Uni-Perle St. Andrews Golf und Gummistiefel

Wer in St. Andrews studiert, braucht festliches Gewand und Schuhe mit Spikes: Bälle gehören zum Alltag, Golf ist beliebter Studentensport. An der Uni lernten William, der kleine Prinz, und seine Verlobte Kate - und für Fans schottischer Exzentrik gibt es dort sogar die gute alte Schaumparty.

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Solche Warnschilder beruhigen besorgte Eltern: Wo keine größeren Gefahren drohen als querschlagende Golfbälle, müssten die Sprösslinge gut aufgehoben sein. Zum Beispiel in St. Andrews an der schottischen Ostküste, dem selbsternannten "Home of Golf".

Alexandra Schedat war 18 Jahre alt, als sie prüfte, wo es sich in Großbritannien gut studieren ließe. Exeter? Zu weit ab vom Schuss, befand die Münchnerin. Dann schaute sie sich Leeds an, in Nordengland, doch die Stadt erschien ihr nicht sicher. "Da habe ich mich schon tagsüber unwohl gefühlt", erzählt sie jetzt, drei Jahre danach. Aber wie wär's mit St Andrews? Dieser Uni, das wussten ihre Eltern, hatte auch das englische Königshaus seinen Nachwuchs anvertraut: Thronfolger William.

Vor allem aber landet die schottische Kaderschmiede in Rankings regelmäßig unter den besten hundert Hochschulen der Welt, in der britischen Konkurrenz lag sie zuletzt auf dem dritten Rang hinter Oxford und Cambridge.

Die Gebäude der drei Colleges St Salvator's, St Leonard's und St Mary's erinnern an Hogwarts, die Zauberschule aus den "Harry Potter"-Filmen. Innen riecht es nach altem Papier. Die Holztreppen knarren, die Kirchenfenster sind kunterbunt und die Rasenflächen penibel gepflegt. Das Städtchen könnte als Freiluftmuseum durchgehen, zumal es bloß aus drei Hauptstraßen und einer Handvoll Gässchen besteht. Nicht einmal mit einem Bahnhof kann St Andrews aufwarten; der würde wahrscheinlich auch für unangemessene Unruhe sorgen.

"Von einem Ende der Stadt bis zum anderen brauche ich zu Fuß maximal 20 Minuten", sagt Schedat, die sich für "International Relations and Middle East Studies" eingeschrieben hat. Ein Akademiker-Idyll: 9000 der 17 000 Einwohner von St Andrews gehören entweder als Studenten oder als Mitarbeiter zur Universität. "Ich treffe immer jemanden, den ich kenne und mit dem ich ein Schwätzchen halten kann", erzählt die deutsche Studentin. Auch an der Uni geht es familiär zu. "In meinem Arabischkurs sind wir nur zu fünft", sagt Schedat.

Gummistiefel gelten hier nicht als Modesünde

Die Kehrseite der Studentenlastigkeit: Der Bürgermeister beklagt, dass St Andrews während der Semesterferien zur Geisterstadt wird. Viele der kleinen Kneipen machen dann dicht. Und das Wetter fällt stärker auf als sonst - es ist genau so, wie es dem Klischee für Schottland entspricht, viel Nass von allen Seiten. Gummistiefel gelten hier nicht als Modesünde.

Marcel Spurny hat sich längst ans Wetter gewöhnt. In Wanderschuhen und Regenjacke, die tropfende Kapuze tief in die Stirn gezogen, marschiert er die Prachtstraße The Scores entlang. Hier, direkt an der Küste, wohnen die betuchteren St Andreans in herrschaftlichen Villen.

Der Doktorand hat dafür keinen Blick. Er läuft weiter, am Golfplatz Old Course vorbei, wo sich im Sommer die Promis tummeln, bis zu einer schmucklosen Straße. Sie hat noch keinen Namen, so neu ist sie. Hier sind seit kurzem die naturwissenschaftlichen Fakultäten untergebracht, Physik, Chemie, Medizin und das Forschungszentrum für biomolekulare Wissenschaften.

Der 29-jährige Spurny kam aus Karlsruhe, um über optische Physik zu forschen. "Bei meinem Professor kann ich jederzeit einfach ins Büro laufen", sagt er. "In Deutschland müsste ich einen Termin vereinbaren." Schottland hat er während eines Auslandssemesters in Edinburgh kennengelernt. Er schwärmt, sogar vom Wetter: Im Sommer könne man sich an zwei nahen Stränden in die Sonne legen. "Die scheint dann oft mehrere Tage am Stück."

