Uni-Seminar in Philadelphia Verschwende deine Zeit

Das Internet macht klüger - das glaubt der amerikanische Dichter Kenneth Goldsmith und bietet deshalb an einer US-Elite-Uni ein besonderes Seminar an: "Zeit im Internet verschwenden".
Von Saskia Ibrom
Dichter und Dozent Kenneth Goldsmith

Dichter und Dozent Kenneth Goldsmith

Foto: Michael Stewart/ Getty Images

Chatten, rumklicken, stundenlang auf Bildschirme starren - und dafür auch noch Creditpoints bekommen? Was sich für viele Studenten anhört wie die Belohnung ihres schlechten Gewissens, wird an der renommierten Pennsylvania University in Philadelphia bald Wirklichkeit: Ab nächstem Jahr kann man an der Ivy-League-Uni den Kurs "Wasting time on the Internet" (Zeit im Internet verschwenden) belegen.

Jeden Mittwoch sollen die Studenten drei Stunden lang im Netz rumsurfen und rumklicken - alles, nur nicht produktiv sein. Nicht einmal miteinander reden dürfen die Teilnehmer, sie sollen sich laut Kursbeschreibung  nur über Chats und soziale Medien austauschen: "Ablenkung, Multi-Tasking und zielloses Sichtreibenlassen sind Pflicht", steht dort.

Der Dozent des Kurses ist der amerikanische Dichter, Radiomoderator und Gründer des Online-Archivs UbuWeb  Kenneth Goldsmith. Er hat bereits Erfahrung mit ungewöhnlichen Unterrichtsmethoden: In der Vergangenheit ließ er seine Studenten im Seminar "Uncreative Writing" stundenlang abschreiben, kein einziger Satz durfte neu erdacht werden.

Ablenkung ist die neue Konzentration

Aber das Ganze hat einen tieferen Sinn: Am Ende des Seminars im Zeitverschwenden sollen Goldsmiths Studenten aus der erzwungenen Ablenkung heraus in der Lage sein, sich besser zu konzentrieren. Der Künstler verkündet, natürlich im Internet: "Ablenkung ist die neue Konzentration."

Goldsmith hofft, dass seine Studenten darüber nachdenken, ob ihre Zeit im Internet tatsächlich "verschwendete Zeit" darstellt - oder ob das ziellose Herumsurfen nicht doch einen Nutzen hat. Zur Ergänzung werden kritische Texte von Betty Friedan, John Cage, Henri Lefebvre und anderen gelesen.

Im Gespräch mit dem amerikanischen Nachrichtenmagazin "Newsweek"  erklärt Goldsmith, er sei genervt davon, überall lesen zu müssen , dass uns das Internet dümmer mache. Er glaubt das Gegenteil: Das Internet mache klüger, und zwar auf eine Weise, "die wir vielleicht noch nicht begreifen können". Auf Twitter schreibt er: "Ja, Tweeten ist richtiges Schreiben."

Wertschätzung des Internets

Aus dieser Frustration heraus sei die Idee für den Kurs entstanden, denn Goldsmith ist davon überzeugt, dass wir entgegen aller kulturellen Endzeit-Szenarien mehr schreiben und lesen als jemals zuvor - nur eben im Internet, dem nicht die gleiche Wertschätzung wie der Literatur oder der Kunst entgegengebracht wird. Goldsmith findet: "Das Internet ist das großartigste Gedicht, das jemals geschrieben wurde."

Seiner Wertschätzung gegenüber dem weltweiten Netz hat Goldsmith schon in der Vergangenheit Ausdruck verliehen, im wahrsten Sinne des Wortes: Im Jahr 2013 versuchte er im Rahmen des Kunstprojekts "Printing Out The Internet" das gesamte Internet auszudrucken. Er widmete das Projekt dem verstorbenen Netzaktivisten Aaron Swartz, der angeklagt war, 4,8 Millionen wissenschaftliche Artikel aus der digitalen Bibliothek JSTOR illegal heruntergeladen zu haben und noch vor Prozessbeginn Suizid beging.

Auf Twitter wurde Goldsmith von einem User vorgeworfen, dass er die renommierte Privatuniversität mit seinem Zeitverschwendungs-Kurs öffentlich blamiere - dabei gibt es an US-amerikanischen Universitäten immer mal wieder ungewöhnliche Seminare, die sich etwa dem Werdegang von US-Rapper Jay-Zoder der Soziologie der Miley Cyruswidmen.

Goldsmith nahm die Kritik locker und teilte den Tweet. Denn er weiß: Auch das gehört zum Internet, dem größten Gedicht aller Zeiten.