Uni Delft Kurzschluss in Kaffeemaschine - Fakultät brennt ab

Ausgerechnet ihre Architektur wurde der Architektur-Fakultät der Delfter Uni zum Verhängnis. Erst gab es Wasser-, dann Feueralarm, am Ende lag das Gebäude in Schutt und Asche. Am Freitag beginnt der Abriss - unersetzbare Stücke einer Sammlung werden noch vermisst.

Von Anne Huschka


Rauchschwaden ziehen aus den schon scheibenlosen, verkohlten Fensterrahmen, wenig später stürzen die oberen Stockwerke mit dröhnendem Lärm in sich zusammen. Das Gebäude der Technischen Universität Delft in den Niederlanden liegt nun unter Aschebergen.

Es ist die Fakultät für Architektur und Bauingenieurwesen. Ein Teil davon: die baukundliche Bibliothek mit vielen Büchern, Zeichnungen und Karten, die es nur hier gibt. Oder gab. "Das ist die größte Katastrophe, die die Universitäten in den Niederlanden je erlebt haben", sagt Bildungsminister Ronald Plasterk wenig später, als er vor dem Gebäude steht.

Das Unglück begann am Dienstagmorgen um kurz nach 9 Uhr, erst mehr als 20 Stunden später war es unter Kontrolle. Zuerst zerbrach ein Wasserrohr auf der siebten Etage des Hochhauses am Berlageweg. Um 9.18 Uhr ging in der Notrufzentrale die Meldung ein. Das auslaufende Wasser sickerte durchs Gemäuer und tropfte eine Etage tiefer in einen Kaffee-Automaten. Dort verursachte es einen Kurzschluss, kurz darauf war in der Notrufzentrale nicht mehr die Rede von Wasser-, sondern von Feueralarm.

Brand erst nach einem Tag unter Kontrolle

Die Fakultät, in der sich nach Angaben der TU Delft zum Zeitpunkt des Ausbruchs 200 bis 300 Menschen befanden, wurde umgehend geräumt. "Die Räumung verlief vorbildlich", so der Dekan Wytze Patijn. Es gab keine Verletzte. Von draußen mussten Studenten, Mitarbeiter und wenig später auch die Feuerwehr nun mit ansehen, wie die Fakultät nach und nach den Flammen zum Opfer fiel.

Zunächst versuchten die Feuerwehrleute noch, den Brand zu bekämpfen. Schnell stellte sich heraus, dass der Bau einsturzgefährdet war - sie mussten das Haus verlassen. Von außen konnten sie das Feuer, das sich zunächst in den oberen Stockwerken ausbreitete, nicht löschen. Am Nachmittag sackten die oberen der 13 Stockwerke ächzend in sich zusammen, unten brannte es jetzt ebenfalls. Erst am Mittwochmorgen, einen Tag nach dem Kurzschluss, hatte die Feuerwehr den Brand unter Kontrolle. Oberhalb des dritten Stocks ist das Gebäude vollständig zerstört.

"Wie kann es sein, dass ein 13-stöckiges Gebäude durch einen Kurzschluss im Kaffee-Automaten abbrennt?", fragt die Zeitung "de Volkskrant". Nach Angaben der Universität erfüllte das Gebäude die Brandvorschriften. Offenbar wurde ausgerechnet ihre Architektur der Fakultät für Architekten und Bauingenieure zum Verhängnis: Der Entwurf des Gebäudes stammt aus den sechziger Jahren und stützt sich größtenteils auf einen zentralen Turm, in dem unter anderem die Aufzüge sind.

Trotz Einsturzgefahr rettet Feuerwehr seltene Stücke

Ben Ale, Professor für Katastrophenschutz und Sicherheit, sagte der Zeitung: "Das Pech ist, dass genau dort am Turm der Brand begann. Nur von innen hätte man ihn bekämpfen können." Aber das war wegen der Einsturzgefahr schon knapp zwei Stunden nach Ausbruch nicht mehr möglich. Zudem gab es wohl im Gebäude viele schnell brennbare Materialien - eben alles, was Architekturstudenten so brauchen, um beispielsweise Modelle zu bauen: Holz, Kleber, Kunststoff, Papier.

Just zur Brandzeit standen in der Fakultät zahlreiche unersetzliche Modelle. Am Freitag sollte hier eine öffentliche Ausstellung eröffnet werden, für die Modelle der Architekten Le Corbusier, Frank Lloyd Wright und Adolf Loos aus anderen Instituten nach Delft gebracht worden waren. Außerdem befand sich eine Sammlung berühmter Stühle im Haus, darunter Unikate der Designer Gerrit Rietveld, Jean Prouvé und Pieter Oud, von denen manche auf etwa 100.000 Euro geschätzt werden.

Mittwochmorgen begannen Feuerwehrleute zu retten, was noch zu retten war. Als sie rund 200 Stühle und 80 Modelle ins Freie trugen, waren Professoren, Dozenten und Studenten erleichtert, bangen aber noch um die umfangreiche Bibliothek und die Kartensammlung. Sie befinden sich im Erdgeschoss und ersten Stockwerk, also in keiner der eingestürzten Etagen - aber die Einsturzgefahr ist hoch. Noch nicht gesucht werden konnten daher 40.000 zum Teil sehr seltene Bücher und Zeitschriften, außerdem handgezeichnete antike Landkarten und Stücke aus dem Delfter Technikmuseum.

Die Reste des Gebäudes bleiben vorerst weiträumig abgesperrt. Am Freitag wird nun keine Ausstellung eröffnet, sondern mit den Abrissarbeiten begonnen. Gleichzeitig werden auf dem Sportplatz der TU Delft mehrere Zelte aufgebaut, in denen die Studenten nun weiter lernen. Ihr Thema: Wie entwirft man einsturzsichere Gebäude?



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