlig neue Welt! Aktiv zu sein im ASTA prägte mich hinsichtlich meiner späteren politischen Aktivitäten. Ein Literaturzirkel interessierter Studenten entwickelte sich zu einer Theatergruppe und wir hatten wunderbare Aufführungen auf höchstem Niveau. Dort lernte ich Selbstvertrauen, Mut, Konzentration. Außerdem verbrachte ich ein Jahr in England an einer englischen Schule als Assistant Teacher. Trotz alle dem - oder vielleicht GERADE DESWEGEN- habe ich mein Studium mit guten Noten in der Regelstudienzeit abgeschlossen. Vielleicht bin ich ja eine Bildungsromantikerin, aber ich bin der Meinung, dass zu Menschen, die ja irgendwie später zur Führungsschicht gehören (fachlich oder politisch), etwas mehr gehört als Fachidiotentum. Studenten muss die Möglichkeit gegeben werden, über den Tellerrand hinauszuschauen. Sie müssen sich ausprobieren können und ihre Stärken und Schwächen herausfinden, sowohl menschlich als auch fachlich. Das Bachelorstudium schient in dieser Hinsicht nicht der richtige Weg zu sein.
Die Bachelor-Studiengänge haben nur ein Ziel: Die Wirtschaft schnell mit Fachkräften zu versorgen. Toller Lebenslauf, sollen wir jetzt alle klatschen und uns geehrt fühlen, mit einem Vertreter der geistigen Elite ein Thread teilen zu dürfen? Kopfschüttelnd, Kristian Viesmann
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