Uni-Schlüsselfigur Vizechef Eminenzen im Hintergrund

Vizechefs an Hochschulen verwalten riesige Summen, entscheiden über Personal und können sogar dem eigenen Präsidenten gefährlich werden. Der Einfluss der Ressortchefs ist stark gewachsen, zeigt das Magazin "duz". Und die besten Stellvertreter vermitteln Headhunter auf gut dotierte Spitzenjobs.

Universität Duisburg-Essen

Oldenburgs Unipräsidentin, Prof. Dr. Babette Simon, kann sich freuen. Anfang Juli hat der Senat ihrer Hochschule drei neue Vizepräsidenten gewählt: Die Chemikerin Prof. Dr. Katharina Al-Shamery, die Historikerin Prof. Dr. Gunilla Budde und den Ökonomen Prof. Dr. Bernd Siebenhüner. Es sind Simons Wunschkandidaten. Zuvor hatte sie so manche Überstunde investiert, um dieses Team zusammenzustellen. Die Kandidaten mussten ausgewählt, umworben und Vertragsmodalitäten ausgehandelt werden. Und nicht zuletzt mussten die Wahlgremien überzeugt werden. Doch Simon wusste, ihr Engagement wird sich auszahlen: Denn der Erfolg einer Hochschule ist auch von der erfolgreichen Arbeit der Vizepräsidenten abhängig.

Auch der Präsident der TU Darmstadt, Prof. Dr. Hans-Jürgen Prömel, brachte die aufwendige Stellvertretersuche kürzlich hinter sich. Sein Team ist seit Juni im Amt. Und auch dort wird deutlich: hinter der Postenbesetzung steckt eine klare Managementstrategie. Als Prömel 2007 Präsident in Darmstadt wurde, gab es gerade mal einen Vizepräsidenten an der TU. Nach Amtsübernahme stockte Prömel auf drei Vize auf. Und nun hat er ein weiteres Ressort eingerichtet, so dass sein Präsidium neben ihm nun aus vier Vize und einem Kanzler besteht.

Vizepräsidenten gehören zum Topmanagement im Hochschulbereich. An der TU Berlin wurde mit ihnen sogar Wahlkampf gemacht. Als Anfang des Jahres die Neuwahl des Präsidenten anstand, starteten die rivalisierenden Kandidaten Prof. Dr. Martin Gröschel und Prof Dr. Jörg Steinbach ihre Kampagnen gleich mit ihren jeweiligen Teams aus potentiellen Stellvertretern - ähnlich wie man es aus den USA beim Duell ums Weiße Haus kennt.

Mehr Freiheit, mehr Verantwortung

Noch nie zuvor wurden an einer deutschen Hochschule die Vizepräsidenten so explizit in die Wahl der Führungsspitze mit hineingezogen. Steinbachs Team gewann bekanntlich. Was aber die Unibosse Simon, Prömel und Steinbach noch eint, ist die Tatsache, dass alle zuvor selbst Vizepräsidenten waren. Die drei stehen für einen Trend: Vizepräsidenten sind Schlüsselfiguren einer Alma Mater. Übernahmen sie früher eher die Rolle von Zuarbeitern, stehen sie heute als Macher im Fokus. "Noch vor etwa 15 Jahren wäre Vergleichbares undenkbar gewesen", sagt Prof. Dr. Reinhard Grunwald, Geschäftsführer des Zentrum für Wissenschaftsmanagement in Speyer.

Grund für die wachsende Bedeutung der präsidenten ist die zunehmende Autonomie der Hochschulen. Die ist zwar je nach Bundesland und Landeshochschulgesetz unterschiedlich stark ausgestaltet, aber die Richtung ist klar: "Der Staat gibt den Hochschulen mehr Freiheiten, das heißt aber auch, dass sich Hochschulen individualisieren. Deshalb müssen sie ihre innere Arbeitsteilung differenzieren", sagt Grunwald.

Mehr Freiheit bedeutet aber auch mehr Verantwortung: Millionenbudgets müssen verwaltet, Profilierungsstrategien entwickelt, internationale Kontakte geknüpft, Drittmittel eingeworben, Spitzenwissenschaftler angeworben oder attraktive Lehrkonzepte für Studierende umgesetzt werden. "Dafür braucht man Menschen, die betriebliche Managementfunktionen haben", betont Grunwald. Ein Hochschulleiter alleine könnte den Anforderungen nicht gerecht werden. Zwar gibt der Präsident die Leitlinien vor, aber für die operative Umsetzung braucht er Leute, die ihm nicht nur Aufgaben abnehmen, sondern im Detail tiefer im Thema stehen als er selbst.

"So werden einem Vizepräsidenten für Forschunge sämtlich Verwaltungseinheiten wie Forschungsplanung, -strategie, -portfolio und Drittmittelverwaltung zugeordnet", sagt der Hochschulmanagementforscher und Geschäftsführer des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) Prof. Dr. Frank Ziegele.

Das Auweter-Kurtz-Debakel ließ aufhorchen

Häufig werden dabei auch - wie im Fall der Drittmittelverwaltung Kompetenzen vom Kanzler auf einen neuen Vize übertragen. Weiter betont Ziegele: "Der Ressortzuschnitt bildet die strategische Orientierung ab." Womit sich eine Hochschule profilieren und von der Konkurrenz abheben will, lässt sich also daran ablesen, ob sie einen Vize für Forschung, wissenschaftlichen Nachwuchs, Internationales, Lehre, Innovation oder ein anderes Thema hat.

Wegen ihrer exponierten Stellung müssen die Ressortschef mitunter aber auch anstelle des Präsidenten politische Debatten öffentlich aushalten oder anregen - wie jüngst an der Humboldt-Universität Berlin, wo Vizepräsident Prof. Dr. Michael Linscheid in die Kritik geriet wegen des Vorgehens der Hochschule bei der anstehenden Exzellenzinitiative.

Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Vizes von heute müssen nicht nur den Kopf für ihren Präsidenten hinhalten, sie können ihrerseits auch den Präsidenten zu Fall bringen. Wie weit der Einfluss von Stellvertretern reichen kann, zeigte sich auch 2009, als die drei Ex-Vizepräsidenten der Uni Hamburg offen auf Konfrontation zur damaligen Präsidentin Prof. Dr. Monika Auweter-Kurtz gingen und damit einen Stein ins Rollen brachten, der mit dem Rücktritt von Auweter-Kurtz endete.



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