City-Campus in Siegen Studenten rein, Studentenleben nein

Was ist schlimmer als Verlieren? Siegen erfindet sich neu und macht aus der "City" einen Uni-Campus. Das könnte die Stadt retten, ist aber auch ein gewagtes Experiment. Einige Bürger fürchten studentische Saufgelage - und machen Stimmung gegen die Zugezogenen.

Matthias Jung

Von André Boße


Der Bürgermeister von Siegen steht auf dem Platz vor dem Unteren Schloss und ist ganz allein. Wenn Markt oder Open-Air-Kino sei, sagt er, dann herrsche hier natürlich mehr Betrieb. Aber an diesem normalen Vormittag ist tote Hose im Zentrum. So etwas hat kein Bürgermeister gern. Innenstädte sollen pulsieren, und bald werde auch Siegens City pulsieren, glaubt Steffen Mues, 48. "Wenn Sie in einem Jahr wiederkommen, wird das alles anders aussehen." Dann, so sagt er, tobe hier das Leben.

Das studentische Leben.

Siegen, die nordrhein-westfälische Stadt mit etwa 100.000 Einwohnern, unternimmt ein gewagtes soziales Experiment. Zum Start des Wintersemesters 2014/2015 wandelt sich das Untere Schloss, wo jetzt noch ein Arbeitsgericht untergebracht ist, in den "Campus Siegen Altstadt"- mit Hörsälen und Seminarräumen für 3500 Studenten. Auch ein altes Krankenhaus, das direkt daneben liegt, geht an die Uni. Und das Karstadt-Restaurant soll zu einer Mensa werden, in der man als Student verbilligt essen kann.

Bisher trieb sich der Großteil der Hochschüler zumindest tagsüber fast ausschließlich auf einem Hügel vor den Toren der Stadt herum. Doch die Uni-Gebäude, die dort stehen, sind längst viel zu eng geworden. Als der Komplex 1972 entstand, hatte man für 8000 Studenten geplant. Heute sind es mehr als doppelt so viele, Tendenz stark steigend, weil die Universität Siegen einen guten Ruf genießt.

"Die Oberstadt wird wachgeküsst"

Die Hochschule braucht also mehr Platz - und der Bürgermeister will seine Innenstadt beleben: Da lag es doch nahe, aus der Siegener Altstadt einen zweiten Campus zu machen und die Studenten in die Stadt zu holen. Gerade für eine Kommune, die unter demografischen Problemen leidet und ein bisschen mehr Jugend, Farbe und Zukunft gut gebrauchen kann. "Die Oberstadt wird wachgeküsst", hieß es kürzlich während einer Veranstaltung, auf der das Projekt noch einmal vorgestellt wurde.

Das Vorhaben könnte sich als Rettung für Siegen entpuppen. Es könnte ein Modell sein für viele Uni-Städte, deren Zentrum von Leerstand und Tristesse bedroht ist. Es könnte aber auch ziemlich schiefgehen, wenn die Politik nicht aufpasst.

Vor allem muss sie genügend bezahlbaren und zentrumsnahen Wohnraum für die Studenten schaffen, aber da sieht es momentan nicht gerade gut aus.

Seit einigen Wochen dominiert das Thema die Kommunalpolitik der Stadt. Bürgermeister Mues, ein CDU-Mann, hat im Rahmen der Aktion "Jeder Quadratmeter zählt" die Bürger aufgerufen, freie Zimmer zu melden. Außerdem werden gerade neue Apartments direkt an der renaturierten Sieg gebaut: komfortable Bleiben mit Flussblick.

Welche Zimmer können sich Studenten leisten?

Detlef Rujanski, Geschäftsführer des Studentenwerks, hat große Zweifel, ob sich das viele Studenten leisten können. Gerade für Hochschüler, die nicht so viel Geld haben, müsse noch eine Menge getan werden. Für nicht einmal fünf Prozent der Siegener Studenten steht derzeit ein Platz in einem Wohnheim des Studentenwerks zur Verfügung. Das ist weniger als in Großstädten wie Berlin und Köln. Dass jeder dritte Student in Siegen einen Bafög-Antrag stelle, zeige jedoch, wie wichtig günstiger öffentlicher Wohnraum sei, sagt Rujanski. Derzeit werde der Versuch, gerade für ärmere Studenten etwas zu tun, aber leider noch torpediert.

Der Geschäftsführer fährt zum Parkhotel, gelegen direkt neben der Kongresshalle und nicht weit vom neuen Campus entfernt. Der graue Kasten ist nicht schön, aber zentrumsnah. "Das Ding läuft nicht", sagt Rujanski. Die Eigentümer wollen verkaufen, das Studentenwerk signalisierte Interesse. "Entkernen, Küchen einbauen und ein paar Kleinigkeiten - und mit einem Streich hätten wir 88 Plätze für Studenten mit wenig Geld geschaffen", erklärt Rujanski.

Der Deal war eigentlich schon unter Dach und Fach, da legte die Stadt ein Veto ein: Die Kongresshalle benötige zwingend ein Hotel in der direkten Nachbarschaft, hieß es. Die Vier-Sterne-Herberge dürfe erst dann in ein Wohnheim umgewandelt werden, wenn in der Nähe ein neues Hotel eröffne. Da gingen sie hin, die 88 Plätze.

Zum Weintreffen einfach vor die Tür

Auch der geplante Kauf einer alten Jugendherberge scheiterte. Die wird nun abgerissen, statt 45 Wohnheimplätzen entsteht zentrumsnah eine Grünfläche mit Springbrunnen. Der Siegener Asta beschwerte sich und äußerte die Vermutung, dass man die Studenten wohl nur als Konsumenten für die City haben wolle - wohnen sollten sie aber offenbar außerhalb des Zentrums, damit die Bevölkerung nicht allzu sehr gestört werde. Tatsächlich tun sich in Siegen einige Bürger etwas schwer mit studentischen Nachbarn.

