Stress im Studium Ausgebrannte Chemiker, faule Philosophen

Das Studium ist ungerecht. Es überfordert Natur- und unterfordert Geisteswissenschaftler. Marisa Kurz muss es wissen - sie studiert sowohl Philosophie als auch Biochemie. Ihr Fazit: Im einen Fach sieben Unis gnadenlos aus, im anderen kommt jeder durch.
Zur Person
Foto: Franz Prösl

Marisa Kurz, 25, hat an einer großen Hochschule in Süddeutschland erst einen Bachelor in Chemie und Biochemie und dann einen Master in Biochemie gemacht. Im Sommersemester wird sie zudem ihr Bachelorstudium in Philosophie abschließen. Danach möchte sie in Biochemie promovieren.

Ich muss schmunzeln, wenn Studenten sich über Bachelor und Master aufregen. Ja, an Deutschlands Hochschulen gibt es ein Problem. Das liegt aber weniger an den Creditpoints als an den Kriterien, nach denen sie vergeben werden. Deswegen sollten wir darüber nachdenken, welche Leistungen wir von Studenten fordern können und welche wir fordern müssen.

Ich habe zwei Studiengänge studiert: Mein Masterstudium in Biochemie habe ich gerade abgeschlossen, in Philosophie stehe ich kurz vor dem Bachelorabschluss. Zwei Fächer mit ganz unterschiedlichen Anforderungen, beide können und sollten voneinander lernen.

Zu viel Stress in Chemie

In Chemie hatte ich etwa 20 Stunden Vorlesungen und Übungen pro Woche, plus 20 Stunden Labor. Ich verließ morgens das Haus, blieb bis etwa 18 Uhr an der Uni, schrieb abends Protokolle und bereitete mich auf die Kolloquien am nächsten Praktikumstag vor, insgesamt bis zu 60 Wochenstunden. Auf die Klausuren (etwa acht pro Semester), konnte ich mich kaum vorbereiten. Auch wenn die Themen das eigentlich erforderten: Quantenmechanik, Kristallografie, Koordinationschemie, Posttranskriptionelle Genregulation.

Im Studium wurde ich ständig benotet, nicht nur bei Klausuren, sondern auch bei täglichen Kolloquien und Protokollen. Jede einzelne Zensur zählt für die Gesamtnote, und die entscheidet darüber, ob man einen Master machen darf.

Während des Semesters stand ich ständig unter Druck, und in den Semesterferien konnte ich mich kaum erholen, ich machte Praktika und bereitete mich auf Nachholklausuren vor. Viele Studenten brechen zusammen, viele, mich eingeschlossen, schaffen das Studium nicht in der Regelstudienzeit.

Nach drei Jahren Druck wollte ich zurück zu meinen Wurzeln: Mein Abitur habe ich an einem humanistischen Gymnasium gemacht, deswegen schrieb ich mich zusätzlich zum Biochemie-Master für den Philosophie-Bachelor ein. Beide Fächer wollen Dinge hinterfragen und verstehen, von daher passen sie sehr gut zusammen.

Zu viel Freizeit in Philosophie

Für mich ergänzten sie sich auch deshalb gut, weil das eine Fach so wenig fordert: In der Philosophie besuchte ich etwa zehn Stunden pro Woche Vorlesungen, Seminare, Tutorien, hinzu kamen sechs Stunden aus dem Nebenfach sowie etwa sechs Stunden Lesezeit. 22 Semesterwochenstunden also. Im Semester musste ich in Philosophie ein Referat halten und zwei Hausarbeiten (10 bis 15 Seiten) abgeben. Hinzu kamen noch zwei bis drei Leistungsnachweise aus dem Nebenfach.

Im Philosophiestudium gilt außerdem für die wenigen Leistungsnachweise eine Best-of-Regelung: Von drei Noten innerhalb eines thematischen "Pakets" geht die schlechteste nicht in die Gesamtnote mit ein. Wer dreimal eine 1,0 schreibt, hat später denselben Schnitt, wie jemand, der zweimal die 1,0 und einmal die 4,0 bekommt.

Ich musste keine Klausuren schreiben; niemand hat geprüft, ob ich jemals Kant gelesen habe. Natürlich sollte ein idealer Philosophiestudent einen Anspruch an sich selbst haben: Aber handelt es sich auch nur bei der Mehrheit der Studenten um ideale Studenten?

Viele Studenten lassen sich davon verführen, 20 Wochenstunden und lange Semesterferien zu haben. Ihnen wird gesagt: Wenn du dich dreimal anstrengst und dreimal eine 1 bekommst, dann zählen wir trotzdem nur zwei. Auch jene Studenten werden durchgeschoben, die vielleicht in diesem oder einem Studium gar nicht richtig aufgehoben sind. In Chemie geht das nicht: Wer das nicht wirklich will und kann, der geht.

Was lernen wir daraus?

Bachelor ist also nicht gleich Bachelor. Einerseits werden Studenten in den Burnout getrieben, andererseits unterfordert. Was also können Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften voneinander lernen?

Auch wenn es sich in den Geisteswissenschaften um eine "Tätigkeit des Geistes" handelt, ist es immer noch ein Studium. Leistungsnachweise sind hier nicht falsch aufgehoben, derzeit gibt es davon zu wenige. Studenten auf eine Unterstellung hin durchzuwinken, ist unfair gegenüber den idealen Studenten und vor allem gegenüber Studenten anderer Fächern.

Die Best-of-Regelung in der Philosophie halte ich für komplett verfehlt. Die Studenten haben mehr als genug Zeit für ihr Studium, man sollte es ihnen nicht noch leichter machen. Das Notenspektrum an der Uni wird sowieso schon nicht ausgeschöpft: Warum sollen Studenten am Ende alle mit "sehr gut" abschließen? Wie sollen sich da wirkliche Überflieger noch abheben?

In der Chemie hingegen wäre die Regelung richtig aufgehoben. Die Studenten werden ständig benotet und stehen unter enormem Druck. Die Zeit für die praktische Ausbildung kann man schlecht kürzen, die Best-of-Regelung würde wenigstens den Notendruck verringern.

Das Philosophiestudium lässt Studenten nicht nur Zeit, sich mit Inhalten auseinanderzusetzen, sondern auch dafür, sich persönlich zu entwickeln. Das ist ein großes Plus. In Chemie kommt beides zu kurz. Am Ende besteht die Gefahr, dass Fachidioten die Uni verlassen. Warum also können Chemiestudenten nicht einen kleinen Teil der Creditpoints fächerübergreifend erwerben? In Philosophie beispielsweise (Stichwort Forschungsethik).

In dem einen Fach sieben wir aus, in dem anderen sieben wir durch. Das wird keinem Fach gerecht.

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