Uni-Tagebuch aus Südafrika Im Minitaxi durchs schwarz-weiße Land

Wer Südafrika erleben will, bleibt länger als für eine Fußball-WM. Jurastudent Johannes Döveling hat sein Auslandsjahr-Tagebuch mit allen Höhen und Tiefen gefüllt - ein bedrohlicher Überfall, Reifenpanne im Hochland, Auftakt zur größten Fußballparty der Welt. Jetzt sagt er: Tschüs, Vuvuzelas.

Johannes Döveling

14. Juli 2009

Ankunft in Kapstadt, am Flughafen erwartet mich meine Gastgeberin, eine Juraprofessorin, die ich 2006 bei ihrem Gastaufenthalt an der Universität Bayreuth kennengelernt habe. Als sie von meinen Südafrika-Plänen hörte, bot sie mir gleich an, übergangsweise bei ihr zu wohnen. Die Fahrt zu ihrem Haus geht vorbei an den Townships. Mauern und Zäune trennen die Wellblechhütten von der Autobahn.

Im Uni-Stadtteil Rondebosch erwartet mich eine andere Welt: noble Häuser im viktorianischen Stil, ein Campus mit Palmen und pompösen Bauten, im Hintergrund der Tafelberg. Hohe Zäune schützen jedes Haus, auf dem Uni-Gelände sollen Notrufsäulen Überfälle verhindern.

Von allen Seiten bekomme ich Warnungen: "Bloß nicht alleine auf die Straße! Züge lieber nicht benutzen! Und die Minibustaxis erst recht nicht!" Soll ich etwa den ganzen Tag im Haus bleiben? Bei meinen Erkundungsspaziergängen schaue ich mich fortan gefühlte fünf Mal pro Minute um.

Juli 2009

Meine erste Woche an der University of Cape Town. Ich sitze zwischen Verwaltungsbeamten, Umweltrecht-Beratern und Umweltaktivisten, sie kommen aus Südafrika, Lesotho, Tansania und Kenia, ich bin der einzige Europäer. Der Kurs behandelt südafrikanisches Umweltrecht. Die Gesetze sind erstaunlich fortschrittlich, die Realität sieht oft anders aus. Was nützt ein innovatives Abfallgesetz, wenn in der Praxis nicht einmal die Hälfte der Südafrikaner Zugang zur Müllabfuhr hat?

Den Kurs zum internationalen Wirtschaftsrecht besuchen 20 Studenten aus der ganzen Welt, aus Entwicklungs- und Industrieländern. Wir diskutieren darüber, wie die Weltwirtschaftsordnung die Entwicklungsländer benachteiligt. Oder ob Industrieländer ihre Entwicklungshilfe an die Einhaltung der Menschenrechte knüpfen dürfen.

Klar, wir zahlen ja - dann dürfen wir auch faire Bedingungen einfordern, argumentieren wir Industrieland-Studenten. "Das ist neuer Kolonialismus", empören sich die Südafrikaner und Tansanier, "wenn Industrieländer ihre Märkte für Agrarprodukte abschotten und uns über Entwicklungsgelder ihre politischen Vorstellungen aufdrängen."

27. August 2009, 23 Uhr, Kapstadt im Stadtteil Woodstock

Kaum jemand ist auf der Main Road unterwegs, hinter jedem Ladenfenster massive Einbruchsgitter. Zu dem Haus meines Freundes sind es nur wenige hundert Meter. Kein Problem, sage ich mir, schließlich bin ich in Begleitung eines Südafrikaners, der sich auskennt.

Plötzlich sind da zwei Männer, schlagen ohne Vorwarnung auf uns ein, durchsuchen meine Hosentaschen. Instinktiv greife ich nach den fremden Händen, versuche mein Portemonnaie und mein Handy zu verteidigen. Sekunden später wird mir bewusst, wie gefährlich das ist - was, wenn die Angreifer ein Messer oder eine Pistole haben? In Südafrika werden mehr als 18.000 Menschen jährlich ermordet.

Ich gebe auf, flehe die Männer an, aufzuhören. Mein Begleiter kassiert weiter Faustschläge, weil er das Portemonnaie nicht rausrückt. Einige Autos fahren vorbei, unsere Angreifer verschwinden mit meinem Handy als Beute, sie rennen nicht einmal. Ich zittere am ganzen Körper. Erst am nächsten Tag wird mir so richtig klar, wie viel Glück wir gehabt haben, dass wir noch am Leben sind.



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