Uni Stuttgart Masterplan oder Desasterplan?

Der Stuttgarter Rektor hofft auf Exzellenz-Lorbeer und will die Universität rigoros umbauen: Technik und Naturwissenschaften sollen wachsen - und die Grübelfächer bluten. Es geht um 24 Professuren. Studenten und Dozenten der Geisteswissenschaften wollen das nicht hinnehmen.

Seit Donnerstag ist es offiziell: Den Geisteswissenschaften an der Universität Stuttgart stehen zugunsten der technischen Studienfächer herbe Einschnitte bevor. In einem "Masterplan", den Uni-Rektor Wolfram Ressel der Presse präsentierte, sind die einschneidenden Maßnahmen festgelegt.

Noch handelt es sich um Vorschläge, keine Beschlüsse. Aber die Wut bei den Studenten und Professoren in den von Streichungen betroffenen Fakultäten ist schon jetzt groß. Knapp 100 Studierende stürmten in Müllsäcken gekleidet die Pressekonferenz. Sie sprachen von einem "Desaster".

Studenten-Demo: Stuttgart, hier kommt der Masterplan

Studenten-Demo: Stuttgart, hier kommt der Masterplan

Foto: DPA

"Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut", skandierten die Studenten, die einen Kahlschlag in den Geisteswissenschaften befürchten. Ressel bestätigte und konkretisierte derweil die in den vergangenen Tagen bereits in Medien kursierenden Pläne. Demnach soll die Universität noch stärker ingenieur- und naturwissenschaftlich ausgerichtet werden. Für die Umstrukturierung stehen 24 Professuren zur Disposition, die umgewidmet werden sollen.

"Profilbildende Maßnahmen" nennt das der Rektor. Ziel sei es, sich für künftige Wettbewerbe, vorrangig für die nächste Runde der Exzellenzinitiative, "fit zu machen". 2007 hatten baden-württembergische Hochschulen bei der Exzellenzinitiative aufgetrumpft. Die Universität Stuttgart erhielt die Förderung für ein Graduiertenkolleg und ein "Exzellenzcluster" in den Ingenieurwissenschaften, ging aber bei den "Zukunftskonzepten", der wichtigsten Förderlinie, leer aus. Dafür gab es 27 Bewerber. Aus dem Südwesten überzeugten die Juroren Freiburg, Heidelberg und Konstanz.

16 Professuren in den Geisteswissenschaften gefährdet

Das Rektorat will "Bereiche zurückfahren, die nicht mehr im Zentrum der Universität stehen". Auf der Streichliste stehen zwar auch acht Professuren in weniger forschungsträchtigen Fächern der Ingenieur- und Naturwissenschaften, darunter die Bereichen Architektur, Siedlungswasserwirtschaft, Biologie, Chemie und Physik. Dem gegenüber stehen allerdings 16 wegfallende Professuren in den Geistes- und den Wirtschaftswissenschaften.

Betroffen sind das Historische Institut, die Kunstgeschichte, die Betriebs- und Volkswirtschaftslehre sowie - allein mit fünf Professuren - die Literaturwissenschaften. Lediglich im Fach Germanistik ist eine Stärkung angedacht. Insgesamt wird an acht der zehn Stuttgarter Fakultäten gekürzt.

"Wo umstrukturiert wird, bleibt immer etwas auf der Strecke", räumte der Uni-Rektor ein. Doch die Uni Stuttgart werde "auch in Zukunft die Universitas" im Blick haben". Es sei "nicht das Ziel, die Geistes- und Sozialwissenschaften abzuschaffen". Die Universität müsse sich nun einmal der Zukunft stellen müsse und sei zur Umstrukturierung "gezwungen". Da "keine zusätzlichen Mittel vom Land Baden-Württemberg zu erwarten sind", müsse eben umverteilt werden, so Ressel.

Dem Rektor zufolge soll der "Masterplan" nun in den zehn Fakultäten mit ihren insgesamt rund 150 Instituten und in den Gremien diskutiert werden. Änderungen schließt er nicht aus. So stand etwa die Mediävistik schon auf der Streichliste, soll nun aber doch erhalten bleiben. Bis Ende September soll die Rektoratsinitiative in den Uni-Gremien ausdiskutiert sein und beschlossen werden. Die Uni solle sich in den Geisteswissenschaften "in Richtung Wissenskultur" entwickeln, sagte Ressel.

Ganze Bereiche "zum Ausbluten" verurteilt?

Die protestierenden Studenten ließen sich davon nicht beeindrucken. Mit Transparenten machten sie deutlich, dass ihnen der vom Rektor geforderte Preis für die Hoffnung auf eine erfolgreiche Teilnahme an Wettbewerben zu hoch ist, auch wenn der Rektor wiederholt versichert, dass es nur um eine "Straffung" gehe. In einer Erklärung von Studierendenvertretern heißt es, die betroffenen Bereiche seien "zum Ausbluten" verurteilt.

Auch ein Professor aus dem Historischen Institut machte seinem Unmut Luft. Aus den Zuhörerreihen heraus und unter lautem Applaus von Studenten griff er in der Pressekonferenz den Rektor verbal an: Der Masterplan "amputiert" die Geisteswissenschaften, schimpfte er und sprach von einer "unzulässigen und gefährlichen Verengung" der Fächervielfalt. Der Rektor blieb ruhig. "Es ist immer schwer, sich von etwas zu trennen", warf er in den Raum. Als der Professor androhte, die von seinem Institut bereits erarbeiteten Vorschläge für den nächsten Exzellenzcluster-Antrag zurückzuziehen, schluckte Ressel aber dann doch. Ihm lägen dazu andere Informationen vor, sagte er nur.

Die Studenten können sich derweil über Unterstützung aus der Politik freuen: Die SPD-Landesvorsitzende Ute Vogt sieht die Uni auf dem "hochschulpolitischen Holzweg" und kündigte ihre Hilfe bei den Protesten an. Auch die Grünen versprechen Widerstand. Das "Abwracken" der Stuttgarter Geisteswissenschaften dürfe nicht hingenommen werden, heißt es in einer Erklärung der Grünen-Landtagsfraktion.

Tanja Wolter, ddp
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