Uni-Perle Bozen Laptop statt Lederhose

Die idyllische Region Südtirol in Norditalien gönnt sich in Bozen eine Edeluni für ein Luxusstudium mit Alpenblick. Bei nur 3000 Studenten kennt jeder jeden - man führt ein akademisches Leben wie vor einer Fototapete, wenn auch mit einem Nachtleben wie in Delmenhorst.

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Zugegeben, der wichtigste Durchbruch für die Wissenschaft in Südtirol ist über 5000 Jahre her. Genauer gesagt war es ein Durchschuss: Ein Pfeil durchbohrte das Schulterblatt eines einsamen Wanderers im Hochgebirge, abgeschossen von einem unbekannten Feind. Der hinterrücks Gemeuchelte ruht nun wohltemperiert in einem Schrein, seine Fell-Leggings und Ziegenleder-Unterwäsche sind separat ausgestellt.

"Ötzi", die ledrig-braune Gletschermumie aus der Steinzeit, ist unumstritten die touristische Top-Sehenswürdigkeit Bozens. Auf ihrem Weg zum Archäologiemuseum passieren die Touristen achtlos eine nüchterne Fassade - dahinter verbirgt sich die zweite akademische Attraktion der Stadt, gerade mal zehn Jahre alt: Seit Herbst 1998 läuft der Lehrbetrieb an der Freien Universität, Südtirols erster und einziger Uni.

3000 Studenten verteilen sich auf eine Handvoll Fakultäten an den drei Standorten Bozen, Brixen und Bruneck, darunter rund 200 Deutsche. Die Gäste aus dem Norden schätzen das gute Studienumfeld bei vergleichsweise freundlichen Gebühren: "Ich bezahle genauso viel wie in Deutschland, bekomme dafür aber eine Top-Uni", meint Franca Liza Brandmüller, 25. Die Nürnbergerin studiert Wirtschaft und Management, sie ist sehr froh über ihre Ortswahl.

Lederne Lesesofas und ein Dozent für sechs Studenten

An deutschen Maßstäben gemessen, bietet Bozen ein Studium de luxe. Das Hauptgebäude mitten in der Altstadt, entworfen vom Züricher Architekten-Duo Matthias Bischoff und Roberto Azzola, würde auch einer Werbeagentur zur Ehre gereichen: schwarzer Steinboden, Kunstobjekte, große Fensterscheiben. Vor der Bibliothek fläzen sich Zeitungsleser auf lederbezogenen Sitzlandschaften.

Auf jeden Lehrenden kommen nur sechs Studierende, die neuen internationalen Studiengänge Bachelor und Master hat die Freie Universität schon länger eingeführt.

Einen Satz höre man hier nie, allein schon wegen des geringen Alters der Hochschule, sagt Brandmüller: "Das haben wir schon immer so gemacht." Brandmüller ist Studentenvertreterin bei den Wirtschaftswissenschaftlern; sie und ihre Kollegen residieren im obersten Stock des Hauptgebäudes, von den Büros öffnet sich nach mehreren Seiten der Panoramablick auf die Türme der Stadt. Dahinter erheben sich, im Spätherbst noch goldgelb leuchtend, die Weinberge, die fernen Alpengipfel sind schon mit Schnee bedeckt. Auf der angrenzenden Dachterrasse hatten die Studenten zu Zeiten der Fußball-Europameisterschaft eine Leinwand aufgebaut - Fernsehen wie vor der Fototapete.

Ein Club-Angebot wie in Delmenhorst

Bozen ist hübsch, alpenländische Erker und Schnörkel harmonieren mit italienischen Boutiquen und Feinkostläden. Noch im November sitzen die Menschen vor den Cafés in der Sonne. Auf dem Markt verkaufen Händler Blumen, Pilze und Pastagewürze, er duftet nach gerösteten Maronen.

Nur das Nachtleben sei eher unspektakulär, erzählen die Gaststudenten. Meist treffe man sich in einer Bar zum Veneziano, einem orangefarbenen Aperitif aus Prosecco und Aperol. Die Tanzlust muss man eher privat ausleben - das Angebot an Clubs erinnere sie an ihre Heimatstadt Delmenhorst, scherzt Absolventin Kristina Hartjen, 28.

Nach dem Abschluss zieht es die Norddeutsche denn auch in eine Großstadt, Hamburg oder Berlin, wo sie mit einer Kommilitonin eine Designagentur gründen will.

Der Südtiroler an sich sei halt ein wenig "knospig", verschlossen, sagt Designstudent Thomas Kronbichler, 23, selbst Südtiroler. Umso besser also, dass die Uni so klein und überschaubar ist, so lernen die Studenten einander dann doch leicht kennen. "An großen Hochschulen geht es anonymer zu, hier fühlen sich die Professoren persönlich angegriffen, wenn ich mal fehle", sagt Bettina Schwalm, 24.

Die Münchnerin sah sich in Deutschland um, bevor sie sich für die hiesige Designfakultät entschied. Während man andernorts zu Hause am Schreibtisch werkeln müsse, verfüge Bozen über gut ausgestattete Arbeitsräume.

Davon werden die angehenden Designer bald noch mehr haben: Im Innenhof des Campus haben Bagger eine große Grube ausgehoben, hier werden für neun Millionen Euro neue Werkstätten und Ateliers gebaut. "Ich durfte hier mit einem leeren Blatt Papier anfangen", schwärmt Kuno Prey, der aus Weimar kam, um als Dekan die Designfakultät aufzubauen. "Bozen ist für die Südtiroler der Nabel der Welt, da fließt das Geld leichter."

© UniSPIEGEL 6/2008
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