Uni-Ranking Neue Standards für die Top-Liga

Schon wieder ein neues Ranking - gibt es nicht schon genug Stress mit den bisherigen? Eben drum entwickelt das Centrum für Hochschulentwicklung im Auftrag der EU gerade einen neuen weltweiten Vergleich. Viele Wissenschaftler halten Ranglisten generell für Zeitverschwendung.

Leuchttürme gesucht: Das CHE strickt an einem neuen globalen Uni-Ranking
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Leuchttürme gesucht: Das CHE strickt an einem neuen globalen Uni-Ranking

Von Yvonne Globert


Die Skandinavier sind seine große Herausforderung. "Für sie", sagt Dr. Gero Federkeil, "sind alle Hochschulen gleich." Deshalb ist es im Norden auch noch nicht ausgebrochen, das große Ranking-Fieber. Ganz anders als etwa in China, wo vor allem um die Karriere ihrer Kinder bemühte Eltern "ganz wild" auf jene Listen seien, die Jahr für Jahr die vermeintlichen Top-Unis des Landes ausspucken. Aber Norwegen und Schweden? Für einen Ranking-Lobbyisten wie Federkeil ein schwieriges Pflaster. Dabei fielen dem Soziologen zahlreiche Gründe ein, warum auch sie bei ihren Unis genauer hinschauen sollten.

Seit Jahren erklärt Federkeil, Mitarbeiter am Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh und dort Projektmanager des größten deutschen Hochschulrankings, auf Workshops und Tagungen, warum Universitäten nicht mehr auf Ranglisten verzichten können. Anfang Juni beauftragte die EU-Kommission das CHE und europäische Partnerorganisationen mit der Entwicklung eines Konzepts für ein neues internationales Ranking; vorangegangen war eine Ausschreibung. Federkeil ist deshalb nun auch auf weltweitem Werbefeldzug: In Kasachstan war er schon. Danach lud ihn das dänische Bildungsministerium ein. Und im November geht es zur Tagung nach Shanghai, Geburtsstätte des gleichnamigen und recht umstrittenen Rankings.

Die EU ärgert sich schon lange darüber, dass - mit Ausnahme britischer Ausreißer wie Oxford und Cambridge - europäische Universitäten in internationalen Rankings eher mies abschneiden, vor allem im Vergleich zu den US-amerikanischen Elitehochschulen. Und dies nicht allein, weil Unis wie Stanford und Princeton per se besser wären. Seit es internationale Rankings gibt, bemängeln Gegner schon deren methodische Schwächen. Ihre Kernkritik: Ranking-Dinosaurier wie das Times Higher Education und das Shanghai-Ranking haben nur international orientierte und auf Forschung fokussierte Universitäten im Blick.

Ärger über Ranking-Dinosaurier

Davon profitieren zwangsläufig die nordamerikanischen Hochschulen und mit ihnen die Naturwissenschaften. Die Ranking-Szene selbst bestreitet nicht, dass sie an sich arbeiten muss. Seit 2006 wacht die International Rankings Expert Group (IREG) über die Einhaltung von Mindeststandards. Dazu gehören etwa Transparenz der Methodik, Kombination verschiedener Blickwinkel, Berücksichtigung kultureller Unterschiede. Der Erfolg aber ist bislang eher mau: Längst nicht alle Anvisierten halten sich daran. Die IREG hat deshalb verbindlichere Regeln versprochen.

Der EU aber reicht diese Zusage nicht. Das CHE soll nun, versehen mit Fördergeld, binnen zwei Jahren ein eigenes globales Hochschulranking konzipieren und erproben, ob es auch tatsächlich realisierbar ist. Eine Million Euro hat die EU dafür lockergemacht. Neben dem CHE ist das Center for Higher Education Performance Assessment (Cherpa) mit im Boot - ein Netzwerk, dem neben dem CHE weitere europäische Partner wie das niederländische Center for Higher Education Policy Studies (Cheps) der Universität Twente und Forscher der belgischen Universität Leuven angehören. Wichtigstes Ziel: Die Methodik des neuen Modells soll transparenter und schlüssiger sein als seine Vorgänger und Unterschiede der einzelnen nationalen Hochschulsysteme berücksichtigen.

Ob ein solcher Vergleich wirklich möglich ist, will das CHE zunächst an zwei Disziplinen, Betriebswirtschaft und Ingenieurwesen, testen. Untersuchen wollen die Forscher dabei zwei unterschiedliche Hochschultypen, für die jeweils spezifische Indikatoren zu entwickeln sind: In der Betriebswirtschaft wollen sie sich auf forschungsorientierte Unis konzentrieren, im Ingenieurwesen auf regional verankerte Hochschulen, die sich eher der Lehre verschrieben haben. Denn wie Studenten in ihrem Studium vorankommen und wie gut die Lehre vor Ort ist, spielte in den bisherigen Rankings keine Rolle - zum Leidwesen etwa der deutschen Fachhochschulen.

Ganz neu aber werden die Gütersloher das Rad nicht erfinden. Für ihr Konzept ziehen sie jenen methodischen Grundansatz heran, der auch für ihr nationales Ranking gilt. Verglichen werden sollen nicht ganze Universitäten, sondern einzelne Fachbereiche. Beim nationalen Ranking fließen dabei bis zu 30 Kriterien in die Bewertung einer Disziplin ein. Jedes Kriterium wiederum wird einzeln bewertet und findet seinen Platz in einer Spitzen-, Mittel- oder Schlussgruppe.

Die EU selbst hat eher grobe Vorgaben gemacht, etwa zu den Ländern, die sich im Ranking wiederfinden sollen: Sechs große und drei kleinere europäische Staaten sollen den Kontinent vertreten und sich mit Nordamerika und Asien messen, repräsentiert von jeweils 25 Hochschulen. Auch Australien ist zur Teilnahme aufgefordert und wäre mit drei Hochschulen dabei. Federkeil und sein Team sollen sie alle zum Mitmachen bewegen. Afrika und Lateinamerika sind vorerst nicht dabei. Dass Uni-Schwergewichte wie Harvard und Yale, die seit Jahren unangefochten die Spitze des Times Higher World University Ranking bilden, sich an dem neuen Verfahren beteiligen, ist ebenfalls unwahrscheinlich. Auch Federkeil hat da Zweifel: "Die hätten nur etwas zu verlieren", sagt er.

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