Uni-Gründer setzt auf Start-ups "Ich wäre dumm, diese Chance aus den Händen zu geben"

Risikokapitalgeber Thomas Bachem betreibt in Berlin eine Privathochschule. Um den Betrieb zu finanzieren, bittet er nicht nur Studierende kräftig zur Kasse, sondern setzt auch auf Unternehmen wie Facebook - allen Skandalen zum Trotz.

Mitfinanziert von Facebook und Co: Code University
CODE

Mitfinanziert von Facebook und Co: Code University

Ein Interview von Christine Prußky


Mit Internet-Start-ups verdiente Thomas Bachem seine erste Million, noch bevor er 30 war. Zu Studienzeiten gründete der Softwareentwickler mehrere Firmen und verkaufte sie nach ein paar Jahren. Bachems Videoportal ging 2010 an den Burda-Verlag, sein Lebenslauf-Editor 2014 an Xing. Vor drei Jahren gründete der gebürtige Kölner dann seine eigene private Hochschule: die Code University in Berlin.

Die Uni hat den Anspruch, anders zu sein als staatliche Hochschulen - und finanziert sich auch ganz anders. Bachem glaubt, für ihn könnte das Ganze auch geschäftlich gewinnbringend sein - für den Fall, dass seine Studierenden in Zukunft erfolgreiche Geschäfte machen, an denen er sich möglicherweise frühzeitig beteiligen kann.

ZUR PERSON
  • Paulina Hilesheim
    Thomas Bachem, 33, ist Softwareentwickler, Unternehmer und Risikokapitalgeber. An einer privaten Wirtschaftshochschule, der Cologne Business School, machte er den Bachelor in Wirtschaftswissenschaften. 2017 gründete er die private Code University in Berlin. Das komplett englischsprachige Angebot umfasst drei Studiengänge: "Produktmanagement", "Interaktionsdesign" und "Software-Engineering". Das Jahresbudget der staatlich anerkannten Hochschule belief sich 2018 auf sechs Millionen Euro.

SPIEGEL: Herr Bachem, einige Ihrer bisherigen Gründungen haben Sie nach wenigen Jahren verkauft. Wann steigen Sie bei der Code University aus?

Bachem: Interessant, manche Eltern unserer Studieninteressierten stellen dieselbe Frage. Mein Lebenslauf legt das ja auch nahe. Die Code ist aber kein Internet-Start-up. Ich habe sie von Anfang an mit einem viel längeren zeitlichen Horizont geplant. Ein paar Jahrzehnte betreibe ich sie bestimmt noch selbst.

SPIEGEL: Was hält Sie in diesem Fach?

Bachem: Ich habe wahnsinnig viel Spaß hier und lerne jeden Tag etwas dazu. Wir wollen hier ein Ökosystem für Talente und Gründer aus der ganzen Welt schaffen. Sich an daraus entstehenden Start-ups später auch finanziell zu beteiligen, kann wirtschaftlich interessant sein. Ich wäre dumm, diese Chance aus den Händen zu geben.

SPIEGEL: Bis die Wette in der Zukunft aufgeht, ist Geld in der Gegenwart nötig. Wie sieht das Code-Geschäftsmodell aus?

Bachem: Die Code soll zu 75 Prozent aus Studiengebühren getragen werden. Ein Studium kostet bei uns 30.000 Euro, also über drei Jahre 822 Euro pro Monat. Die meisten Studierenden zahlen jedoch nicht direkt für ihr Studium, sondern führen an die Hochschule in den ersten Jahren nach ihrem Abschluss sieben bis neun Prozent ihres Bruttoeinkommens ab - wenn das mindestens 21.000 Euro pro Jahr beträgt.

SPIEGEL: Wer zahlt der Hochschule die übrigen 25 Prozent?

Bachem: Die restlichen 25 Prozent kommen von Sponsoren und Partnerunternehmen wie Porsche, Zalando, Metro oder auch Facebook. Die Partnerunternehmen leisten einen jährlichen Förderbeitrag. Im Gegenzug können sie Projekte mit unseren Studierenden realisieren und für sich als Arbeitgeber werben.

SPIEGEL: Die Professur für künstliche Intelligenz lassen Sie sich seit 2017 von Facebook bezahlen. Ein Unternehmen, das aus verschiedenen Gründen umstritten ist. Facebook geriet etwa bei der Cambridge-Analytica-Affäre in die Kritik - eine Datenanalyse-Firma, die im US-Wahlkampf auch für Donald Trump arbeitete, konnte Daten von Millionen Nutzern bei Facebook abgreifen. Kamen Sie nach dem Skandal ins Grübeln?

Bachem: Die Affäre hat natürlich große Diskussionen bei uns an der Hochschule ausgelöst.

