Uni Göttingen Krieg der Wissenschaftler

Nazi-Vergleiche, angebliche Lügen, meuternde Professoren und Studenten - das Klima an der Göttinger Uni ist mehr als frostig. Uni-Präsident Figura sieht die Politologie als "Schwachstelle" und will sie "ausmerzen". Drei renommierte Forscher laufen Sturm.

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Es dauert lange, bis das Feindbild Gestalt annimmt. Zentimeter für Zentimeter gräbt sich die kleine Motorsäge durch das Brett. Liebevoll feilt die junge Studentin an den Gliedmaßen der Holzfigur, die später den Präsidenten der Göttinger Uni verkörpern soll. "Figura absägen", steht auf einem Plakat, das im Wind flattert.

Vor der Sozialwissenschaftlichen Fakultät bereitet ein Dutzend Studenten die nächsten Proteste vor. "Figura muss zurücktreten", fordert Michael Wudi. Der Geographie- und Soziologiestudent pinselt gerade emsig, damit auch Schlips und Kragen bei den Holzfiguren passen - bei der Demo soll beim "Absägen" nichts schief gehen.

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Protest gegen den Präsidenten: Zoff in Göttingen

Vier Lehrstühle hat das Göttinger Seminar für Politikwissenschaft bisher, dazu eine Juniorprofessur und eine Hochschuldozentur. Vor knapp einem Monat gab Uni-Präsident Kurt von Figura bei einer Fakultätsversammlung vor Hunderten Studenten bekannt, zwei der vier Lehrstühle streichen zu wollen - teils sollen sie nicht wieder besetzt, teils zu den Soziologen verschoben werden. In Göttingen bliebe für die Wissenschaftler die Lehramt-Ausbildung, aber kaum noch Forschung, während die Politologie in Hannover wachsen solle.

Seitdem reißen die Proteste nicht ab. Figura begründete die Institutsabwicklung mit angeblicher "Profillosigkeit" und "mangelnder Entwicklungsfähigkeit". Die Göttinger Politikforscher seien eben nur "Durchschnitt". Tausend Studenten marschierten deshalb und wegen der ebenfalls anstehenden Schließung der Pädagogik und Sportwissenschaften durch die Stadt; einige Dutzend besetzten das Präsidium.

Das böse Wort vom "Ausmerzen"

Bei Experten löste Figuras Kritik angesichts des hohen Ansehens der Göttinger Politologen nur Kopfschütteln aus. Dort sind drei wichtige Köpfe ihrer Zunft versammelt: Die Parteienforscher Franz Walter und Peter Lösche sowie Islam-Experte Bassam-Tibi haben lange Publikationslisten und sind in den Medien überaus präsent. Doch gerade diese Umtriebigkeit münzte Figura in einen Vorwurf um und sprach abschätzig von "Feuilletonpolitologen", denen es an wissenschaftlicher Exzellenz und Kooperationsbereitschaft mangele.

Für Empörung sorgte vor allem die Äußerung Figuras, das Institut sei eine "Schwachstelle" und müsse "ausgemerzt" werden. Auch wenn er die Wortwahl umgehend bedauerte, der Skandal war da.

"Dieser Sprache bedienten sich auch die Nazis", sagt der renommierte Göttinger Orientalist Bassam-Tibi, der lange in Harvard lehrte und dessen 30 Bücher in 16 Sprachen übersetzt wurden. Als "Semit" wolle er jedenfalls nicht "biochemisch ausgemerzt werden", zürnt der Politologe. Parteienforscher Peter Lösche fordert sogar den Präsidenten-Rücktritt. Bei Figuras "Nazi-Deutsch" laufe es ihm kalt den Rücken herunter. "Meine Eltern waren beide im KZ", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE sichtlich bewegt.

Die Politologen sind schwer gekränkt, weil Figura Zweifel an ihren Leistungen streut - eine Frage der akademischen Ehre. Die "FAZ" brandmarkte seinen Führungsstil als "Präsidialregime", laut Göttinger Asta erzeugt er ein "Klima der Angst". Wer ist dieser Präsident, der von Zeitungen als kalter, gefühlloser Naturwissenschaftler dämonisiert wird, den ein wissenschaftlicher Mitarbeiter als "arroganten Apparatschik" bezeichnet?

Die "Feuilletonpolitologen" schlagen zurück

Kurt von Figura residiert am Willhelmsplatz, mitten in der malerischen Göttinger Altstadt. "Vieles, was geschrieben wurde, hat der Präsident gar nicht gesagt", ärgert sich Uni-Sprecherin Marietta Fuhrmann-Koch, die aufmerksam jedes Wort des Chefs notiert. Manche Journalisten hätten über "Herrn von Figura berichtet, ohne jemals mit ihm zu sprechen".

Figura verschanzt sich nicht hinter dem Tisch, sucht die Nähe im Gespräch, wirbelt gelegentlich mit den Armen wie ein Windrad durch die Luft. Er wünsche sich "eine Versachlichung der Debatte", versichert er, "doch die Gegenseite ist daran nicht interessiert". Seine Stimme wird lauter: Es sei nun einmal so, dass die bisherigen Schwerpunkte der Politikwissenschaften schwierig zusammenpassen würden.

"Das Fach hat nicht die Substanz, um zu internationalem Renommee zu gelangen", sagt er. Es sei sinnvoller, die Soziologie auszubauen. Dass dort eine breite Mehrheit erst kürzlich zusätzliche Lehrstühle auf Kosten der Politologen ablehnte - man fürchtet, trotz aller Treue-Beteuerungen das nächste Opfer der Sparpolitik zu werden - sieht Figura gelassen: Er sei optimistisch, gemeinsam mit der Fakultät "ein Konzept hinzubekommen, das mit den Gegebenheiten richtig umgeht". Sein Lächeln verrät, dass nur ein Konzept diesen "Gegebenheiten" entspricht: das eigene.

