Uni-Prüfungen in Vietnam "Schummeln? Das macht doch jeder"

Sie verkabeln Perücken und Hemden, kaufen Spickzettel, setzen Strohmänner in die Prüfung: Vietnamesische Uni-Bewerber kennen alle Tricks. Betrug bei den Aufnahmetests ist ein lukratives Geschäft - die Polizei hat jetzt mehrere Schummlerringe ausgehoben.
Von Marina Mai

Eine schwüle Hitze macht das Leben in Hanoi in diesen Tagen unerträglich. Voller Mitleid sieht Pham Thi Hien, Studentin der Finanzwissenschaften im vierten Semester, auf die neuen Studienbewerber. Die bereiten sich, unsicher und gestresst, überall auf dem Campus in Hanoi auf ihre Aufnahmeprüfungen vor. Wer aus entlegenen Gegenden angereist ist, campiert eine Woche lang mit den Eltern irgendwo in der Innenstadt. Viele arme Bauernfamilien haben sich für die weite Reise und den Aufenthalt in der Hauptstadt verschuldet. Und erwarten von ihren Kindern nur eines: Sie müssen die Prüfungen bestehen.

"Diesen Megastress habe ich zum Glück hinter mir", sagt die grazile 20-Jährige. Einen Monat Zeit hatte Pham Thi Hien vor zwei Jahren zwischen den Abitur- und den Aufnahmeprüfungen an der Nationalen Wirtschaftsuniversität. Das hieß einen Monat lang bei sengender Hitze sinnlose Fakten pauken, die sie seitdem nie wieder gebraucht hat. Nach den Aufnahmeprüfungen erhält weniger als ein Drittel der 700.000 Bewerbern einen der begehrten Studienplätze. Abgefragt wird pures, auswendig gelerntes Wissen. Auch Hien spürte damals den Druck ihrer Familie im Nacken, die jahrelang viel Schulgeld für sie bezahlt hatte.

Ob sie bei der Aufnahmeprüfung geschummelt hat? Die Studentin lächelt verlegen. Natürlich. "Das macht doch jeder. Ich hatte mir für 40 US-Dollar einen Spickzettel gekauft." Geschummelt hatte sie auch schon beim Abitur. Teure Privatstunden bei der Chemielehrerin hatten sich ausgezahlt. Die kannte vorab die Aufgaben und hat Hien üben lassen.

Weil Spicken und Betrug an Schulen wie Hochschulen in Vietnam überhand genommen haben, lässt das Bildungsministerium in diesem Jahr erstmals die Uni-Aufnahmeprüfungen durch die Polizei überwachen. An den Türen der Prüfungsräume stellen seit dem 4. Juli Polizeibeamte die Identität der Studienbewerber fest und suchen nach unerlaubten Hilfsmitteln. In den letzten Jahren hätten in den Prüfungsräumen mehrere Menschen mit identischen Personalien gesessen, heißt es. "Die haben die Aufgabenzettel ganz offen untereinander getauscht. Jeder brauchte nur einen Teil der Aufgaben zu lösen. Das erhöhte die Wahrscheinlichkeit, dass man auch besteht", sagt So Duy Du vom Bildungsministerium in Hanoi.

Bezahlte Souffleure für die Prüfungen

Die Polizei hat mindestens zwei Händlerringe ausgehoben. Sie hatten verzweifelte Bewerber für mehr als 3000 Dollar mit Handys und Kopfhörern ausgestattet und ihnen so in den Prüfungsraum Antworten durchgesagt. Die Souffleure - in einem Fall waren Dozenten naturwissenschaftlicher Fächer beteiligt - hatten den Studenten die unerlaubten Hilfsmittel in Perücken oder Kleidungsstücke eingearbeitet. Die vier Drahtzieher sitzen in Haft.

Am Tag vor dem Prüfungsstart hob die Polizei auch einen schwunghaften Handel mit Spickzetteln aus. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Prüfer diese Papiere gegen Geld an Studenten weitergereicht hatten. Im Si Duc Copy-Shop gleich neben der Handelshochschule wurden sie in Massenproduktion im Dreischichtsystem vervielfältigt. Ganz offen bot man sie zum Verkauf an: Ein fein gebündelter Stapel war laut Aushang für 3125 Dollar zu haben. In Teestuben vertrieben dann Zwischenhändler die einzelnen Spickzettel, die offenbar komplette Mathematikaufgaben mit Lösungen enthielten. Gleich 400 Kilogramm davon gingen der Polizei bei einer Razzia im Wohnheim der Nationalen Wirtschaftsuniversität ins Netz, wo auch Hien wohnt.

Heiß begehrt sind an Prüfungstagen auch Handys der Marke Samsung P300 - denn die sehen Taschenrechnern zum Verwechseln ähnlich. Im Prüfungsraum kann man dann auf die riesige Datenmenge des Memospeichers zurückgreifen und sich darauf verlassen, dass der Verkäufer die Lösungen der Prüfungsaufgaben schon eingegeben hat. Klappt das mal nicht, kontaktiert man ihn über SMS.

Wer den Lehrer zahlt, bekommt Hilfe

Die weit verbreitete Schummelei in den Schulen und Hochschulen hat ihre Gründe. In Vietnam genießt Bildung nach der konfuzianistischen Tradition hohe Wertschätzung, und der Hunger der florierenden Privatwirtschaft nach Hochschulabsolventen ist groß. Als Anfangsgehalt können junge Akademiker das Zwanzigfache des mageren staatlichen Mindestlohnes erwarten. Auf der anderen Seite haben die Schulen und Hochschulen enge Kapazitäten, denen sie durch restriktive Selektion, Schulgeld und Gebühren für Zusatzunterricht begegnen. Bei den Aufnahmeprüfungen zählt rein reproduziertes Wissen, getreu dem Konfuzius-Spruch: "Das Wissen der alten Gelehrten ist höher zu schätzen als eigenes Nachdenken." Dieses stumpfe Bimsen kann man im Hightech-Zeitalter mit moderner Technik umgehen.

Eine große Rolle spielen aber auch die geringen Gehälter für Lehrer und Hochschullehrer. Trotz Wirtschaftsboom sieht sich Vietnam nicht in der Lage, seine Staatsdiener angemessen zu bezahlen. Damit nicht alle in die Privatwirtschaft abwandern, ist Nebenerwerb seit zehn Jahren gestattet. Lehrer und Hochschullehrer dürfen ganz offiziell ihren eigenen Schülern gegen Bezahlung Nachhilfe geben.

Vor den Prüfungen sind solche Stunden geradezu Pflicht, weiß Finanzwirtschaftsstudentin Hien: "Wenn ich nicht bereit bin, den bedürftigen Pädagogen mit meinen Nachhilfestunden finanziell unter die Arme zu greifen, habe ich bei den Prüfungen keine Chance." Die Grenzen von Privatstunden bis zum Verkauf von Prüfungsfragen oder zur Beantwortung von Fragen während einer Prüfung via SMS - wie kürzlich an einem Gymnasium nahe Hanoi aufgedeckt - sind dann fließend.

Zur Zeit um die Aufnahmeprüfungen klettert in Vietnam die Suizidrate. Viele Bewerber halten dem Druck ihrer Familien, unbedingt einen Studienplatz zu bekommen, nicht stand. So wurde bereits vor Prüfungsbeginn der Selbstmord einer 19-jährigen Abiturientin gemeldet - sie hatte sich in einen reißenden Fluss gestürzt.

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