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Ende der Proteste: Tschüss, Audimax

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Uni-Kehraus Letzte Besetzer pfeifen den Abschieds-Blues

Die Weihnachtsferien sind vorbei, die meisten Audimax-Besetzungen ebenfalls. Langsam rollt die Protestwelle aus. Wird es wenigstens beim Bachelor echte Verbesserungen geben? Haben die Studenten etwas erreicht oder sich am Ende von Bildungspolitikern einwickeln lassen? Ein Rückblick.

Es war der Auszug nach über zwei Monaten: Am Freitagmorgen verhandelten die Hörsaal-Besetzer ein weiteres Mal mit der Potsdamer Uni-Leitung, danach legten sich Katja Klebig und ihre Mitstreiter im Uni-Foyer des Neuen Palais erst noch einmal aufs Ohr, erzählt die Soziologiestudentin. Auf Matratzen und mit Schlafsäcken hatten sie neun Wochen ausgehalten. Katja Klebig klingt abgekämpft.

Ein Stockwerk darüber schraubten derweil Klebigs Kommilitonen die Hörsaalbänke im Audimax wieder am Boden fest. Damit mehr Platz zum Campieren bleibt, hatten die Besetzer Anfang November mehrere Reihen der gepolsterten Klappsitze aus dem besetzten Hörsaal entfernt.

Die Potsdamer waren mit die ersten, die sich, inspiriert von massiven Protesten an österreichischen Unis, im größten Hörsaal ihrer Uni einrichteten. Sie feierten Weihnachten mit Foucault- und Sartre-Lesungen und blieben auch zum Jahreswechsel. Nun sind die 20 verbliebenen Studenten mit die letzten, die ihre Hörsaal-Blockade aufgeben.

"Die Uni hatte uns mit der Polizei gedroht", sagt Besetzerin Katja. Anders als in München, Frankfurt oder Hamburg zogen sich die Potsdamer Studenten allerdings zurück, bevor die Ordnungshüter anrückten. Freitag um 14 Uhr war der Hörsaal geräumt, das Foyer soll weiter besetzt gehalten werden. Die Uni-Leitung ist nicht amüsiert, sie hatte gehofft, dass der Spuk ganz vorbei ist. "Alternative Räume" in einem Bürocontainer wurden den Studenten angeboten, doch das lehnten sie am Freitag ab.

Potsdamer Mini-Erfolge nach neun Wochen

Begünstigt durch eine rot-rote Landesregierung und eine relativ zahme Uni-Leitung waren die Potsdamer Besetzer immerhin ein bisschen mehr erreicht als Besetzer an rund 50 anderen Hochschulstandorten zwischen Ostseeküste und Bodensee. Die Fraktionen von SPD und Linken hörten sich die Nöte der Studenten an und versprachen Linderung. Mitte Dezember beauftragte die Landtagsmehrheit das Wissenschaftsministerium, Brandenburgs Hochschulgesetz zu überprüfen. Das verbuchen die Besetzer als Erfolg: "Wir haben viel erreicht", sagt Katja Klebig.

Ob sich indes etwas ändert, und wenn ja was, ist laut Wissenschaftsministerium in Potsdam längst nicht ausgemacht. Dazu sagte eine Sprecherin SPIEGEL ONLINE am Freitag: "Es wird keine Riesennovelle des Hochschulgesetzes geben, aber es gibt einzelne Stellschrauben, an denen man drehen muss." Vermutlich im März wird Ministerin Martina Münch (SPD) dem Landtag die Ergebnisse der Prüfung vorstellen.

Das ist immerhin etwas. Aber ist es wirklich mehr als das wenige, was die Kultusminister im Dezember bei ihrer turnusgemäßen Sitzung ohnehin beschlossen hatten? Neben allgemeinpolitischen oder Uni-bezogenen, aber diffusen Forderungen hatten die Protestler einige konkrete Punkte auf der Agenda: ein lautstarkes Nein zu Studiengebühren, mehr Mitsprache an den Hochschulen - und vor allem Kritik an der Stofffülle und am ständigen Prüfungsdruck in fehlorganisierten Bachelor-Studiengängen. Der Zorn hatte sich aufgestaut und fand ein Ventil in den Besetzungen und Demonstrationen.

