Zu hohe Formalinwerte Uni Frankfurt stoppt Präparierkurse für Medizinstudenten

Medizinstudenten der Uni Frankfurt müssen vorerst auf die Arbeit an Spenderkörpern verzichten. Die Hörsaallüftung arbeitet unzureichend, der Leichenkonservierungsstoff Formalin in der Luft übersteigt die zulässigen Grenzwerte.

Dieser Geruch! Studenten untersuchen den Verlauf von Nervenbahnen in einem Sektionssaal der Frankfurter Uni-Klinik (Archivbild)
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Dieser Geruch! Studenten untersuchen den Verlauf von Nervenbahnen in einem Sektionssaal der Frankfurter Uni-Klinik (Archivbild)

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Schön war der Anblick nicht: Ein toter Mann auf einem Metalltisch, am Bauch hatte die Leiche blaue Flecken an den Stellen, an denen die Ärzte mit Spritzen eingestochen hatten. Haut, Gewebe und Muskeln trennten die Erstsemester-Studenten ab.

Die blauen Flecken von der anderen Seite zu sehen, das geronnene Blut im Gewebe - das sei für ihn absolut faszinierend und lehrreich gewesen, berichtet ein 28-jähriger Frankfurter Medizinstudent über seinen ersten Präp-Kurs im vergangenen Herbst. "Der Kurs ist nicht schön, aber es gab doch einen deutlichen Lernzuwachs."

Im laufenden Sommersemester müssen er und seine Kommilitonen vorerst auf die Arbeit an Leichen verzichten. Der praktische Folgekurs zum Thema innere Organe wurde gestrichen, genau wie alle anderen Präparierveranstaltungen. Rund 500 Medizinstudenten und 100 Zahnmediziner lernen Anatomie derzeit nicht mehr an Leichenteilen, sondern aus Büchern und an Modellen.

Der Grund: Seit März gilt bundesweit für Arbeitsstätten ein strengerer Grenzwert für Formalin. Das Bundesinstitut für Risikobewertung stuft die Formalindämpfe als krebserregend ein. Mit dem Mittel werden die Körperspenden für die Präparierkurse konserviert. Bei den Veranstaltungen im Frankfurter Hörsaal wird der neue Grenzwert regelmäßig überschritten.

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Der süßlich-stechende Geruch, der in den meisten Präpariersälen der Uni-Anatomien hängt, ist per Definition zu einer Gefahr geworden, die das Medizinstudium auf den Kopf stellt. Die Frankfurter Studenten wollen das nicht einfach hinnehmen. Sie fordern mittels Petition, weiter an Leichen arbeiten zu dürfen. Anatomieprofessor Horst-Werner Korf weiß von Studenten, die ihm sogar schriftlich erklären wollen, dass sie sich freiwillig der hohen Formalinbelastung aussetzen würden, um weiter präparieren zu dürfen. Doch ihm seien die Hände gebunden, sagt Korf. "Wir müssen die Veranstaltungen so anbieten, dass sie rechtskonform sind."

Dass die strenge Regelung kommt, wussten die Mediziner in Frankfurt. Seit 2009 habe man die Formalinbelastung in den Räumen regelmäßig gemessen, so Korf. Immer wieder habe er die Uni-Leitung auf das Problem hingewiesen. Das Gebäude stamme aus dem Jahr 1955, "da kommt die Lüftung nicht mehr mit", sagt Korf. Vor allem nicht, wenn ein Präparierkurs nach dem nächsten den für 150 Studenten angelegten Saal belegt.

Andere Hochschulen haben das Formalinproblem auch kommen sehen und entsprechend reagiert. Die Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Nürnberg-Erlangen beispielsweise wurde Ende 2014 von den Behörde wegen hoher Formalinwerte in der Raumluft ermahnt. "Das Land und die Universität haben dann kurzfristig und unter sehr großem Ächzen ob der finanziellen Zusatzbelastung einen Umbau des Präpariersaals zum jetzigen Sommersemester ermöglicht, sodass jetzt der Grenzwert eingehalten wird", sagt Friedrich Paulsen, Anatomieprofessor am Institut für Anatomie der FAU. "So etwas ist in der Vergangenheit an mehreren Universitäten vorgekommen."

Warum hat Frankfurt nichts getan? Offenbar hatte die Uni-Leitung geglaubt, das Problem ließe sich ohne Mehrkosten lösen. Die Professoren hätten mit einer geringeren Konzentration der Formalinlösung experimentiert, doch ausreichend war das offenbar nicht. Nun will die Uni doch "bauliche Maßnahmen" ergreifen. Dafür sei wohl ein Millionenbetrag nötig, sagte ein Uni-Sprecher. Wann die Arbeiten beginnen, ist offen.



insgesamt 21 Beiträge
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Untertan 2.0 21.04.2015
1. Frankfurt eben
Dafür hat die Uniklinik eine schicke neue Fassade. Mann muss einfach Prioritäten setzen.
herumnöler 21.04.2015
2. Neue Weinerlichkeit
Ich hab mal in den 1960er Jahren Chemie studiert, da hat sich noch niemand um Grenzwerte gekuemmert, und das hat dem Studium gutgetan. Doch damals ist mir schon die Weinerlichkeit der Medizin-Studenten aufgefallen: Bloss kein Risiko eingehen, moeglichst einfach sich durchs Studium schlaengeln.
88722786 21.04.2015
3. Wow..
Zitat von herumnölerIch hab mal in den 1960er Jahren Chemie studiert, da hat sich noch niemand um Grenzwerte gekuemmert, und das hat dem Studium gutgetan. Doch damals ist mir schon die Weinerlichkeit der Medizin-Studenten aufgefallen: Bloss kein Risiko eingehen, moeglichst einfach sich durchs Studium schlaengeln.
Sie machen ihrem Namen wirklich alle Ehre. Direkt der zweite Beitrag wieder jämmerliches Rumgenörgel, alle Achtung.
faden 21.04.2015
4. @herumnöler (nomen est omen?)
Und im Chemiestudium in den 60ern hat man man das Lesen von Quelltexten dann wohl nicht gelernt? Es steht doch dort, dass gesetzliche Grenzwerte überschritten werden und die Medizinstudenten eben nicht weinerlich sind, sonder die Fortsetzung der Ausbildung beantragen...
peterbuske 21.04.2015
5. Richtig so
Ich kann mich noch gut an meine Präparierkurse vor ein paar Jahren erinnern (nicht in Frankfurt) - besonders im Sommer unter den Flutlichtern und mit dem Kopf direkt über dem Präparat war die Luftqualität unzumutbar. Luftwerte wurden damals nicht gemessen und heute möchte ich sie auch garnicht mehr wissen. Darum recht so: warum soll Arbeitsschutz bitte an den Universitäten nicht gelten?
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