SPIEGEL: Was sahen die Studierenden kritisch? Welche Vorbehalte gab es?

Bachem: Der überwiegende Teil unserer Studierenden setzt sich kritisch reflektiert mit dem Einfluss von Technologie und Technologiekonzernen wie Facebook auf unsere Gesellschaft auseinander. Gleichzeitig sind sich unsere Studierenden bewusst, dass Facebook ein einflussreicher Teil unserer heutigen Gesellschaft ist, den man nicht einfach ignorieren sollte. Am Ende kamen wir zu dem Schluss, dass Facebook wegen seiner Expertise und seiner Infrastruktur ein Partner ist, von dem unsere Studierenden extrem profitieren können.

SPIEGEL: Was wäre ein Trennungsgrund?

Bachem: Ganz klar: Wenn Facebook in die Lehre oder Forschung eingreifen wollte. Wir sind eine staatlich anerkannte Hochschule. Hier gilt Wissenschaftsfreiheit - das müssen unsere Partner akzeptieren.

SPIEGEL: Dass Facebook an sich umstritten ist, stört Sie nicht?

Bachem: Die Welt ist nicht schwarz-weiß, das wissen auch unsere Studierenden. Seit der Cambridge-Analytica-Affäre hat sich bei Facebook vieles verändert. Zwei Milliarden Menschen nutzen Facebook jeden Tag, um mit ihren Freunden zu kommunizieren. Wir möchten unsere Studierenden in die Lage versetzen, die Chancen und Risiken neuer Technologien selbst zu verstehen und diese aktiv mitgestalten zu können. Gleichzeitig hindert uns die Partnerschaft nicht daran, auch kritisch mit und über Facebook zu diskutieren.

SPIEGEL: Sie sagten mal, Sie hätten mit der Code eine Hochschule gegründet, an der Sie selbst gern studiert hätten. Was hat Sie an anderen Unis gestört?

Bachem: Als ich zwölf Jahre alt war, habe ich begonnen, mir autodidaktisch das Programmieren beizubringen - geleitet von kindlicher Neugier und konkreten Anwendungsideen. Für mich war Softwareentwicklung immer ein kreativer Prozess. Die Angebote der staatlichen Hochschulen, insbesondere im Bereich Informatik, wirkten auf mich jedoch sehr theorielastig, trocken und zumeist überhaupt nicht an praktischen Aspekten orientiert. Darüber hinaus fand ich die Größe und Anonymität vieler Hochschulen abschreckend.

SPIEGEL: Was machen Sie anders?

Bachem: Unser gesamtes Studienkonzept ist darauf ausgerichtet, die Selbstlernkompetenz der Studierenden zu stärken. Sie sollen sich eigenständig neues Wissen erschließen können. Wir geben ihnen deshalb Projektaufgaben und wecken hoffentlich Neugier, um sie dann weitgehend allein nach Lösungen suchen zu lassen.

SPIEGEL: Was heißt das konkret? Ein Beispiel, bitte.

Bachem: Die Studierenden setzen sich beispielsweise in einem Projekt das Ziel, einen Roboter zu entwickeln, der sich autonom in Katastrophengebieten bewegen und über Sensoren verschüttete Menschen orten kann. Angespornt von dieser Zielsetzung begegnen dem studentischen Team täglich neue Herausforderungen. Die Aufgabe unserer Professorinnen und Professoren ist es, die Studierenden bei diesen Lernprozessen zu unterstützen.

SPIEGEL: An staatlichen Unis wirft jeder zweite Informatikstudierende das Studium hin. Wie hoch ist die Quote bei Ihnen?

Bachem: Im Moment liegt sie bei rund zehn Prozent, damit sind wir sehr zufrieden. Die vergleichsweise niedrige Quote liegt bestimmt auch daran, dass wir den Leuten vorher genau erklären, was hier auf sie zukommt.

SPIEGEL: Wer 30.000 Euro auf den Tisch legen muss, zögert vielleicht auch deshalb, sein Studium abzubrechen.

Bachem: Mag sein. Aber sicher spielt auch eine Rolle, dass wir uns bei der Auswahl der Studienanfänger echt Mühe geben. Wer hier studiert, tut das sehr bewusst. Von rund tausend Bewerbern haben wir dieses Jahr nur 150 genommen.

SPIEGEL: Wie wählen Sie Ihre Studierenden aus?

Bachem: Wir haben ein mehrstufiges Verfahren, das mit einer schriftlichen Bewerbung beginnt. Dann stellen wir unseren Bewerbern eine Aufgabe, die sie auf unterschiedliche Weisen lösen können. Uns kommt es auf Kreativität an.

