Uni-Initiation in Brasilien Barfuß über den heißen Asphalt

In Brasilien müssen Erstsemester ein erniedrigendes Aufnahmeritual über sich ergehen lassen. Sie werden mit Farbe und Speiseöl beschmiert und müssen sich in Schlamm und Kot wälzen. Jedes Jahr gibt es Tote.


Studenten in Brasilia: Geld für Besäufnisse
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Studenten in Brasilia: Geld für Besäufnisse

Die Meute zerrt sie aus den Hörsälen, beschmiert sie mit Farbe und Dreck und jagt sie auf die Straße: In Brasilien müssen derzeit zehntausende von neu immatrikulierten Studenten ein erniedrigendes und gewalttätiges Aufnahmeritual namens "Trote" über sich ergehen lassen. Die Studienanfänger werden teilweise sogar von den älteren Semestern geschlagen, jedes Jahr sterben Menschen. Der Trote, so sagen ältere Studenten, diene dazu, sich bei den Neuen Respekt zu verschaffen, sie zu unterwerfen.

Ausführende sind häufig die so genannten "Verme", die "Würmer", Studenten des zweiten Semesters. Sie werden von Studenten höherer Semester kontrolliert und angeleitet. Einem "Verme", der dabei nicht pariert, droht ebenfalls ein Trote.

Betteln auf der Straße

Rafael Nascimento und Marco Miranda, angehende Ingenieurstudenten der Bundesuniversität von Rio de Janeiro, stehen barfuß an einer lauten Straße im Strandstadtteil Copacabana: "Die älteren Studenten haben uns mitten in der Vorlesung geschnappt", erzählen sie. Sie müssten von morgens an auf der Straße um Geld betteln und abends alles abliefern. "Sonst kriegen wir nämlich unsere Schuhe nicht wieder, die nehmen sie uns vorher weg. Vom heißen Asphalt haben wir schon überall Blasen."

Die Älteren wollten das Geld für Besäufnisse, täglich fünfzig Real. "Wenn wir es nicht zusammenkriegen, müssen wir es uns eben von zuhause borgen. Alles sehr erniedrigend - sie bewerfen uns mit Eiern, beschmieren uns in Tropenhitze mit Speiseöl, Farbe, Mehl, Ketchup, Senf und Kaffee."

Der Trote ist ein Ausdruck des in der brasilianischen Gesellschaft tief verwurzelten Autoritarismus und Machismo, sagen Soziologen und Anthropologen. Er verschont auch junge Studentinnen nicht. Sie müssen beispielsweise erzählen, ob sie noch Jungfrau sind oder wie ihr erster Sex war. "Für mich ist auch Psycho-Folter, wenn man zurückhaltende, schüchterne Studenten zwingt, wild zu tanzen und zu singen wie ein bekanntes Sexsymbol", sagt Soziologieprofessor Cezar Honorato. Er berät Studenten, die nach der menschenunwürdigen Behandlung bei ihm Hilfe suchen.

Qual ohne Ende

Immer wieder sterben Studenten beim Trote, häufig sind harte Drogen im Spiel. Ältere Studenten übergießen ihre Opfer mit Alkohol und zünden sie an. "Heute sehe ich ältere Studenten still und ruhig in der Bank sitzen - morgen attackieren sie auf einmal wie verrückt die Neuen. Für mich ist das schockierend", sagt Honorato.

Zwar ist der Trote an allen öffentlichen Universitäten inzwischen offiziell verboten, doch ist gegen das Ritual nicht leicht anzukommen, besonders in Fächern wie Ingenieurwissenschaften, Medizin, Recht und Sport. Erst nach der Quälerei wird ein neuer Student an einer Hochschule akzeptiert. Viele Professoren lehnen die Trotes ab und bleiben deshalb in der ersten Studienwoche dem Campus fern, hilflos gegenüber der Militanz der ältereren Semester.

Die Ingenieurstudenten Rafael Nascimento und Marco Miranda wollen mit ihren Nachfolgern genauso verfahren: "Wenn wir das hier überlebt haben, rächen wir uns dafür nächstes Jahr an den Neuen."

Campus & Karriere, Deutschlandfunk

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