Streit über neuen Hochschulpräsidenten Lehrstück aus Göttingen

An der Universität Göttingen läuft die Suche nach einem neuen Präsidenten komplett aus dem Ruder. Der Streit offenbart, was so viele Hochschulen gerade umtreibt: Was wollen sie sein, wie wollen sie regiert werden?

Aula der Georg-August-Universität: Schauplatz eines Richtungsstreits
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Aula der Georg-August-Universität: Schauplatz eines Richtungsstreits

Eine Analyse von Christine Prußky


Die amtierende Chefin abgesägt, ihr Nachfolger vergrault: Die Universität Göttingen macht vor, wie die Suche nach einem Hochschulpräsidenten schiefgehen und in einen grundsätzlichen Richtungsstreit münden kann: Wer soll die Universität führen? Von wem wollen sich die Professoren führen lassen? Und wie sehr wollen sie sich überhaupt führen lassen?

Der Ausgang ist ungewiss. Fest steht: Nach der Absage des designierten Unipräsidenten Sascha Spoun am Mittwoch ist die Lage längst nicht befriedet. Am Donnerstag folgte ein weiterer Rückzug aus der Riege der Verantwortlichen. Wilhelm Krull, Vorsitzender des Stiftungsrates und -ausschusses, verkündete, er gebe diese Ämter auf.

Krull, hauptamtlich Generalsekretär der Volkswagenstiftung, war Vorsitzender der Findungskommission zur Kandidatur von Spoun. In dieser Funktion war er zuletzt immer stärker in die Kritik geraten, so hatten fünf Senatoren der Georg-August-Universität in Göttingen seinen Rücktritt gefordert. Dem gab er nun nach.

Er ziehe "persönliche Konsequenzen aus der aus formalrechtlichen Gründen gescheiterten Berufung" Spouns, teilte Krull mit und räumte Fehler ein. Er bestätigte, die Findungskommission habe "einzelne Auswahlschritte nicht komplett schriftlich dokumentiert". Das gelte insbesondere für die Bewertung der Bewerber. "Wir haben nach einem Ampelsystem gearbeitet." Und "Grün" habe letztlich nur Sascha Spoun erreicht, sagte Krull im Gespräch mit dem SPIEGEL.

Neues Verfahren, neue Bewerbung

Die formalen Fehler nachträglich auszubügeln, wäre eine Option gewesen. Doch darauf wollte sich der Akademische Senat bei einer Sondersitzung am Dienstag nicht einlassen, sondern das Verfahren neu aufrollen, wie Krull sagt. In diesem Verfahren hätte sich Sascha Spoun dann neu bewerben können. Der äußerte sich dazu nicht, mag das aber als Zumutung empfunden haben, der er mit seiner Absage nun entging.

Dass der Streit um die Personalie eskalieren könnte, bahnte sich schon vor zwei Monaten an. Da schlug die Findungskommission dem Senat Spoun als einzigen Bewerber zur Wahl vor. Formal ist das korrekt. Das niedersächsische Hochschulgesetz lässt Findungskommissionen in diesem Punkt freie Hand, sie können mehrere Kandidaten vorschlagen, müssen es aber nicht.

Die Festlegung auf Spoun als einzigen Wahlvorschlag wollten Kritiker jedoch nicht hinnehmen, zumal es zunächst widersprüchliche Aussagen dazu gab, ob er als Berater der Kommission tätig gewesen war. In einer Protestnote monierten 49 der insgesamt 471 Göttinger Professoren in sieben Punkten unter anderem einen Verstoß gegen "elementare, demokratische Usancen", stellten Spouns Qualifikation für das Amt infrage und forderten Krulls Rücktritt als Stiftungsratsvorsitzender.

Einige Zeit später wurde beim Verwaltungsgericht die Klage eines Konkurrenten um das Präsidentenamt angekündigt, der sich den Angaben zufolge kurz darauf wohl ein weiterer aussortierter Bewerber anschließen wollte. Ob es wirklich zu der Klage gekommen und wie sie ausgegangen wäre, ist Spekulation.

Die Universität selbst schrieb in einer Mitteilung jedoch, "die zuständigen Gremien werden über notwendige Schritte für eine rechtssichere Entscheidung zum Präsidentschaftsverfahren beraten". Spouns Rücktritt ließ sie unkommentiert, Krull dankte man für die "vertrauensvolle Zusammenarbeit".

Welche Hierarchien sind zeitgemäß?

Geht es in dem Streit also vor allem um Formalien? Zweifel sind angebracht. Die Auseinandersetzung um die Präsidentschaftswahl offenbart einen Richtungsstreit, der seit Jahren an der Universität schwelt. Dabei geht es nicht nur um inhaltliche Schwerpunkte, sondern um Fragen, die derzeit auch andere Hochschulen umtreiben:

Was ist die Idee der Universität? Was soll sie sein, wie soll sie regiert werden? Welche Hierarchien und Entscheidungsmechanismen sind zeitgemäß?

"Es geht um Macht und Einfluss, die Lehrstuhlinhaber zu verlieren drohen", sagt ein Kenner der Hochschulszene dem SPIEGEL hinter vorgehaltener Hand. Ein anderer erklärt: "In Göttingen wird um die Ordinarien-Universität gekämpft und darüber gestritten, wie sie im 21. Jahrhundert aussehen könnte".

Vor diesem Hintergrund lässt sich auch der Widerstand gegen Sascha Spoun verstehen. Der Deutsch-Schweizer gilt als Wissenschaftsmanager, der Reformen vorantreibt, für Profilbildung und Kooperationen steht. "Die Voraussetzungen und Spielregeln" in der Wissenschaft hätten sich geändert, sagte er bei der Ansprache nach seiner Wahl, "daher reicht es für die Reputation von Göttingen nicht, das einst Erfolgreiche lediglich zu bewahren".

"Radikaler Neustart nötig"

Für die Mehrheit der Professoren an der Universität, die bereits 14 Nobelpreise einheimste, bei Exzellenzwettbewerben zuletzt jedoch weit hinter ihren eigenen Erwartungen zurückblieb, war Spoun mit solchen Sätzen zum Hoffnungsträger geworden. Sie hat ihn gewählt. Anderen dagegen stieß sein Stil bitter auf, darunter Thomas Kaufmann, der zu den vier namentlich genannten Unterzeichnern der Protestnote gehört.

Die Universität Göttingen brauche Transparenz und Partizipation, sagte der Theologieprofessor dem SPIEGEL. Auch personell sei ein "radikaler Neustart" nötig - mit einer "komplett neuen Mannschaft" und einer Präsidentin oder einem Präsidenten an der Spitze, die "jenseits des unakademischen Hierarchiemodells als primus inter pares", also als Erster unter Gleichen, agiere.

Der Rückzug von Krull und Spoun reicht Kaufmann nicht. Personelle Konsequenzen müssten alle ziehen, "die unsere Rückfragen wegen des Verfahrens abgewiesen und für illegitim erklärt" und - wie der Senat - "das ganze Spiel" mitspielten, sagte er. Der Streit um eine neue Kandidatensuche geht nun also erst richtig los.

"Die Universität befindet sich in einer ganz schwierigen Interimsphase", so beschreibt es Krull. Die bisherige Präsidentin Ulrike Beisiegel geht Ende September in den vorzeitigen Ruhestand. Nach den Niederlagen beim Exzellenzwettbewerb wollte und sollte sie den Weg für einen Neuanfang frei machen. Wie der aussieht, ist nun offen.

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