In der idyllischen Altstadt, die schon seit Jahren beliebt ist bei den Hochschülern, stehen die Häuser dicht an dicht und sind so klein, dass sich Großgewachsene an den Türen den Kopf stoßen. Die mit Kopfstein gepflasterten Gassen sind verwinkelt und heißen Kornmarkt oder Hundegasse, die Kneipen Laternchen oder Schwarzbrenner. Wenn in einer dieser Sträßchen ein Hund bellt, dann hört man ihn in der ganzen Altstadt.

"Hier findet man sofort Kontakt zu anderen WGs, besonders bei gutem Wetter", schwärmt Sofia Sboui, 22. In den vergangenen Monaten hat sie oft eine Flasche Wein und zwei, drei Gläser genommen und ist damit vor die Tür gegangen: schauen, was der Abend so bringt. Sie sagt: "Es war wirklich ein toller Sommer."

Bürger wettern gegen saufende Studenten

Da sind einige Alteingessene ganz anderer Meinung. Als die stabile Hochdrucklage der Stadt einen milden Sommerabend nach dem anderen schenkte, knallte es: Einige Altstadtbewohner beschwerten sich in einem offenen Brief über studentische Trinkgelage, die ihnen den Schlaf raubten.

Als "unbewohnbar" bezeichneten die Protestler die Altstadt im Sommer. "Wir heißen jeden jungen wie alten Menschen in der Altstadt willkommen, wenn er sich in die Gemeinschaft einfügt", schrieben sie. Heute möchten die Autoren des Briefs nichts mehr zu ihrem Protest sagen, sie wollen den Konflikt nicht noch einmal anheizen. Es gab, berichtet Bürgermeister Mues, "ein Schlichtungsgespräch, bei dem sich die Alt-Siegener und die Studenten angenähert haben".

Leo Heun, 30, war bei dieser Runde dabei. Der Bachelor-Student hat es sich in Sofias WG-Wohnzimmer in der Donzenbachstraße bequem gemacht. "Meine WG ist ein paar Straßen weiter. Hier bin ich aber immer gern, weil es guten Kaffee gibt", sagt er lächelnd.

Leo gibt zu, dass die Studenten im Sommer viel auf der Straße waren. "Wir haben gegrillt und ein paar Biere getrunken, und es gab wohl auch WGs, die es übertrieben haben." Aber tagelange Exzesse? Nein, sagt er. "Als Bachelor-Student muss man morgens um 9 Uhr an der Uni sein. Außerdem haben wir alle Nebenjobs. Das funktioniert nicht, wenn man jede Nacht feiert." Leo glaubt zu wissen, warum die Leute geschimpft haben: "Sie fürchten sich vor der Zukunft. Sie wissen, dass noch mehr von uns kommen - und haben Angst, überrannt zu werden." Wenn alles laufe wie geplant, dann bewahrheite sich das ja auch. Dann gehört die Altstadt von Siegen bald nicht mehr den Alteingesessen, sondern den Studenten.

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kaynchill 28.10.2013
1. So beliebt ist Siegen nun auch nicht
Ich habe biel eher das Gefühl in Siegen landen die Studenten die ihr Wahlfach oder ihre Wahluni nicht bekommen haben und nun dort Religion und Deutsch auf Lehramt studieren. Von eben jenen Studenten höre ich aber auch immer wieder dass das Studentenleben in dieser Stadt nichts besonderes ist. Wäre schön wenn sich dahingehend was ändert, vll wird die Stadt dann wirklich beliebter.
berniu 28.10.2013
2. Ja nee, is klar:
"Leo Heun, 30, war bei dieser Runde dabei. Der Bachelor-Student..." "Als Bachelor-Student muss man morgens um 9 Uhr an der Uni sein. " LOL, ist schon der 11.11.?
spon-facebook-1293013983 28.10.2013
3. Göttingen
In Göttingen machen gerade die Studenten den Reiz aus. Wenn die O-Phasen feucht fröhlich durch die Straßen marodieren, wird es dem ein oder anderen vielleicht doch mal ein wenig zu bunt, aber generell habe ich gerade von Älteren gehört, dass sie die Lebendigkeit genießen. Man muss aber dazu sagen, dass es in Göttingen schon immer so war und die, die dorthin gezogen sind, schon wussten, was sie erwartet.
auweia 28.10.2013
4. Gefängnis statt Uni?
Zitat von sysopMatthias JungWas ist schlimmer als Verlieren? Siegen erfindet sich neu und macht aus der "City" einen Uni-Campus. Das könnte die Stadt retten, ist aber auch ein gewagtes Experiment. Einige Bürger fürchten studentische Saufgelage - und machen Stimmung gegen die Zugezogenen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/uni-campus-siegen-die-studenten-kommen-a-929142.html
Um die Sorgen der Anwohner ernst zu nehmen, könnte man es natürlich machen wie weiland in Celle. Der damalige Landesherr hatte angeboten, entweder eine Uni oder ein Gefängnis einzurichten. Die guten Bürger entschieden sich aus Angst um Ihre Nachtruhe (und ihre Töchter) für die ruhigere Alternative.
AkaSuzaku 28.10.2013
5.
Zitat von berniu"Leo Heun, 30, war bei dieser Runde dabei. Der Bachelor-Student..." "Als Bachelor-Student muss man morgens um 9 Uhr an der Uni sein. " LOL, ist schon der 11.11.?
Man sollte das "muss" durch ein "kann" ersetzen und darauf hinweisen, dass er dann schon mindestens eine halbe Stunde zu spät dran wäre..
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