Plagiatsaffären in Rumänien "Hier und da täuschen Politiker"

Erst der Erziehungsminister, dann der Regierungschef: Rumänien macht mit prominenten Plagiatsaffären Schlagzeilen. Der Rektor der Universität Bukarest, Mircea Dumitru, ist angetreten, um harte Standards durchzusetzen - und um politische Gefälligkeiten in der Wissenschaft zu unterbinden.

Corbis

SPIEGEL ONLINE: Rumäniens Bildungsminister Ioan Mang trat im Mai nach Plagiatsvorwürfen zurück. Auch Regierungschef Victor Ponta, der an Ihrer Uni promovierte, soll für seine Doktorarbeit abgeschrieben haben. Macht es Ihnen Sorgen, dass sich erschwindelte Doktoren in der rumänischen Spitzenpolitik offenbar häufen?

Dumitru: Hier und da täuschen Politiker, die die Karriereleiter hinauf wollen. In den vergangenen zehn Jahren ist das recht oft passiert. Das ist erschreckend und wir wollen dafür sorgen, dass die strengen wissenschaftlichen Standards, die es ja gibt, wieder durchgesetzt werden.

SPIEGEL ONLINE: Als Victor Ponta 2003 seine Doktorarbeit über den Internationalen Strafgerichtshof abgab, galten dieselben Standards wie heute. Damals hat Ihre Universität die Arbeit durchgewinkt. Im Juli haben Sie festgestellt, dass ein Drittel der rund 300 Seiten plagiiert seien. Hat die Hochschule damals geschlafen?

Dumitru: Offenbar haben die drei Professoren aus der juristischen Fakultät, die die Dissertation damals inhaltlich überprüfen sollten, keinen guten Job gemacht. Sie sind inzwischen im Ruhestand.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie nicht mit ihnen gesprochen?

Dumitru: Nein. Zwei Rechtsexperten aus dem Ausland und einer von der Universität prüfen die Arbeit derzeit noch. Bald wollen sie mir ihren Bericht schicken. Dann kann ich die drei emeritierten Professoren damit konfrontieren.

SPIEGEL ONLINE: Auch ein nationaler Expertenrat, der beim Bildungsministerium angesiedelt ist und landesweit Doktorarbeiten prüft und Titel verleiht, hat sich Pontas Dissertation damals angeschaut - und sie erst jetzt als Plagiat bezeichnet. Wie können zwei Kontrollgremien gleichzeitig versagen?

Dumitru: Ich gehörte dem Rat zu dieser Zeit auch an. Wir haben unsere Arbeit ernst genommen. Aber wir waren nur etwa 15 bis 20 Spezialisten aus den verschiedensten Fachbereichen, und jede Dissertation haben sich drei bis fünf von uns angeschaut.

SPIEGEL ONLINE: 20 Professoren haben alle Doktorarbeiten Rumäniens gelesen?

Dumitru: Ja, in meinem Fachbereich Philosophie waren das selten mehr als hundert Arbeiten im Jahr, viel weniger als in Politik oder Jura. Weil es noch keine elektronische Plattform gab, mussten wir an mindestens zwei Tagen pro Semester ins Ministerium fahren und jedes Werk durchschauen. Die guten Arbeiten gingen schnell, aber für die umstrittenen hätten wir uns mehr Zeit gewünscht. Das hätte man besser organisieren können.

SPIEGEL ONLINE: Im Juni hat das Bildungsministerium den Expertenrat aufgelöst, nachdem der verkündet hatte, dass Ponta abgeschrieben habe. Pontas Doktorvater war der damalige Regierungschef Adrian Nastase, der inzwischen wegen illegaler Parteienfinanzierung im Gefängnis sitzt. Politik und Wissenschaft sind in Rumänien ganz schön eng verflochten.

