Uni-Prüfung mit Lücken Analphabet bestand Aufnahmetest mit Auszeichnung

Er kann weder lesen noch schreiben, und trotzdem übersprang er die Auswahlhürden mit Bravour: Ein Analphabet bewies in Brasilien, wie sinnlos die Aufnahmeprüfung einer Privatuni ist - beim Jura-Test schnitt der 27-jährige Bäcker bestens ab.


Dicke Bücher zur Vorbereitung? Unnötig, wenn man Jura in Brasilien studieren will
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Dicke Bücher zur Vorbereitung? Unnötig, wenn man Jura in Brasilien studieren will

Rio de Janeiro - Unter Hunderten von Bewerbern für den Studiengang Jura setzte sich ein Analphabet an einer renommierten brasilianischen Hochschule durch und belegte den neunten Rang. Der 27-jährige Bäcker Severino da Silva schaffte die Aufnahmeprüfung in Rio de Janeiro locker - dank des Multiple-Choice-Systems an der Universität Estacio de Sa, immerhin die größte private Hochschule Brasiliens.

Wie brasilianische Medien am Montag berichteten, ließ der des Lesens und Schreibens völlig unkundige Da Silva alle Textaufgaben links liegen. Er konzentrierte sich lediglich auf Fragen-Blöcke, bei denen er eine Antwort ankreuzen konnte. Der Bäcker meldete sich jedoch nicht auf eigene Faust für die Prüfung an, sondern auf Bitten von "O Globo". Der Fernsehsender wollte beweisen, wie schlecht die Aufnahmeprüfungen privater Universitäten in Brasilien konzipiert sind.

Der Rektor zuckt mit den Schultern

Von den Medien wird Da Silva bereits "Wunder-Bäcker" genannt. Gilberto de Oliveira Castro, Rektor der privaten Hochschule, sagte jedoch, ohne Nachweis eines sekundären Schulabschlusses - vergleichbar mit dem deutschen Abitur - würde Da Silva ohnehin keine Zulassung für das Studium erhalten. Zum glänzenden Prüfungsergebnis des Analphabeten sagte der Rektor, das sei "das Problem, wenn man mit großen Bewerberzahlen arbeiten muss".

Eine Sprecherin des Bildungsministeriums in Brasilia erklärte unterdessen auf Anfrage, die brasilianischen Universitäten seien bei der Festlegung der Kriterien zur Auswahl ihrer Studenten per Gesetz völlig autonom.

Bildungsexperten und Medien kritisieren schon seit Jahren "die praktisch nur auf Gewinn" ausgerichtete Arbeit der privaten Hochschulen. Das Geschäft ist offenbar sehr rentabel: Die Zahl der Privat-Unis stieg in Brasilien von 1990 bis 2000 nach amtlichen Angaben von 696 auf 1004.



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