Wenn der "Bruder" mit der "Schwester"...

Schwer vorstellbar: Jetzt reihen sich Regenschirme, aufgespannt zum Trocknen, in der Eingangshalle der Bibliothek, für Henrik Hannemann, 22, ein vertrauter Anblick. Wie Alexandra Schedat ist er "Undergrad", wie die Bachelor-Studenten hier heißen, und studiert Biologie und Wirtschaft. Seinen Schulabschluss hat er auf einem englischen Internat gemacht. Er kam vor allem, weil es seine Wunschkonstellation in Deutschland nicht gab. "In St Andrews kann man seine Fächer relativ frei kombinieren", erzählt Hannemann. "Außerdem sind viele meiner Schulfreunde hier."

Dass die Stadt so klein ist, stört Hannemann nicht. Im Gegenteil. Die Uni ist für viele Familienersatz - und hat diese Rolle sogar institutionalisiert: Eine "Academic Family" nimmt den Neuankömmling auf. Das sind jeweils eine "Academic Mum" und ein "Academic Dad", Studenten fortgeschrittener Semester, die sich mit den Traditionen der fast 600-jährigen Universität bestens auskennen.

Auf diese Weise entstehen Freundschaften, manchmal auch mehr. "Es kommt immer mal wieder vor, dass die akademischen Eltern am Ende wirklich heiraten - oder auch die 'Geschwister' untereinander", sagt Hannemann. Überhaupt eignet sich die Hochschule vorzüglich als Heiratsmarkt: zehn Prozent der Studenten fänden in St Andrews den Partner fürs Leben, prahlte die Uni-Leitung im November anlässlich der Verlobung Prinz Williams mit Kate Middleton. Die Bürgerliche war dem Blaublüter bei einer studentischen Modenschau aufgefallen - halbnackt, als Lingerie-Model.

Näher kommt man sich auch beim "Raisin Weekend" im Herbst, einem Fest zu Ehren der Academic Family. Die "Eltern" schmeißen Partys für ihre "Kinder", diese überreichen ihnen absonderliche Gaben wie Verkehrsschilder oder alte Matratzen, alle rennen in Phantasiekostümen umher, es wird gesoffen, und am Montag werden die Neulinge von den Älteren kollektiv eingeseift: beim größten Freiluft-Rasierschaum-Kampf der Welt.

"Wir sind ja nicht wegen William hier"

Die beliebten Bälle nehmen sich dagegen gediegen aus. Plakate für solche Tanzveranstaltungen tapezieren den Aufgang zur Bibliothek. "Ich bin hier bestimmt ein bis zweimal im Monat auf einem Ball", schätzt Hannemann. Einen Smoking müssten die Studenten hier auf jeden Fall im Schrank haben, die Kommilitoninnen das entsprechende Abendkleid.

Da die Infrastruktur außer Pubs wenig hergibt, organisieren die Studenten ihre Freizeitgestaltung selbst. 130 Societies, studentische Gesellschaften, haben sich etabliert. Sie führen von Astrologie über Stricken bis zum Debattieren in jedes erdenkliche Hobby ein.

Und dann ist da natürlich Golf. Auswärtige müssen bis zu einem halben Jahr warten, bis sie auf dem Old Course ihre Schläger schwingen dürfen, und zahlen saftige Gebühren. Für die Studenten ist das elitäre Vergnügen fast umsonst. Im Sommer finden hier die British Open statt, das älteste Golfturnier der Welt.

Auch Alexandra Schedat hat ihre ersten Stunden bereits hinter sich. "Eigentlich mag ich Tennis lieber", sagt sie. Aber nach ein paar Versuchen auf dem Hartplatz gegen den peitschenden Nordseewind gab sie auf.

Golf zum Zeitvertreib, Bälle und ein Thronfolger als Ex-Kommilitone - die elitäre Aura täuscht nicht, in St Andrews trifft sich vor allem die Oberschicht.

Aber, sagt Schedat, den Zutritt zu der erlesenen Gesellschaft müsse man sich vor allem mit guten Leistungen erkämpfen. Viele Mitstudenten hätten ein Stipendium ergattert, sie selbst zum Beispiel eines der Europäischen Union.

"Das bedeutet harte Arbeit", meint Schedat. "Wir sind ja nicht wegen William hier."

© UniSPIEGEL 6/2010
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