Erschöpfter Uni-Dozent Schafft die Hausarbeiten ab!

Die Studenten quälen sich beim Schreiben, die Dozenten beim Lesen. Hausarbeiten sind für alle Beteiligten eine Qual. Hören wir doch einfach auf damit, fordert Schulpädagoge Christoph Tipker.
Studentin bei der "Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten" (Archivbild)

Studentin bei der "Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten" (Archivbild)

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Zur Person
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Christoph Tipker (Jahrgang 1986) hat in Münster und Oldenburg Evangelische Religion und Deutsch studiert und lehrt seit 2010 Schul- und Religionspädagogik an verschiedenen Universitäten in Nordwestdeutschland. Derzeit ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter der TU Braunschweig in der Lehrerbildung tätig.

Es ist der letzte Freitag im Semester. 112 studentische Hausarbeiten stapeln sich auf, neben und unter meinem Schreibtisch. 40 weitere stehen noch aus, eine davon kommt von Kristina. Schnappatmend, blass und mit blutunterlaufenen Augen schleppt sie sich in mein Büro, um sie persönlich abzugeben. Es sei schon ihre achte in diesem Semester, sagt sie. Jetzt könne sie "endlich einmal in Ruhe krank sein". Und dann: "Ich möchte nie wieder eine Hausarbeit schreiben!" Ich schaue sie an, sage nichts. Und denke: Du hast so recht. Hausarbeiten sind eine Qual. Für die Studenten. Und für die Dozenten.

Die Hausarbeit entstand im späten 18. Jahrhundert als Aufnahmeritual: Nur besonders begabte Studenten wurden damit in die neu entstehende Kultur der Seminare aufgenommen. Das Verfassen einer Hausarbeit galt außerdem als Krönung des Seminarbesuchs. Durch den Schreibprozess sollten die Studenten neue Erkenntnisse und Haltungen entwickeln.

Doch bereits im späten 19. Jahrhundert mehrten sich die Klagen über nachlassende studentische Leistungen, expandierte die gut gemeinte Ratgeberliteratur und etablierten sich erste Begleitangebote zum wissenschaftlichen Schreiben.

Mittlerweile haben Hausarbeiten nichts mehr mit der Sehnsucht nach neuen Erkenntnissen zu tun. Sie sind nur noch Mittel zum Zweck, weitere Punkte, die auf dem langen Weg zur angestrebten Qualifikation abgehakt werden müssen. Und sie rauben den Studenten die Luft zum selbstständigen Atmen. Krampfhaft versuchen sie, alle Vorgaben zu erfüllen. Seitenlang kündigen sie an, was nun als Nächstes im Kapitel komme - und am Ende kommt gar nichts, und schon gar nichts Neues. Im besten Fall referieren sie, was ohnehin schon bekannt ist.

Schreiben für die Schublade

Klar gibt es sie auch, die inspirierenden und geistreichen Hausarbeiten. Über die freue ich mich wie über einen Dreier im Lotto. Den lande ich nämlich auch zwei- bis dreimal im Jahr.

Hausarbeiten bedürfen der Illusion, Studenten seien bereits Forscher und nach den Maßstäben des Forschungsdiskurses zu bewerten. Aber wie sollen junge Menschen, die kaum über fachlich und interdisziplinär relevantes Vorwissen verfügen, geistreiche und experimentelle Schriften verfassen? Besonders gelungene Beispiele werden ihnen als Muster vorlegt - aber sie zaubern nichts als Schweißperlen in die Mehrheit der Gesichter.

Viel sinnvoller wäre es doch, die Studenten erst einmal Rezensionen über Basisliteratur ihres Fachs verfassen zu lassen. So würden sie lernen, wie man korrekt zitiert und den Konjunktiv verwendet - und sich nebenbei Fachwissen aneignen.

In meinem Unterricht bewährt hat sich auch das Konzept eines Lerntagebuchs. Dort tragen die Studenten am Anfang des Semesters ein, was sie sich von meinem Kurs erhoffen, was sie erreichen wollen. Dann suchen sie sich drei bis fünf Sitzungen aus, die sie intensiv nacharbeiten, mit Literatur ihrer Wahl. Die Ergebnisse fassen sie auf maximal zwei Seiten zusammen. Am Ende des Semesters wird in einer gemeinsamen Runde ein Fazit gezogen: Wurden die persönlichen Ziele erreicht? So bleibt viel mehr hängen als mit dem Verfassen einer Hausarbeit zu einem von mir vorgegebenen Thema. Und ich bekomme nebenbei wertvolles Feedback.

Miteinander zu reden, finde ich viel sinnvoller, als sich gegenseitig Schriften in die Hand zu drücken. Sich auf ein Referat oder eine mündliche Prüfung vorzubereiten, ist auch eine wissenschaftliche Leistung - und sie erfordert nicht weniger Mühe als die Vorbereitung einer Hausarbeit. Der Unterschied ist, dass die Hausarbeit in der Schublade landet - und der mündliche Vortrag zu einer Diskussion wird, die wertvoller und gewinnbringender ist als jede qualvolle Lektüreminute.

Schafft die Hausarbeit einfach ab! Es ginge uns nichts verloren.

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