Uni-Versager Ich kann fleißige Menschen nicht leiden

Wie fühlt es sich an, im Studium zu scheitern? Uni-Loser Felix Dachsel weiß das genau. In seinem neuen Buch blickt er dem Feind ins Gesicht: Lerngruppen, die das Land mit dem Terror der Fleißigen überziehen.

Felix Dachsel: Aus dem Leben eines Leistungsverweigerers
Artur Krutsch

Felix Dachsel: Aus dem Leben eines Leistungsverweigerers


Zweimal ist Felix Dachsel, 27, an der Uni gescheitert, jetzt versucht er es ein drittes Mal. Als Uni-Loser erzählte der Leistungsverweigerer von seinem Leben jenseits der Karriereleiter. SPIEGEL ONLINE präsentiert Auszüge aus seinem Buch "Abwarten und Bier trinken".


"Am Eingang des Lesesaals im ersten Stock unterhielt sich eine aufgebrachte Lerngruppe. Sie hüpften herum wie Hühner. Eines der Hühner hatte Apfelschnitze mitgebracht und verteilte sie nun an die anderen Hühner. Sie unterhielten sich über die letzte Folge von 'Germanys Next Topmodel'. Sie verständigten sich wie ein Urvolk mit wedelnden Händen, mit Kreischlauten, Fiepen und Kichern. Die Krankheit, die Heidi Klum hat, ist wohl ansteckend. Dann gingen die Hühner zurück in ihre Lerngruppe, setzten wieder ihre ernsten Studiergesichter auf und benahmen sich wie erwachsene Menschen.

Lerngruppen, um das kurz zu erklären, sind terroristische Zellen, die auf lange Sicht die Herrschaft der Heftklammer anstreben. Lerngruppen sind selten konspirativ. Sie treffen sich oft in der Öffentlichkeit, vor allem in Universitätsbibliotheken. Sie sehen auf den ersten Blick harmlos aus. Da wird gescherzt und gelacht, da werden Gummibärchen verteilt und Textmarker getauscht. Es gibt da militante und weniger militante. Die militanten sind bis an die Zähne bewaffnet. Zum Beispiel mit einer Spezialwaffe, die sich Lochrandverstärker nennt.

Ich bin erst an der Universität mit Lochrandverstärkern in Kontakt gekommen, denn ich hatte eine unbeschwerte Kindheit fernab von Lochrandverstärkern. Vielleicht gab es sie bei uns zu Hause, immerhin ist meine Mutter Lehrerin. Aber wenn, dann waren sie vergraben unter einem ewigen Chaos von Geschenkpapier und Zahnarztrechnungen. Lochrandverstärker sind kleine, meist transparente, manchmal auch bunte Gummikreise, die gelochte DIN-A4-Seiten vor dem Ausreißen schützen.

Mit Hilfe des Lochrandverstärkers wollen Lerngruppen, früher oder später, das Land mit dem Terror der Fleißigen überziehen. Das bedeutet: Früh aufstehen, stündlich To-do-Listen anlegen, durch den Park joggen, dreimal am Tag die Wohnung wischen und immer und zu jedem Thema Leitz-Ordner anlegen.

Da gibt es dann den Ordner 'Finanzen 1993', den Ordner 'Haus und Familie 2001 - 2003' oder den Ordner 'Schwedenurlaub 2007'. Das Motto heißt: Man kann alles abheften, wenn man nur will. Wenn die Lerngruppen eines Tages das Land regieren, dann wird alles in zwei Kategorien geordnet: klausurrelevant und nicht klausurrelevant. Jedem Bürger wird es dann gesetzlich vorgeschrieben sein, über Textmarker in mindestens sieben verschiedenen Farben zu verfügen.

"Der Til Schweiger der Studentendarsteller"

Ich habe Angst vor diesen Gruppen, sie sind mir zu radikal. Die Lerngruppen von heute sind um einiges entschlossener und besser organisiert als die K-Gruppen der Siebziger. Aber Lerngruppen waren nur die eine Gefahr, die mir das Leben schwer machte. Was mich viel mehr bedrohte, war die Trägheit.

Ich hatte noch zwei Wochen Zeit, drei Hausarbeiten fertigzustellen. Ich musste mindestens zwei der drei Hausarbeiten schaffen, um nicht exmatrikuliert zu werden. Es blieben also zwei Wochen Zeit, meinen Rausschmiss an der Uni zu verhindern.

An diesem Tag klappte ich in der Bibliothek also meinen Laptop auf und stapelte die nötige Literatur neben mir zu einem Turm der Weisheit. Ich grüßte meinen Nebensitzer mit einem Nicken, wissend, komplizenhaft, wie das ein Werktätiger tut, der einen anderen Werktätigen trifft.

Ob er mir ansah, dass ich gar kein Student war? Denn in Wahrheit stellte ich nur einen Studenten dar. Und das ziemlich schlecht. Ich war der Til Schweiger unter den Studentendarstellern. Das musste doch irgendwann aufliegen."



insgesamt 135 Beiträge
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Seite 1
bonngoldbaer 12.05.2015
1.
Wenn das Satire sein soll, ist es keine gute. Wenn nicht, eignet es sich gut zum Recyceln.
Meskiagkasher 12.05.2015
2. Uni.
Fleiß bringt einen durch die Uni, nicht Intelligenz. Mir graust vor Fleißigen.
ich2010 12.05.2015
3.
gut getroffen! erinnert mich an meine uni zeit - von den lerngruppen habe ich mich allerdings ferngehalten...
glumanda 12.05.2015
4. felix dachsel
wenn er ein buch geschrieben hat und nun veröffentlicht kann er ja so faul nicht sein. ich hoffe er hat nun/ seine berufung gefunden/finden. ansonsten würde ein soziales freiwilliges jahr in einem schwellen- oder entwicklungsland diesem faulen sack gut tun
mike.weissleder 12.05.2015
5. Keine Kulturreformationsrevolution?
Keine Handys, Tablets anderen wertvollen Kulturrevolutionsgüter?
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