"Die Landesregierung und das zuständige Fachministerium stärken mir den Rücken", sagt Figura. Seine Position bleibt: "Schwachstellen können wir uns nicht leisten." Er bedaure die Verwendung des Begriffs "ausmerzen" - bei den Professoren entschuldigen werde er sich aber nicht.

Figura wird nicht müde, bei seiner Kritik auf die Wissenschaftlichen Kommission Niedersachsen zu verweisen. Die WKN prüft die Effizienz und Qualität der Unis im Auftrag der Landesregierung. "Das ist nicht meine Meinung, ich folge dem Rat unabhängiger Experten."

"Wenn der Präsident behauptet, wir seien Durchschnitt, lügt er"

Doch wer den offiziellen 110-Seiten-Bericht liest, kommt zu einem anderen Schluss: Die Kommission bescheinigt den Göttingern, sie hätten in Niedersachsen "die relativ besten Aussichten, in Zukunft - vor allem durch die Einbeziehung vergleichender Forschungsansätze - mehr internationale Sichtbarkeit zu gewinnen". Auch WKN- Generalsekretär Mathias Petzold widerspricht Figuras Auslegung: "Den Abbau von Professorenstellen oder eine Schließung des Instituts gibt der Bericht nicht her." Im Gegenteil empfehlen die Gutachter indirekt sogar eine Aufstockung. So sollten zukünftig "die Fächer Politische Theorie, Innenpolitik und Internationale Beziehungen angemessen repräsentiert werden". In dieser Frage sei "das letzte Wort noch nicht gesprochen", sagte Petzold SPIEGEL ONLINE.

Politikforscher Walter findet harte Worte: "Wenn der Präsident behauptet, wir seien Durchschnitt, lügt er", poltert er. Auf seinem Büroschreibtisch stapeln sich Mappen und Akten. "Wegen der ganzen Unruhe bleibt sogar die Forschungsarbeit zum Teil liegen", erklärt er.

Als er vor einigen Tagen mit seinen Studenten und Doktoranden beim Fußballspielen war, freute er sich über deren Solidarität. "Da sagt keiner: Nach mir die Sintflut. Die kämpfen um ihren Studiengang." Walter befürchtet ein Ausbluten seines Fachs. "Keine Magisterstudenten, keine Doktoranden, keine Forschung und damit auch keine Drittmittel", folgert der Professor, der häufig Gastbeiträge für zahlreiche Tageszeitungen, Wochenmagazine und Webseiten schreibt. Auch bei SPIEGEL ONLINE und im SPIEGEL erschienen Analysen von Walter, zuletzt verstärkt im Umfeld der Bundestagswahl.

Walter ist überzeugt, dass dem Naturwissenschaftler Figura "das Verständnis für die Geisteswissenschaftler" fehle. Er deutet auf seine teils mit eigenen Standardwerken wie "Die SPD - vom Proletariat zur Neuen Mitte" gefüllten Regale: "Wer eine Dissertationen mit zwei Dutzend Seiten schreibt, hat vielleicht nicht das Verständnis für den Wert längerer politikwissenschaftlicher Bücher." Besonders ärgert Walter der Führungsstil des Präsidenten: Figuras Bekundungen, die von den Kürzungsplänen betroffenen Institute seien in die Planungen eingebunden, seien Worthülsen. "Das geschieht alles über unsere Köpfe hinweg."

Unklare Rolle der Landesregierung

Peter Lösche klagt ebenfalls über "fehlende Diplomatie": "Ein Uni-Präsident muss wie der Bürgermeister einer Kleinstadt regieren. Die Qualifikationen hat er nicht." Falls Göttingens Politologen tatsächlich abgewickelt werden, bangt Lösche auch um seinen persönlichen Ruf. "Auch im Ausland nimmt man diese Diskussion zur Kenntnis", sagt der Professor, der unter anderem für das "Wall Street Journal" und die "New York Times" politische Analysen erstellt hat.

Lösche wird demnächst in den Ruhestand gehen, auch bei Tibi ist die Altersgrenze nicht mehr fern. Und Walter droht, ähnlich wie manche protestierenden Studenten, Göttingen zu verlassen, falls Figuras Pläne umgesetzt werden. Figura scheint das nicht zu stören. "Es ist nicht ungewöhnlich, wenn die besten Köpfe Angebote von anderen Unis erhalten", sagt der Präsident, der sonst gern "das Mittelmaß" der Göttinger Politologen hervorhebt.

Die Politologen hoffen trotz aller Beschwörungen der "Hochschulautonomie" durch das Wissenschaftsministerium auf Hilfe der Landesregierung. "Herr Wulff muss seinen Worten jetzt Taten Folgen lassen", sagt Walter, der vom CDU-Ministerpräsidenten in jüngster Zeit in höchsten Tönen gelobt wurde. Indes soll in Osnabrück, Christian Wulffs Heimatstadt, ein neues Zentrum für Parteienforschung unter Federführung des eher konservativen Juristen Jörn Ipsen entstehen - was allerlei politische Spekulationen nährt, dass Christian Wulff die linken Göttinger Politologen austrocknen wolle.

Die Zeit drängt, um den Uni-Präsidenten noch zum Einlenken zu bewegen. Die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge steht an. Figura spricht von einer endgültigen Entscheidung bis spätestens März 2006. Bis dahin werden die Studenten ihren Präsidenten längst "abgesägt" haben - zumindest symbolisch.



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