Hilft Sitzfleisch am Ende doch?

Die fielen größer aus in den letzten Jahren, der Herbst wurde relativ heiß und in den Medien so viel über den Studentenzorn berichtet wie schon lange nicht mehr. Plötzlich funkte es auf allen Kanälen: Wir haben verstanden. Es gab ein paar Keilereien zwischen Wissenschaftsministern und Hochschulrektoren - und reihenweise Verständnis-Bekundungen, manche eher echt, andere eher geheuchelt. Am Ende kündigten Länder und Hochschulen an, gemeinsam die gröbsten Bachelor-Irrtümer zu korrigieren.

Sehr konkret ist das bisher nicht, ob den vielen Worten Taten folgen, muss sich erst weisen. Alle Verantwortlichen von der Hochschulrektoren- bis zur Kultusministerkonferenz wussten: Weihnachtliche Besinnlichkeit hat noch fast jede Uni-Revolte klein gekriegt - und so kam es auch diesmal. Viele Besetzer, etwa in Dortmund, Bonn und Bochum, waren schon vor der vorlesungsfreien Winterpause teils halbfreiwillig, teils rabiat aus den Hörsälen entfernt worden. In Hamburg war es am 23. Dezember soweit. Die Studenten der Münchner LMU durften noch auf der Isomatte Weihnachten feiern - doch drei Tage vor Jahreswechsel war auch dort Schluss.

Flavour of the Month (Geschmacksrichtung des Monats) nennen Amerikaner einen Trend, der beinah so schnell verschwindet, wie er aufgetaucht ist. Diesmal kamen die Studentenproteste in der Geschmacksrichtung "besetzter Hörsaal". Im Sommer 2009 war beim Bildungsstreik noch die gute alte Latschdemo das Mittel der Wahl; gut 100.000 Schüler und Studenten zogen durch deutsche Städte.

Welche Art Demonstration hätten's denn gern?

In den Vorjahren zuvor gab es Besetzungswellen von Rektoraten, Präsidentenbüros und CDU-Parteizentralen, außerdem Blockaden von Autobahnen und Bahngleisen. Auch Medien wurden mitunter zur Zielscheibe des Protests: 2007 kaperten Studenten einen Saal im Funkhaus des Hessischen Rundfunks und forderten "faire Berichterstattung". 2003 hatten sie die Macht der Medien ausgerechnet bei der "taz", von Haus aus linksalternativ und rebellionserfahren, gesucht. Prompt ließen die freundlichen Berliner Zeitungsmacher die Studenten mitschreiben und gaben ihnen für künftige Besetzungen noch zehn nützliche Tipps mit auf den Weg:

1. Guten Tag sagen
2. Nicht so viel rauchen
3. Kuchen mitbringen
4. Ironie mitbringen
5. Noch besser: Selbstironie
6. Vorher überlegen, worum's eigentlich geht
7. Auf Worthülsen verzichten
8. Dialogfähigkeit trainieren
9. Auf dem Boden bleiben
10. Pünktlich nach Hause gehen

Ratschläge für die Ewigkeit - und in Sachen Ordnung scheint die aktuelle Protestgeneration einiges gelernt zu haben. Zwar klagten die Uni-Leitungen in Frankfurt und München lautstark über Vandalismus und machten Rechnungen über Schäden in fünfstelliger Höhe auf. Aber anderswo waren Besetzer überaus reinlich: In Münster unterstützten sie die Putzkräfte emsig und fegten alle Krümel selber weg. In Wien, Epizentrum der diessemestrigen Studentenbeben, stimmte man ab und verhängte fürs Audimax ein Rauchverbot.

Zum neuen Jahr sind die meisten Besetzer wieder zu Hause und die meisten Hörsäle frei, mit Ausnahme der FU und der Humboldt-Uni Berlin. Aber wie steht's mit Anstand und Lernfähigkeit bei den Ministern und Uni-Chefs? Das Frühjahr wird zeigen, was aus den Versprechungen wird, für ein besseres Bachelorstudium zu sorgen.

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