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Beratung hinter Stacheldraht: Die Angst vor Besetzung

Foto: Universität Frankfurt/Schulpraktische Studien

Uni-Anmeldung in Frankfurt Studienberatung hinter Stacheldraht

Aus Angst vor Besetzern wurde an der Uni Frankfurt ein Gebäude verbarrikadiert und mit Stacheldraht gesperrt. Mitarbeiter Andreas Hänssig wollte trotzdem für seine Studenten da sein, deswegen setzte er sich ins gläserne Foyer und sprach durch einen Türspalt. Wie funktioniert Beratung unter Belagerung?

SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiten an der Uni Frankfurt im Büro für Schulpraktische Studien. Normalerweise kommen Studenten zu Ihnen ins Büro, vergangene Woche aber saßen Sie in einem Glaskasten und kommunizierten durch verschlossene Türen. Ein Video zeigt, wie Sie Zettel durch den Türschlitz rein- und rausschoben. Was war da los?

Hänssig: Der Turm, in dem wir arbeiten, liegt in der Nähe vom "Institut für vergleichende Irrelevanz" - ein ehemaliges Uni-Gebäude, das Studenten zehn Jahre lang besetzten, am Montag vergangener Woche wurde es geräumt. Es gab vermutlich die Sorge, dass der Turm als Ausweichquartier besetzt werden könnte. Schließlich steht er bald leer, weil die Uni umgezogen ist: 38 Stockwerke hat der Turm, nur wir arbeiteten zurzeit noch in der ersten Etage. Deswegen wurde das Gebäude präventiv gesichert.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt?

Hänssig: Von innen ist das Erdgeschoss komplett mit Stacheldraht geschützt.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht etwas übertrieben?

Hänssig: Ich war selbst überrascht von der Maßnahme, und ich weiß auch nicht, wer die Idee dazu hatte. Es ist sicherlich kein angenehmes Gefühl, morgens vorbei an Stacheldraht zur Arbeit zu gehen. Aber wenn man die Geschichte des Hauses berücksichtigt, ist diese Reaktion vielleicht verständlich: Ich arbeite seit 20 Jahren hier und habe schon mehrere Turmblockaden miterlebt. Bei Streiks gegen Studiengebühren beispielsweise hatten Studenten das Gebäude schnell besetzt und den Unibetrieb lahmgelegt.

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SPIEGEL ONLINE: Haben Sie am Montag überhaupt etwas von der Räumung des "Instituts für vergleichende Irrelevanz" mitbekommen?

Hänssig: Ja, die sechsspurige Straße, die den Campus Bockheim teilt, war zum Teil gesperrt und viele Polizisten sicherten das Institutsgebäude in direkter Nachbarschaft. Phasenweise standen auch Polizisten vor unserem Turm. Sie haben sich aber sehr zurückgehalten und keinen Streit provoziert. Am Vormittag demonstrierten dann etwa hundert Personen vor der Tür, die vermutlich mit dem Institut sympathisieren. Sie wollten den Turm wohl tatsächlich besetzen. Deswegen wurde er komplett geschlossen, vorher stand noch eine Tür offen.

SPIEGEL ONLINE: Und warum setzten Sie sich in den gläsernen Eingangsbereich des Gebäudes?

Hänssig: In der Woche konnten sich Lehramtsstudenten für ihr Schulpraktikum anmelden. Wir wussten nicht, wie lange der Turm geschlossen bleiben würde, deswegen habe ich mich kurzerhand entschlossen, die Anmeldungen im Glaskasten entgegenzunehmen. Mir war sehr wichtig, für unsere Studenten da zu sein. Sie sollten nicht Leidtragende der Blockade sein.

SPIEGEL ONLINE: Nett von Ihnen. Wie haben die Studenten reagiert?

Hänssig: Zunächst waren sie verunsichert, aber dann sehr dankbar, dass sie sich trotzdem anmelden konnten. 182 Anmeldungen haben wir an dem Tag entgegengenommen.

SPIEGEL ONLINE: Es hat sich niemand aufgeregt?

Hänssig: Auf keinen Fall. Sie wussten ja, dass wir uns nicht verbarrikadieren, weil wir Angst vor den Lehramtsstudenten haben.

SPIEGEL ONLINE: Und wie haben Sie sich gefühlt?

Hänssig: Etwas unangenehm war es in dem Glaskasten und zugig. Deswegen hatte ich auch meine Lederjacke an und eine Kollegin hat mir einen Schal gegeben, damit ich mich nicht erkälte. Ich musste auch einige Studenten beraten, weil sie beispielsweise nicht alle Dokumente dabei hatten. Es tat mir leid, das öffentlich tun zu müssen. Aber ich habe es in Kauf genommen.

SPIEGEL ONLINE: Die Räumung liegt jetzt ein paar Tage zurück. Hat sich inzwischen alles wieder normalisiert?

Hänssig: Na ja, der Stacheldraht war auch danach noch da, und es war nur eine Tür geöffnet. Von daher habe ich mich auf den Umzug und das neue Gebäude sehr gefreut.

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Das Interview führte Frauke Lüpke-Narberhaus

Anmerkung der Redaktion: Die Uni Frankfurt weist darauf hin, dass nicht sie den Turm sichern lassen hat, sondern das habe der neue Besitzer des Gebäudes veranlasst.

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