Uni Hamburg 55 Professoren gegen Ehrendoktor für Putin

In Hamburg weitet sich der Streit über Wladimir Putin aus. Schon 55 Professoren haben eine Erklärung unterzeichnet, damit dem russischen Präsidenten nicht die Ehrendoktorwürde in der Hansestadt verliehen wird. Der Kreml hält sich bedeckt.


Putin (rechts, mit Schröder): "Autokratischer Staat"
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Putin (rechts, mit Schröder): "Autokratischer Staat"

Die Namen der Professoren sollen Anfang September, wenige Tage vor dem Besuch Putins in Hamburg, veröffentlicht werden, gab Michael Greven als Organisator der Aktion bekannt. "Russland entwickelt sich immer mehr zu einem autokratischen Staat", kritisierte Greven, Dekan der sozialwissenschaftlichen Fakultät.

In dem von den 55 Professoren unterzeichneten Protestschreiben wird unter anderem der "in völkerrechtswidriger Weise geführte Tschetschenien-Krieg" sowie die Unterdrückung und Schikanierung von unabhängigen Medien und zivilgesellschaftlichen Organisationen angeprangert. Putin habe außerdem "keine herausragende wissenschaftliche Leistung" erbracht, die eine Verleihung der Ehrendoktorwürde des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften rechtfertigen würde.

Putin wird am 10. September in Hamburg erwartet, wo er zu Regierungskonsultationen mit Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) zusammenkommt. Außerdem ist Putin Teilnehmer des Diskussionsforums "Petersburger Dialog", den er 2001 gemeinsam mit Schröder initiiert hatte. Die Veranstaltungsreihe soll das Verständnis zwischen Deutschland und Russland fördern.

"Maul halten, vielleicht wächst Gras drüber"

Die Ehrendoktorwürde ist in Hamburg seit Monaten umstritten. St. Petersburg und Hamburg sind Partnerstädte; im April 2003 hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder bereits einen Ehrendoktortitel in St. Petersburg erhalten. Hamburgs parteiloser Wissenschaftssenator Jörg Dräger hält die Doktorwürde allein für eine Sache der Universität. So sehen es auch Bürgermeister Ole von Beust (CDU) und Ex-Bürgermeister Ortwin Runde (SPD). "Die gegenwärtige kritische Diskussion spiegelt aber auch die Schwierigkeiten wider, die damit verbunden sein können, politische Amtsinhaber zu ehren", sagte Dräger.

Ehrendoktor Schröder in St. Petersburg (April 2003): Man tauscht Doktorhüte
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Ehrendoktor Schröder in St. Petersburg (April 2003): Man tauscht Doktorhüte

Die Hamburger Universität will an der Zeremonie am 10. September festhalten und setzt offenbar darauf, dass der Streit bis dahin schon verebben wird. Danach sieht es allerdings nicht aus. Studentenvertreter und Menschenrechtsorganisationen haben bereits Proteste und Gegenveranstaltungen angekündigt. Hamburgs früherer Bürgermeister Hans von Dohnanyi indes findet den Streit "unverständlich". Es sei "unmöglich", dass einige "Moralhüter" einen "Hamburger Skandal" inszenierten, sagte er dem "Hamburger Abendblatt".

Über hochkarätige Gäste in der Hansestadt freuen sich stets auch Ex-Bürgermeister Hening Voscherau und Klaus Asche, früher Präses der Hamburger Handelskammer. "Eine Ehrung zu verderben, die einen wichtigen Gast, auf den es in der Welt ankommt, noch mehr für uns Deutsche und für Hamburg einnehmen soll, ist dumm oder ungeschickt oder beides zugleich", schrieben die beiden in der "Welt" - Hauptsache "Ehrung gut, Stimmung gut, Fotos gut, alles gut". Viel Hoffnung auf eine harmonische Visite haben Voscherau und Asche nicht mehr: "Was jetzt noch getan werden kann? Maul halten, vielleicht wächst bis Herbst Gras drüber."

Momentan will das Gras kaum wachsen. Ob der russische Präsident die Ehrendoktorwürde überhaupt annehmen will, steht noch nicht offiziell fest. Aus der russischen Botschaft hieß es unlängst lediglich, man beobachte "sehr aufmerksam" die Medienberichte. Putin lässt sich demgemäß regelmäßig über die Auseinandersetzungen in Hamburg informieren. Ansonsten hält der Kreml sich bedeckt.



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