Dumitru: Ich kenne kein anderes westliches Land, wo aktive Politiker Doktoranden betreuen. Ein Professor, der in die Politik geht, sollte kein Doktorvater mehr sein dürfen. Nicht dass er deswegen kein guter Dozent mehr wäre, aber er hat überhaupt keine Zeit dafür! Zumindest an der Universität Bukarest will ich das künftig verbieten.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Politiker haben einen Nebenjob als Doktorvater?

Dumitru: In manchen Fächern kommt das häufiger vor als in anderen, zum Beispiel in Jura oder Politikwissenschaft. In der philosophischen Fakultät haben wir keinen. Die Politiker erhoffen sich Respekt und Ansehen, wenn sie gleichzeitig Professoren an einer Hochschule sind, sie borgen sich bei uns sozusagen eine soziale Stellung. Das dient nicht gerade der Bildung.

SPIEGEL ONLINE: Nur das Bildungsministerium kann Ponta seinen Titel aberkennen, die Universität hat darauf keinen direkten Einfluss. Wie kann das sein?

Dumitru: Nicht alle Hochschulen in diesem Land sind qualitativ hochwertige Einrichtungen und man wollte die Verleihung von akademischen Titeln möglichst objektiv gestalten. Deswegen hat man sie dem Ministerium übertragen. Doch das ist nach hinten losgegangen. Die Hochschulen sollten Titel vergeben und entziehen dürfen, schließlich sind wir auch verantwortlich dafür, die Studenten auszubilden.

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SPIEGEL ONLINE: Wer kontrolliert dann, dass Privathochschulen wie Spiru Haret keine Doktortitel am Fließband verteilen?

Dumitru: Ich wünsche mir, dass sich mehr Universitäten zu hohen Standards bekennen und sie auch einhalten. Doch das braucht Zeit. Im Moment ist es für dieses Land wohl nicht schlecht, dass das Ministerium die Vergabe der Titel überwacht.

SPIEGEL ONLINE: Am 12. September kommt der Senat der Universität zusammen und entscheidet, ob er das Ministerium auffordern will, Ponta den Doktortitel zu entziehen. Wird das etwas nützen?

Dumitru: Das werden wir sehen. Das Ministerium sollte unsere Stellungnahme wenigstens in Betracht ziehen. Dabei geht es auch um den Ruf unserer Universität.

Das Interview führte Heike Sonnberger

insgesamt 2 Beiträge
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pepe_sargnagel 12.09.2012
1.
Wenn das Online-Zeitalter auch negative Seiten hat, so hat es in der Wissenschaft eben eine sehr gute Seite. Plagiate und Betrug werden schnell enttarnt. Es sollte wissenschaftlicher Standard werden die Werke online zu veröffentlichen. Das steht auch nicht im Gegensatz zu Monographien bzw. Büchern (welche eh nicht mehr Standard sind), denn die können auch online erscheinen. Zuletzt sei auch darauf hingewiesen, dass man ohne starken Kontrollmechanismus eben auch "scientific fraud" (wissenschaftlichen Betrug) nicht wirklich unterbinden kann. Das Internet scheint da eine längst fällige Kurskorrektur herbeizuZWINGEN. Nicht anders verhält es sich nach wissenschaftlicher ökonomischer Theorie überall, wo man Prestige, Geld oder sonstigen Nutzen hinzugewinnen kann. Daher liegt es im Interesse aller einfache Regeln zu haben, die man auch konsequent und leicht umsetzen kann. Das sollte auf dem Pharma- oder dem Bankensektor auch so umgesetzt werden. Auch der Steuerdschungel gehört gelichtet - einfache und schnelle Kontrolle führt dazu, dass man zu mehr Ehrlichkeit gezwungen wird. Und das ist gerecht!
Albalux 12.09.2012
2. Rumänische Kernkompetenz
Nun ja, was kann man denn Anderes in einem Land erwarten, das sich tagtäglich seine eigene Geschichte schönschreibt, die Herkunft seines Staatsvolkes herbeiorakelt und seit Jahrzehnten senen Menschen eine bessere Zukunft vorlügt?
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