SPIEGEL: Wie ist es mit Diversität? Der Frauenanteil an Ihrer Uni liegt nur bei knapp 22 Prozent, etwa gleichauf mit staatlichen Hochschulen.

Bachem: Hier müssen wir unbedingt noch besser werden. Wir brauchen mehr Frauen in technischen Berufen, und dazu möchten wir unseren Beitrag leisten. Was mich aber sehr freut, ist, dass die Studierendenschaft bei uns dennoch sehr vielfältig ist. Von den 150 Studierenden, die in diesem Monat bei uns begonnen haben, stammt fast die Hälfte aus dem Ausland - aus über 65 verschiedenen Ländern.



insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
joejoejoe 21.10.2019
1. Uni mit 3 Fächern???
Zitat: "Die Uni hat den Anspruch, anders zu sein als staatliche Hochschulen" Eine Schule mit gerade mal 3 Fächern ist mitSicherheit keine Universität. Sie als Uni zu bezeichnen ist unseriös.
gumbofroehn 22.10.2019
2. Im englischsprachigen Kontext durchaus gängig
Zitat von joejoejoeZitat: "Die Uni hat den Anspruch, anders zu sein als staatliche Hochschulen" Eine Schule mit gerade mal 3 Fächern ist mitSicherheit keine Universität. Sie als Uni zu bezeichnen ist unseriös.
Die Code University of Applied Sciences ist eine private, staatlich anerkannte Fachhochschule. Die Bezeichnung University of Applied Sciences ist international für fachhochschulartige Institutionen durchaus gängig (wird auf englischsprachigen Präsentationsmaterialien auch staatlicher FHs /HAWs in Deutschland auch gerne zu "University" verkürzt). Die Begriffsverwendung steht damit in einer amerikanischen Tradition, in der die Bezeichnung "University" nicht unbedingt eine Institution mit Promotionsrecht bezeichnet. Mit dem deutschen Begriffsinhalt einer Universität hat das natürlich nichts zu tun. Ob die Absolventen für ihre Studiengebühren gegenüber dem staatlichen System einen der Gebührenhöhe entsprechenden Mehrwert haben, wird sich zeigen, wenn sie in den Arbeitsmarkt eintreten (ab 2021). Große Forschungsleistungen wird man hier ohnehin nicht erwarten können. Trotz der saftigen Gebühren und der bekannten Sponsorings dürfte die finanzielle Basis (wie bei praktisch allen privaten Hochschulen in Deutschland) eher dünn sein.
joejoejoe 22.10.2019
3. Es gibt doch Subvetionstöpfe!
Zitat von gumbofroehnDie Code University of Applied Sciences ist eine private, staatlich anerkannte Fachhochschule. Die Bezeichnung University of Applied Sciences ist international für fachhochschulartige Institutionen durchaus gängig (wird auf englischsprachigen Präsentationsmaterialien auch staatlicher FHs /HAWs in Deutschland auch gerne zu "University" verkürzt). Die Begriffsverwendung steht damit in einer amerikanischen Tradition, in der die Bezeichnung "University" nicht unbedingt eine Institution mit Promotionsrecht bezeichnet. Mit dem deutschen Begriffsinhalt einer Universität hat das natürlich nichts zu tun. Ob die Absolventen für ihre Studiengebühren gegenüber dem staatlichen System einen der Gebührenhöhe entsprechenden Mehrwert haben, wird sich zeigen, wenn sie in den Arbeitsmarkt eintreten (ab 2021). Große Forschungsleistungen wird man hier ohnehin nicht erwarten können. Trotz der saftigen Gebühren und der bekannten Sponsorings dürfte die finanzielle Basis (wie bei praktisch allen privaten Hochschulen in Deutschland) eher dünn sein.
Wenn das Geld nicht mehr reicht, wird der Staat, werden wir schon einspringen. Zur Not kürzt man eben den staatlichen Universitäten die Gelder.
gumbofroehn 23.10.2019
4.
Zitat von joejoejoeWenn das Geld nicht mehr reicht, wird der Staat, werden wir schon einspringen. Zur Not kürzt man eben den staatlichen Universitäten die Gelder.
Kommt vor (siehe Jacobs University Bremen), ist aber eher nicht der Regelfall: In der Vergangenheit ist in Deutschland eine Reihe privater Hochschulen in die Insolvenz gegangen (bspw. IU Bruchsal, PHU Rostock), andere haben existenzbedrohende finanzielle Schieflagen nur knapp überstanden (bspw. die EBS in Oestrich-Winkel), wobei die Bundesländer (als Träger der allermeisten öffentlichen Hochschulen) in der Regel wenig Interesse haben, private Hochschulen ohne nachhaltige Finanzierung künstlich am Leben zu erhalten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.